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Thorsten Schüttes Dokumentarfilm „Why We Play“ blickt hinter die Kulissen des Ensemble Modern und auf die Entstehung zeitgenössischer Musik

Von Philipp Rhensius

Eine Musikerin streicht mit der Rückseite ihres Bogens über die Saite ihre Viola. Ein Kratzgeräusch hallt durch den Raum. Ein Saxofonist bläst in sein Instrument und erzeugt dabei keinen Ton, nur ein leises sonores Rauschen. Wie ein künstlicher Wind, der so in der Natur nie vorkommen würde, dafür ist der Klang zu präzise.

Jetzt setzen die übrigen Streicher ein. Sie verdichten die einzelnen Geräusche zu einem Klanggebilde, das an das Knirschen eines Schiffsrumpfs erinnert, lange bevor er bricht, als an das, was die meisten Menschen Musik nennen würden.

Die besten Momente von „Why We Play“ sind jene, in denen sich dieser Musik beim Entstehen zusehen lässt. Thorsten Schüttes Dokumentarfilm begleitet die Mu­si­ke­r*in­nen des Ensemble Modern durch Proben, Diskussionen und Aufführungen. Das 1980 in Frankfurt gegründete Ensemble gilt als eines der weltweit wichtigsten für zeitgenössische Musik.

Anders als viele Ensembles versteht es sich nicht bloß als Interpret, sondern als Partner der Komponist*innen, deren Werke oft gemeinsam entstehen. Im Fokus steht hier nicht der Mythos, sondern die Arbeit eines Ensembles, das mit Komponisten wie Steve Reich oder György Ligeti zusammengearbeitet hat: das Suchen nach einem Klang, das Ringen um eine Interpretation, die Frage, warum ein Geräusch so und nicht anders entstehen muss.

Der Film begegnet diesem lustvollen Abnerden mit Sympathie. Fast nebenbei zerlegt der Film dabei einige der hartnäckigsten Vorurteile über Neue Musik. Sie sei bloß etwas für Leute, die freiwillig die Bedienungsanleitung ihres Geschirrspülers lesen. Viele begegnen Neuer Musik ähnlich wie Lyrik: mit Abwehr. Zu groß scheint die Gefahr, etwas nicht zu verstehen.

Doch ein Kratzen auf einer Saite oder ein Luftgeräusch im Saxofon können dieselbe Funktion erfüllen wie die Melodie in einem Popsong. Nur geht es nicht darum, etwas Bekanntes wiederzuerkennen. Klänge repräsentieren oft nichts, sie sind ihr eigener Gegenstand.

Neue Musik verhält sich zu Popmusik oft wie ein Gedicht zum Roman: Sie erzählt selten Geschichten im klassischen Sinn. Stattdessen handelt sie von Zuständen, Atmosphären und Gefühlen, die sich nicht direkt einordnen lassen.

Vielleicht sagt ein Musiker deshalb, um gut zu spielen, müsse er Teil der Musik werden. Sie erschließt sich weniger über Bedeutung als über Aufmerksamkeit. Wer sich auf sie einlässt, entdeckt, wie unterschiedlich die Welten des Ensembles sind. Mal erinnert sie an Noise oder Metal, mal an spätromantische Stücke – bemerkenswert, wie brav und versicherungstauglich diese inmitten all der anderen Klänge wirken.

Der Regisseur begegnet dieser Vielfalt angenehm unaufgeregt. Schütte vertraut darauf, dass Menschen, die zwanzig Minuten über ein einzelnes Geräusch diskutieren, interessant genug sind. Anders als viele Musik-Dokus der letzten Jahre verzichtet er darauf, jede Probe zum Schlüsselmoment zu verklären. Die Kamera beobachtet geduldig, der Ton scheint wie das Orchester jedes Rascheln und jeden Zuruf ernst zu nehmen.

Die Vielfalt des Gehörten spiegelt sich nicht immer in der Dramaturgie. Bis zum Schluss wechseln die Szenen zwischen Proben und Talking Heads. Manche Gedanken sind redundant. Ja, die Mu­si­ke­r*in­nen haben unterschiedliche Persönlichkeiten, ja, sie arbeiten dennoch gemeinsam auf ein Ziel hin. Das ließe sich ebenso über die lokale Müllabfuhr oder jedes Start-up sagen. Gerade die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Ensemble-Mitglieder hätten Anlass für mehr Reibung geboten, als der Film letztlich zeigt.

Wenn einige Ältere von den Anfängen in den 1980er Jahren erzählen, schleicht sich gelegentlich ein leichter Fraktus-Vibe ein – jene fiktive Band aus der gleichnamigen Mockumentary, deren Mitglieder ihre eigene Bedeutung zwischen Größenwahn und Nostalgie rekonstruieren. Doch gemessen an der wirklichen Relevanz des Ensembles wirken die wenigen Momente der Selbstmythologisierung erstaunlich bescheiden.

In einem Punkt sind sich alle Mitglieder einig: Sie wollen nicht stehen bleiben, sie wollen die Gegenwart. Gespielt werden Werke lebender Kom­po­nis­t*in­nen wie Brigitta Muntendorf, die das Ensemble für eines ihrer Stücke in Perücken steckt und die Grenzen zwischen Konzert und Theater verwischt, ebenso wie Kompositionen von Kagel, Stockhausen und anderen Pionieren der Neuen Musik.

Was einst als radikaler Aufbruch begann, besitzt heute selbst eine Geschichte. Anders als die meisten Orchester arbeitet das Ensemble Modern ohne Chefdirigenten oder künstlerische Leitung. Entscheidungen werden kollektiv getroffen. Die demokratische Struktur ist kein Verwaltungsdetail, sondern ästhetische Konsequenz.

Es sind Menschen, die bereit sind, immer wieder unbekanntes Terrain zu betreten. Klingt banal. Für ein Ensemble, das seit fast 50 Jahren neue Musik spielt, ist es die radikalste Haltung überhaupt.

„Ensemble Modern – Why We Play“. Regie: Thorsten Schütte. Deutschland 2026, 104 Min.

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