Foto: Anna Klochko
Ukrainer in Spanien: Menschen für Menschen
Mehr als 250.000 ukrainische Geflüchtete leben in Spanien. Eine aktive spanisch-ukrainische Zivilgesellschaft hilft ihnen bei der Integration.
A ls im Februar 2022 in der ukrainischen Stadt Sumy die ersten Explosionen ertönten, bekam der 15-jährige Mychajlo Hryschenko gerade eine Chemotherapie. Die russische Invasion überraschte den Jungen auf der onkologischen Station eines Kinderkrankenhauses – am Tropf, bei einer Behandlung, die nicht unterbrochen werden durfte. Doch bei jedem Luftalarm mussten die kranken Kinder in den Keller gebracht werden. Erschöpft von der Chemotherapie, mit Kathetern und angehängt an Infusionen, saßen sie stundenlang im Luftschutzbunker, während russische Truppen die Stadt im Nordosten des Landes beschossen.
Als aber im Krankenhaus sogar die absolute Basisversorgung – Kochsalzlösun, entschlossen sich Mychajlos Eltern, die Flucht zu riskieren. Über einen humanitären Korridor konnten sie aus der eingeschlossenen Stadt entkommen. Mychajlo wurden die Kanülen gezogen, mit denen er am Tropf hing. Allein der Weg zum Zug dauerte unter Beschuss Stunden. Im überfüllten Waggon verlor der Teenager nach der schweren Chemotherapie das Bewusstsein.
Die ukrainische Journalistin berichtet über Krieg, Kulturerbe und Landwirtschaft aus der Ukraine und dem Ausland. Als Mitglied der Ukrainischen Vereinigung professioneller Fotografen (UAPP) untersucht sie die Folgen von Konflikten, Vertreibung und Resilienz – oft durch die Linse der interkulturellen Psychologie und der visuellen Erzählweise. Die Autorin war Teilnehmerin eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.
Schließlich fand sich die Familie Hryschenko in Spanien wieder. Über eine spanische Stiftung, die heimische Onkologen und die ukrainische Diaspora vernetzt, bekam Mychajlo einen Platz in einem Hilfsprogramm für krebskranke ukrainische Kinder. Dutzende von Familien wurden in den vergangenen vier Kriegsjahren auf diese Weise nach Spanien gebracht.
Krieg in der Ukraine
Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.
Warum Spanien?
Für viele Menschen, die 2022 aus der Ukraine flohen, war Spanien nicht unbedingt ein Ziel, das sie sich beim Verlassen der Ukraine bewusst ausgesucht hatten. Manche wählten Spanien, weil sie dort Verwandte oder Freunde hatten oder weil sie von guten Bedingungen und starker Unterstützung für Flüchtlinge, insbesondere für Frauen und Familien mit Kindern, gehört hatten.
Gleichzeitig waren manche Menschen durch den Krieg so verängstigt, dass sie einfach nur so weit wie möglich weg von ihrem attackierten Heimatland sein wollten, je westlicher, desto besser. Spanien mit seinem Image von Sonne, Meer und einer entspannteren Lebensweise schien ein Ort zu sein, um sich sicher zu fühlen, wie durchatmen zu können. Und so auch beginnen zu können, sich ein ganz neues Leben aufzubauen.
Ukrainer in Spanien
Mehr als 256.000 Ukrainer*innen haben seit 2022 bis heute in Spanien temporären Schutz erhalten. Im ganzen Land gibt es Hunderte Organisationen und Initiativen, die sich für humanitäre Hilfe, kulturelle Projekte und die Unterstützung der Ukraine engagieren.
Allein in Katalonien hat sich die Zahl der Ukrainer im Laufe des Krieges praktisch verdoppelt, derzeit sind es etwa 55.000 Menschen. Rund 45 ukrainische zivilgesellschaftliche Organisationen sind dort registriert. Einige von ihnen gibt es bereits seit der Arbeitsmigration in den 1990er Jahren, andere sind nach 2022 dazu gekommen. Sie spielen eine Schlüsselrolle bei der Unterstützung und Integration der ukrainischen Neuankömmlinge.
Die Familie von Mychajlo kam über Barcelona nach Madrid. Im Gegensatz zu anderen Ukrainern kannten sie niemanden in dem für sie neuen Land. „Die Aladina-Stiftung hat unserem Sohn eine zweite Chance aufs Leben gegeben. Und wir konnten hier von vorne beginnen“, sagt Mychajlos Mutter Olena Hryschenko.
Foto: Anna Klochko
Ein Netz der Solidarität
Das hat funktioniert, weil in Spanien in den letzten Jahren ein Netz aus Solidarität für ukrainische Geflüchtete entstanden ist: Ärzte, Freiwillige, die ukrainische Diaspora, Wohltätigkeitsstiftungen und ganz gewöhnliche Bürger:innen, die dabei helfen, Kinder wie Mychajlo zu retten, Wohnungen und Arbeit für die Neuankömmlinge zu suchen und ihnen so ein Gefühl der Normalität zurückzugeben.
„Oft befinden sich die neu angekommenen Familien in einem psychischen Ausnahmezustand“, sagt Halyna Bardina-Kuts. Die Ukrainerin ist eine der Koordinatorinnen der Stiftung und lebt seit über 25 Jahren in Madrid. „Die Menschen haben ihr gesamtes gewohntes Leben verloren und kämpften darüber hinaus noch um das Leben ihrer Kinder.“ In Madrid wurde Mychajlo in einer staatlichen spanischen Klinik behandelt, das Stiftungsgeld zahlte auch eine teure Protonentherapie und die anschließende Rehabilitation in einem privaten medizinischen Zentrum.
Bardina-Kuts und ihre Kolleg:innen halfen den Familien mit Lebensmitteln und Kleidung, mit der Suche nach einer Wohnung und Übersetzungen. Anwohner brachten Geschenke und Dinge des täglichen Bedarfs in die Hotels, in denen die Geflüchteten am Anfang untergebracht waren. Für viele Ukrainer war dies die erste Erfahrung damit, wie unbekannte Menschen in einem fremden Land einen unterstützen können, wenn das Leben zusammenbricht.
Für die Eltern ging es vor allem darum, möglichst bald wieder selbständig zu werden. „Keiner von uns wollte einfach nur herumsitzen und auf Hilfe warten“, sagt Olena Hryschenko. „Sobald es unserem Sohn etwas besser ging, haben wir geschaut, dass und wie wir wieder arbeiten und weiterleben können.“
Anderen helfen – nach zwei Fluchten
Als Switlana Samarchenko 2014 vor den russischen Angriffen auf die Ostukraine aus Donezk nach Irpin bei Kyjiw floh, hätte sie sich wohl kaum vorstellen können, dass sie keine zehn Jahre erneut fliehen müsse, dieses Mal nach Spanien.
Heute lebt die Mittfünfzigerin im nordspanischen Pamplona und engagiert sich in ihrer Freizeit ehrenamtlich in einem ukrainischen Verein, der Hilfsgüter in die Ukraine schickt. Allein 2025 waren es rund 70 Tonnen: Medikamente, technische Ausrüstung und Autos für die frontnahen Gebiete. Die meisten dieser Dinge werden zusammen mit Spanier*innen gesammelt.
„Die Menschen engagieren sich und leisten sehr wichtige Arbeit für diejenigen, die unter dem Krieg gelitten haben und weiterhin darunter leiden“, sagt sie über die ukrainischen Freiwilligennetzwerke in Spanien.
Switlana erzählt, dass in Pamplona in langen Jahren eine aktive ukrainische Zivilgesellschaft entstanden ist, mit Vereinen und kulturellen Initiativen, Hilfsangeboten und eigenen ukrainischen Schulen. Sie engagiert sich besonders in einer Fraueninitiative und bei Hilfsangeboten für Kinder. Und hat sich dem internationalen Netzwerk United Women angeschlossen, das Ukrainerinnen in verschiedenen europäischen Ländern im Rahmen von gemeinnützigen, humanitären und kulturellen Projekten zusammenbringt.
Ukrainer*innen in Spanien organisieren Kulturveranstaltungen und Kinderprogramme. Benefizkonzerte und Aktionen zur Unterstützung der ukrainischen Streitkräfte sind zu einem festen Bestandteil des Gemeinschaftslebens geworden. Am dritten Donnerstag im Mai, dem internationalen Wyschywanka-Tag, veranstalten sie Umzüge in traditionell bestickten ukrainischen Hemden („Wyschywanka“) in spanischen Städten und tragen so dazu bei, dass die Ukraine in der spanischen Gesellschaft präsent bleibt. Gleichzeitig stärken sie damit auch den Zusammenhalt der Ukrainer untereinander.
Ukrainer in Katalonien
Eines der bemerkenswertesten humanitären Projekte ist die Initiative von Schwester Lucía Caram, einer katholischen Dominikanerin. Sie organisierte unter anderem einen Ferienaufenthalt in Katalonien für 255 ukrainische Kinder aus Soldatenfamilien. Vor einigen Monaten hat Caram eine „Karawane der Güte“ von Barcelona aus auf den Weg in die Ukraine gebracht – eine Kolonne aus Rettungsfahrzeugen und Geländewagen für ukrainische Rettungskräfte und Soldaten. Aktuell ist die zweite Lieferung von Rettungsfahrzeugen geplant.
Die meisten Spanier, wie auch viele andere Europäer, sind bereit zu helfen. Aber für die Menschen ist es wichtig zu wissen, wem sie helfen und dass diese Hilfe auch wirklich ankommt. Genau deshalb spielen Ukrainer, die schon lange in Spanien leben und – jenseits der großen politischen Nachrichten – erklären können, was in der Ukraine wirklich passiert, eine große Rolle.
Verständigung über Sport
Mireia Moyano „Sports Unite Us“
Eine dieser Ukrainerinnen ist Nataliya Terebenets aus dem katalanischen Cerdanyola del Vallès. Die Trainerin und technische Leiterin des Sportvereins Club Gimnàstica Rítmica Cerdanyola hat zusammen mit der Vereinspräsidentin Mireia Moyano „Sports Unite Us“ gegründet.
„Ich lebe schon seit fast 36 Jahren in Spanien“, erzählt Nataliya Terebenets. „1990 kam ich als Tänzerin des Nationalensembles hierher, später bin ich dann in den Bereich rhythmische Sportgymnastik gewechselt.“ Nach Beginn der russischen Vollinvasion 2022 versuchte Terebenets, über den Sport auf den Krieg aufmerksam zu machen. Mit Unterstützung der Stadtverwaltung von Cerdanyola del Vallès lud der Verein ukrainische Turnerinnen nach Katalonien zu einem zweiwöchigen Trainingslager mit katalanischen Sportlerinnen ein. Daneben gab es ein breites Programm an Ausflügen und Workshops.
„Wir wollten nicht nur ukrainische Kinder unterstützen, sondern auch der lokalen Bevölkerung helfen, die Realität des Krieges, in der die Ukraine heute lebt, besser zu verstehen. Die Mädchen sollten zumindest für kurze Zeit ohne Luftalarm und -angriffe leben und unter normalen Bedingungen trainieren können. Außerdem sind viele Sportstätten in der Ukraine schlichtweg zerstört“, sagt sie.
Persönliche Begegnungen für mehr Verständnis
Für die Stadtverwaltung und die Organisationen, die das Projekt finanziell unterstützen, sei das anfangs eher sehr abstrakt gewesen, erzählt Vereinspräsidentin Moyano. „Aber als sie die jungen ukrainischen Sportlerinnen persönlich kennenlernten, wurde alles viel emotionaler und realer“, sagt sie.
Moyano erinnert sich an ihr erstes Treffen mit einem ukrainischen Trainer im Vereinscafé: „Ein Flugzeug flog tief über die Stadt hinweg, und der erwachsene Mann duckte sich instinktiv. Für mich war das ein Schock. Damals wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst, was es bedeutet, jahrelang in ständiger Gefahr zu leben.“
Im Verein denkt man bereits darüber nach, wie man das Projekt auf andere Städte in Spanien und langfristig auch auf Sportvereine in anderen europäischen Ländern ausweiten kann.
Aus dem Russischen Gaby Coldewey
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