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Iran und ReligionEndzeitstimmung in Iran

Ein schiitischer Apokalypsekult bestimmt zunehmend die iranische Politik und erschwert die Verhandlungen von iranischer Seite. Was steckt dahinter?

An einem Abend im Mai treffe ich Mahmoud in einer verrauchten Bar in Berlin-Neukölln. Er ist gläubiger Schiit, wir kennen uns seit vielen Jahren. Wenige Tage zuvor hatte die New York Times berichtet, dass Iran trotz der israelisch-amerikanischen Luftschläge noch immer über 70 Prozent seines Raketenarsenals verfügen soll.

Das habe ihn nicht überrascht, sagt Mahmoud. „Ich weiß, wie sie denken. Seit 47 Jahren haben sie sich auf Krieg gegen die USA und Israel vorbereitet. Warum? Weil sie glauben, dass dieser Krieg notwendig ist, damit Imam Mahdi zurückkehrt.“

Auch Mahmoud ist überzeugt davon. Auch er wartet auf Imam Mahdi und sieht diesen aktuellen Krieg als Voraussetzung dafür, dass alte Prophezeiungen Wirklichkeit werden.

So wie er denken gerade viele schiitischen Muslime. In ihrem Glauben ist Mahdi der letzte rechtmäßige muslimische Herrscher. Er verschwand im 9. Jahrhundert, um als endzeitlicher Erlöser, inmitten weltweiten Chaos, zu erscheinen und in einem apokalyptischen Endkampf das Böse zu besiegen. Daraufhin soll Mahdi von Jerusalem aus eine weltweite islamische Regierung anführen – bis zum Tag des Jüngsten Gerichts.

Im Mahdismus wird Eskalation zur Pflicht

So jedenfalls lautet die traditionelle schiitische Eschatologie, die Lehre vom Ende der Welt. Doch seit dem Beginn des Krieges zwischen Iran und den USA gewinnt eine radikale Randströmung an Einfluss: der Mahdismus. „Ihre Anhänger begnügen sich nicht damit, auf die Rückkehr des Mahdi zu warten. Sie wollen seine Rückkehr aktiv beschleunigen“, sagt Reza Hajatpour, Professor für Philosophie und islamische Theologie.

Dafür müssen verschiedene Prophezeiungen erfüllt werden. Diese reichen von umfassender Zerstörung durch zivilisatorische Kriege bis hin zur Vernichtung Israels. Ähnlich den messianischen Rechtsextremen in Israel, die die Al-Aksa-Moschee und den Felsendom beseitigen wollen, damit der Messias erscheinen kann, sind auch immer mehr iranische Ideologen überzeugt, dass sie Jerusalem „befreien“ müssen, damit der Mahdi zurückkehrt.

Irans Raketenarsenal ist so gesehen keine Frage der Technik oder der Militärstrategie, sondern ein „Gottesdienst“, wie es kürzlich der iranische Kleriker Alireza Panahian ausdrückte, ein Vertrauter des Obersten Führers Modschtaba Chamenei.

Für viele westliche Iran-Beobachter bleibt der Mahdi-Kult ein blinder Fleck. Das Ausmaß, in dem er die iranische Politik beeinflusst, werde regelmäßig unterschätzt, so stellten Forscher des Middle East Institute schon 2022 fest.

Mit Krieg die Wiederkehr des Mahdi beschleunigen

Anhänger des Mahdismus torpedierten zuletzt auch die Verhandlungen mit den USA. Recherchen der CNN zeigten, wie eine einflussreiche Gruppierung namens „Jebhe-ye Paydari“ – zu Deutsch: Front der Ausdauer –, ein neues Abkommen mit den USA verhinderten. Die Gruppe versteht sich als Hüterin der Werte der Islamischen Revolution, ihr gehören neben dem ehemaligen Sicherheitschef Saeed Jalili mehrere Parlamentarier und hochrangige Mitglieder der Revolutionsgarden an. Ihr spiritueller Anführer, Ajatollah Mohammad Mehdi Mirbagheri, forderte bereits 2019 einen „umfassenden Krieg, um die Wiederkehr des Mahdi zu beschleunigen“.

Angesichts dessen sprechen Irankenner wie Hajatpour von einer tiefen Spaltung der iranischen Politik. Doch der Graben verlaufe nicht mehr zwischen sogenannten Reformern und Hardlinern, sondern zwischen einem radikalen Lager, das pragmatisch denkt und die Erhaltung des Systems an erste Stelle setzt, und noch radikaleren Kräften, die kein Risiko scheuen, um ihre ideologischen Ziele zu verfolgen.

Während dem ersten Lager etwa Irans Chefverhandler und Parlamentspräsident Mohammad Ghalibaf angehören, rekrutiert sich das kompromisslose Lager aus einer nachrückenden, extrem ideologischen Generation von Regimeanhängern, insbesondere in den Reihen der Revolutionsgarden.

In ihrem Denken sind Chaos und Zerstörung nichts Unerwünschtes, sondern ein notwendiger Schritt zur Erlösung. Das hat das Potenzial, grundlegende Regeln der Geopolitik außer Kraft zu setzen. Denn wo nicht mehr die Logik der Selbsterhaltung, sondern bedingungslose Opferbereitschaft an erster Stelle steht, hat gegenseitige Abschreckung keine Wirkung mehr. Dann wird Eskalation auf Dauer unausweichlich.

Autobahn für den Erlöser

Die Radikalität der neuen Generation iranischer Regimeanhänger ist kein Zufall. Schiitischer Endzeitglaube prägt die Ideologie der Islamischen Republik seit ihrer Gründung 1979, sagt Reza Hajatpour, der selbst in den frühen 80er Jahren in der Heiligen Stadt Ghom Theologie studierte.

„Die Schwäche des Islam, die vielen Kriege und globalen Umwälzungen, der Widerstand gegen den Imperialismus – all das sahen die Gläubigen als Zeichen für die baldige Wiederkunft des Mahdi“, sagt Hajatpour. Doch die allermeisten herrschenden Kleriker lehnten den Gedanken, seine Rückkehr aktiv zu beschleunigen, ab.

Dies änderte sich 2005 mit der ersten Präsidentschaft Mahmoud Ahmadinedschads, einem überzeugten Anhänger des Mahdismus. Er wollte sogar eine direkte Autobahnverbindung zwischen der Dschamkaran-Moschee, wo der Überlieferung zufolge Imam Mahdi zuerst erscheinen soll, und dem Imam-Chomeini-Flughafen in Teheran bauen. Seine Begründung: „Im Falle einer Wiederkehr des Imam Mahdi sollte dieser direkt von Dschamkaran zum Flughafen von Teheran reisen können, ohne im Stau stecken zu bleiben.“

„Cyber-Bewegung der Kinder der Revolution“

Unter Ahmadinedschad befand sich die Islamische Republik in einer inneren Krise. Während die Bevölkerung immer säkularer wurde, hatten interne Umfragen ergeben, dass bei den Präsidentschaftswahlen 1997 sogar unter den Revolutionswächtern 73 Prozent für das Reformer-Lager gestimmt hatten. Die alten Kader der Islamischen Revolution fühlten sich durch diese Entwicklung bedroht. Infolgedessen begannen sie, bewusst eine noch fanatischere Generation junger Revolutionsgarden heranzuziehen, die bereit war, zu sterben und zu töten, um das bestehende System zu erhalten.

„Um noch effektiver zu sein, arbeitete die Propaganda der Islamischen Republik nun nicht mehr theologisch fundiert, sondern emotional-symbolisch“, sagt Hajatpour. Der Mahdi-Kult eignete sich perfekt dafür. Zentrale Figuren der neuen Propagandamaschinerie waren von nun an Prediger ohne Turban und ohne theologische Qualifikation, die sich zuweilen sogar über die Kleriker lustig machten und sie „inaktive Wissenschaftler“ oder „Bienen ohne Honig“ nannten.

Der prominenteste ist Ali Akbar Raefipour, der Leiter des Propaganda-Instituts „Masaf“, was übersetzt „Kampf“ bedeutet. Laut Recherchen des iranischen Exilmediums IranWire hat das Institut seit seiner Gründung 2011 durch religiöse Zeremonien, Staatsmedien, internationale Konferenzen und eine Vielzahl an Social-Media-Accounts den Mahdismus zur dominanten Doktrin unter jüngeren Regimeanhängern gemacht. Sich selbst bezeichnet Masaf als „die größte Cyber-Bewegung der Kinder der Revolution im Internet“.

Nun rücken die Ideologen der Apokalypse an entscheidende Machtstellen innerhalb der Islamischen Republik nach. Ihre politische Mission sehen sie darin, die Hindernisse für das Erscheinen des Imam Mahdi zu beseitigen, „wobei das wichtigste Hindernis die Existenz des usurpatorischen Regimes Israels ist“, konstatierte Mehdi Taeb, ein führender Geistlicher und Leiter des iranischen Propagandanetzwerks „Ammar Headquarters“. Israel wird im Mahdismus häufig mit dem „Dajjal“ gleichgesetzt, einem Gegenspieler des Mahdi, der in der christlichen Eschatologie mit dem Antichristen vergleichbar ist.

Im Iran sind die Folgen dieser umfassenden Propagandamaschine auch für gewöhnliche Bürgerinnen und Bürger spürbar. „Wenn ich mit Regimeanhängern spreche, sagen sie mir, dass wir Iraner Allahs auserwähltes Volk sind, um die Heiligen Stätten des Islam zurückzuerobern und so den Weg für Imam Mahdi zu ebnen. Für mich fühlt es sich an, als sei ich in einem mittelalterlichen Kreuzritter-Krieg gelandet“, berichtet ein Iraner, der anonym bleiben möchte, über einen verschlüsselten Chat.

Über die Grenzen Irans hinaus

Doch der Mahdi-Kult wirkt längst über die Grenzen Irans hinaus. Organisationen wie die von Raefipour arbeiten daran, mit ihrer religiösen Propaganda Gläubige in anderen Ländern zu erreichen, viele Inhalte sind inzwischen auch auf Englisch verfügbar.

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In Berlin-Neukölln ist es bereits spät geworden, Mahmoud steigt nach dem Besuch der Schischa-Bar in seinen VW. Auch er hofft, dass die aktuellen Kriege nur Vorboten für das Erscheinen des großen Erlösers sind. Auf der Heckscheibe steht auf Arabisch: „Oh Allah, lass Imam Mahdi bald zurückkehren.“ Noch ist Mahmoud unsicher, ob ausgerechnet die Islamische Republik jene Kraft ist, die dem Mahdi helfen soll. Die Berichte über Menschenrechtsverletzungen und Repressionen lassen ihn zweifeln. Und doch ist er überzeugt, sich bald entscheiden zu müssen, auf welcher Seite er steht – denn im bevorstehenden Kampf zwischen Gut und Böse gebe es keinen Platz für Neutralität.

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