piwik no script img

Neues KrankenkassengesetzTiefer in die Kasse greifen

Am Freitag stellte Gesundheitsministerin Warken im Bundestag ihre Pläne zur Gesundheitsreform vor. Es hagelt Kritik der Opposition und im Bundesrat.

„Sie haben sich grob verschätzt“, wirft Janosch Dahmen, gesundheitspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion, Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) vor, als er am Rednerpult steht. Das Gesundheitsministerium sei im laufenden Jahr von unrealistisch niedrigen Ausgaben ausgegangen. Trotz „verheerendem Kahlschlag“ ließen sich Beitragserhöhungen jetzt nicht mehr verhindern, fürchtet Dahmen.

Das Gesundheitsministerium geht in diesem Jahr von 3,5 Milliarden Euro höheren Ausgaben aus als bislang geplant. Damit ergibt sich im nächsten Jahr – trotz Sparpaket – eine neue Finanzierungslücke von 2,5 Milliarden Euro.

Warken will das Gegenteil: Die Krankenkassenbeiträge sollen nicht weiter steigen, dieses Ziel hat die Gesundheitsministerin ausgegeben. Am Freitag stellte sie im Bundestag ihr „Beitragssatzstabilisierungsgesetz“ vor, das eigentlich noch vor der Sommerpause am 10. Juli durch das Parlament gepeitscht werden soll.

Tausende gingen auf die Straße

„Wir wollen die Bürger entlasten“, betont Ministerin Warken vor dem Plenum im Reichstagsgebäude. Sie wolle Einnahmen und Ausgaben der Krankenkassen wieder ins Gleichgewicht bringen. Damit wolle die Regierung verhindern, dass die Beiträge immer weiter steigen.

„Glauben Sie wirklich, dass weniger Geld am Ende mehr Personal bedeutet?“, fragt Stella Merendino (Die Linke), die selbst gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin ist. Warkens Gesetz beruhe auf der Annahme, dass Ge­sund­heits­ar­bei­te­r:in­nen immer weiter belastet werden könnten. „Diese Menschen können einfach nicht mehr, sie haben Grenzen“, sagt Merendino. Der Gesetzentwurf sieht unter anderem vor, dass Tariferhöhungen nicht mehr vollständig refinanziert werden können. Dagegen gingen bereits diese Woche Tausende auf die Straßen.

Nina Warken gibt selbstkritisch zu, es werde zu Recht angemahnt, dass der Bund für die Krankenversicherung der Bür­ger­geld­emp­fän­ge­r:in­nen aufkommen soll. Die Krankenversicherung von Bür­ger­geld­emp­fän­ge­r:in­nen wird nicht aus Steuergeldern, sondern von den Kassen finanziert.

Kritik auch aus dem Bundesrat

Als Warken davon spricht, dass der Bund künftig seinen Anteil an den Kosten um zunächst 250 Millionen Euro erhöhen wolle, wird es laut im Plenum. Janosch Dahmen kritisiert, der Bund greife den Versicherungen mit zwei Milliarden Euro, die gleichzeitig an Zuschüssen wegfallen, deutlich tiefer in die Kasse.

Noch am selben Tag üben die Länder im Bundesrat, der zeitgleich tagt, ebenfalls Fundamentalkritik an vielen zentralen Punkten von Warkens Gesetzesentwurf. Der Bundesrat fordert die Regierung unter anderem dazu auf, die Beiträge für die Emp­fän­ge­r:in­nen von Bürgergeld, künftig wieder Grundsicherung, allein zu tragen. Krankenhäuser würden durch die Sparmaßnahmen überproportional belastet, heißt es aus der Länderkammer.

Auch die pharmazeutische Industrie werde durch die Reform zu hoch belastet. Die Bundesregierung kann sich nun zur Stellungnahme des Bundesrates positionieren, bevor der Bundestag wieder am Zug ist. Schlussendlich braucht das Gesetz aber auch die Zustimmung des Bundesrats.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 210 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

5 Kommentare

 / 
  • Wann, wann nur wird die Politik endlich erkennen dass Gesundheits- und Daseinsfürsorge nicht durch gewinnorientierte Strukturen bewältigt werden können.



    Selbst wenn Krankenhausträger gGmbHs sind so sind sie doch gewinnorientiert - der Gewinn wird halt über Investitionen und Wachstum kaschiert.

    Dazu kommen die exorbitanten Gewinne der Medizintechnikkonzerne, der Pharamindustrie und seit kurzem der Praxiskonzerne die ein MVZ nach dem anderen aus dem Boden stampfen.

    • @Bolzkopf:

      Was meinen Sie mit gewinnorientierten Strukturen?



      Etwa den niedergelassenen Hausarzt, der als selbständiger Unternehmer weniger Geld für mehr Patienten erhält und gleichzeitig sämtliche Teuerungen des Praxisbetriebes incl. der drastischen Gehaltssteigerungen!



      Oder meinen Sie die kommunalen GmbH Krankenhäuser, die seit Jahren rote Zahlen schreiben und die Landräte bzw Stadträte verzweifelt versuchen das Geld für den weiterbetrieb zusammenbringen müssen.

      Es ist ganz einfach, wenn die Teilnehmer sowohl Mitarbeiter als auch das medizinische Unternehmerpersonen kein Geld mehr verdienen, also auch Gewinn machen, dann hören Sie auf bzw. lassen sich gar nicht erst nieder.



      Die GmbH s werden dann eben in die Insolvenz gehen.

      Mein Bruder jedenfalls hat seine Facharztpraxis vor zwei Jahren geschlossen, nachdem keiner die Praxis wollte.



      Grund, der Ertrag (Gewinn) lag deutlich unter dem Gehalt eines Oberarztes an einer Uni.



      Heute ist er in der Schweiz und es geht ihm blendend.

      Also warten wir ganz einfach bis sich weiter durchsetzt.

      • @AuchNeMeinung:

        Man könnte ja mal schauen, was andere europäische Länder anders machen. Dort funktioniert das Gesundheitssystem genauso gut oder besser, mit zT deutlich geringeren Kosten. Die Lösungen sind da, man muss sie nur sehen und umsetzen. Nur im Verhindern von Reformen sind wir absolute Spitze, wie immer.

  • jetzt muß nur noch jemand sagen, woher das Geld kommen soll, wenn an keiner Stelle eingespart werden soll, der Staat eh nichts mehr hat, und die Versicherten auch noch entlastet werden sollen.



    Und bitte nicht die linke Phantasterei, das man es doch nur den Reichen abnehmen müsse. Es sollte schon konkreter sein.

    • @Oleg Fedotov:

      Ist doch garnicht so schwer:

      Der Staat bekommt Anteile an den med. Forschungsergebnissen entsprechend der gewährten Förderung.



      Die Gewinne aus diesen Anteilen fließen in zurück in das Gesundheitssystem.