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Fehlende Kapazitäten im StromnetzKritik an Reiches Plänen zum Netzausbau

Die Wirtschaftsministerin will neue Regeln für Stromnetzanschlüsse von Erneuerbaren. Germanwatch und Deutsche Umwelthilfe haben Gegenvorschläge.

Kein Anschluss an dieses Netz: Fehlende Kapazitäten im deutschen Stromleitungssystem verhindern, dass Windräder oder Solaranlagen ans Netz angeschlossen werden können. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) plant nun zwar neue Spielregeln für die Anschlusspolitik – aber diese sind kontraproduktiv und führen zu einer falschen Steuerung, warnen die Umweltorganisationen Germanwatch und Deutsche Umwelthilfe. Um die Netzblockaden aufzulösen, seien andere Schritte nötig.

Die Organisationen erheben ihre Forderungen vor dem Hintergrund einer gerade veröffentlichten Studie des Beratungsunternehmens AFRY. Die Au­to­r:in­nen haben anhand des Marktstammdatenregisters der Bundesnetzagentur und der öffentlichen Strommarktdatenbank SMARD untersucht, wie viele Erneuerbaren-Anlagen und Batteriespeicher mit einer Leistung von mehr als einem Megawatt auf einen Netzanschluss warten.

Danach ist der Bedarf an Stromnetzanschlüssen in naher Zukunft immens. Die Au­to­r:in­nen schätzen, dass es in Deutschland etwa 40.000 Projekte gibt, deren Be­trei­be­r:in­nen einen Anschlussantrag gestellt oder eine Zusage haben, aber nicht angeschlossen sind. Der Grund: nicht gelegte Leitungen oder unfertige Anlagen. Den Schätzungen zufolge begehren Erneuerbaren-Projekte mit einer Gesamtleistung von 140 Gigawatt und Batteriespeicher mit 130 Gigawatt Leistung einen Anschluss. Und das ist nicht der gesamte Bedarf. Hinzu kommen Anschlusswünsche von Verbraucher:innen, etwa aus der Industrie. Sie sind in der Studie nicht berücksichtigt.

Der Bedarf an Anschlüssen ist also enorm. Immer wieder kommt es zu langen Wartezeiten, fertige Anlagen müssen auf eine Anbindung ans Netz warten. Das sieht auch Bundeswirtschaftsministerin Reiche. Sie will mit einem „Netzpaket“ die Spielregeln ändern.

„Netzpaket ungeeignet, den Flaschenhals zu beseitigen“

Ein Punkt: Die sogenannten Verteilnetzbetreiber sollen mehr Macht bekommen. Die Verteilnetzbetreiber, das sind zum Beispiel Stadtwerke oder Töchter von Energiekonzernen, sind die entscheidende Instanz für den Netzanschluss vor Ort. Von ihnen gibt es bundesweit mehr als 850. Heute haben Projektbetreiber einen Anspruch auf einen Netzanschluss – der sich aus technischen Gründen oder wegen fehlender Kapazitäten verzögern kann.

Die Ministerin will einen sogenannten Redispatch-Vorbehalt einführen: Derzeit bekommen Erneuerbare-Anlagen eine Entschädigung, wenn sie wegen Netzüberlastung abgestellt werden. Das soll künftig für zehn Jahre in Netzgebieten wegfallen, in denen heute mehr als 3 Prozent des theoretischen Jahresstromertrags abgeregelt wird. In diesen Gebieten sollen Verteilnetzbetreiber einen größeren Spielraum bei der Anschlussvergabe bekommen.

„Das Netzpaket ist völlig ungeeignet, den Flaschenhals Verteilnetzanschluss zu beseitigen“, sagt Imke Irmer, Teamkoordinatorin Erneuerbare und Infrastruktur bei der Deutschen Umwelthilfe. Das sieht auch Henri Schmitz, Energieexperte von Germanwatch, so. „Die von Ministerin Reiche vorgesehenen Instrumente sind kontraproduktiv“, sagt er.

Der Redispatch-Vorbehalt werde dazu führen, dass Investitionen in Erneuerbare einbrechen. Denn Banken würden wegen der unsicheren Ertragslage Anlagen teilweise nicht mehr finanzieren. Schmitz hält es für den richtigen Weg, den Zubau von Erneuerbaren in Gebiete zu verlagern, die mehr freie Netzkapazitäten haben – aber nicht so, wie Reiche es plant. Es gebe bessere Instrumente, zum Beispiel die Einführung regional differenzierter Zuschüsse der Anlagenbetreiber zu den Ausbaukosten.

Dass Verteilnetzbetreiber beim Netzanschluss zusätzliche Spielräume bekommen sollen, hält Schmitz für keine gute Idee. Auch hier sieht er zwar Handlungsbedarf. „Wir brauchen Instrumente, um mit der Flut von Anträgen umzugehen.“ Aber seiner Auffassung nach sollten nicht – wie von Reiche vorgesehen – die Verteilnetzbetreiber die Prioritäten für eine Anschlussvergabe setzen.

„Sie würden damit unter anderem entscheiden, welche Wirtschaftszweige sich in einer Region entwickeln können und welche nicht“, kritisiert er. Außerdem sei zu fürchten, dass viele Verteilnetzbetreiber ihre Prioritäten so setzen, dass sie möglichst wenig investieren und digitalisieren müssen. „Es sind klare politische Vorgaben nötig, wie die Anschlussprioritäten aussehen sollen“, fordert Schmitz. Ansonsten drohe ein Flickenteppich an Vorgaben. In anderen europäischen Ländern, etwa in Griechenland, werden Anschlussanfragen nach einheitlichen Vorgaben bedient.

Der AFRY-Studie zufolge führen auch spekulative Anfragen vor allem von Stromspeicherbetreibern zu Verzögerungen beim Netzanschluss. Denn weil es so schwierig ist, eine Zusage für einen Anschluss zu bekommen, werden viele Anträge auf Vorrat gestellt – und verzögern die Genehmigungen. Schmitz schlägt deshalb vor, dass Antragsteller eine Reservierungsgebühr zahlen, die bei Realisierung zurückerstattet wird.

Der Energieexperte sieht auch Positives in Reiches Netzpaket: Ein Fortschritt sei, dass die Netzbetreiber künftig Transparenz über freie Anschlusskapazitäten schaffen sollen und es Vorgaben für die Digitalisierung der Anschlussverfahren geben soll.

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