„Kakerlaken-Partei“ in Indien: Wenn ein Onlineprotest Realität wird
Die im Netz entstandene indische Kakerlaken-Volkspartei CJP kommt zum Protest in Delhi zusammen. Dabei findet sie prominente Unterstützer:innen.
Unzählige Proteste fanden am Jantar Mantar nahe der historischen Sternwarte in Indiens Hauptstadt Delhi statt: gegen Korruption, Gewalt gegen Frauen oder die Einführung eines neuen Staatsbürgerschaftsgesetzes. Doch noch nie kam auf dem Protestplatz „Ungeziefer“ zusammen. Gemeint sind damit die Anhänger:innen der aus Unmut entstandenen „Cockroach Janta Party (CJP)“, zu Deutsch: Kakerlaken-Volkspartei. Ihr Gründer Abhijeet Dipke kehrte am Wochenende aus den USA nach Indien zurück und führte am Samstag die Demonstration an.
In seiner Hand hielt der 30-Jährige provokativ die Biografie des Sozialreformers Bhimrao Ramji Ambedkar aus seinem Heimatbundesstaat Maharashtra. Er gilt in Indien als Symbol gegen Ungleichheit, da er sich für die Rechte von Menschen einsetzte, die durch das Kastensystem diskriminiert werden.
Bereits am Flughafen wurde Dipke wie ein Filmstar begrüßt. Zu den Unterstützer:innen vor Ort gehört der Klimaaktivist Sonam Wangchuk. Der bekannte indischstämmige Youtuber Dhruv Rathee feuerte von Deutschland aus an. „Schaut auch die Menschen an. Das war erst der erste Aufruf zum lokalen Protest“, kommentierte er. Rückendeckung bekommt Dipke auch von Studierendenorganisationen.
Mit seiner Rückkehr kam der Protest auf die Straße. Einige Unterstützer:innen trugen Kakerlaken-Masken, andere hatten Plakate mitgebracht. Auf einem stand „IPL“ – was eigentlich das Akronym für die indische Cricketliga ist. Doch auf einem Plakat stand die Anschuldigung „Indian Paper Leak“ mit dem Verweis auf die Politik. Die Forderung nach dem Rücktritt von Bildungsminister Dharmendra Pradhan (BJP) binnen sieben Tagen ist ein konkretes Anliegen, mit dem die Bewegung einen wunden Punkt trifft. Hintergrund sind Unregelmäßigkeiten bei der landesweiten Zulassungsprüfung NEET für medizinische Studiengänge, die nun rund zwei Millionen junge Menschen wiederholen müssen.
Eine neue Gen-Z-Bewegung in Indien?
Die Bewegung erinnert zugleich an die Anfänge der Aam Aadmi Party (AAP), der „Partei des kleinen Mannes“, die später in Delhi und Punjab die Regierung stellten sollte. Dipke war von 2020 bis 2023 in der AAP aktiv. Die Partei verdrängte zeitweise mancherorts die etablierte Kongresspartei. Inzwischen regiert in Delhi die hindunationalistische Volkspartei BJP von Narendra Modi.
Der Name CJP ist dabei eine Anspielung auf Modis Volkspartei Bharatiya Janata Party (BJP). Nachdem Indiens Oberster Richter arbeitslose junge Menschen mit „Kakerlaken“ verglichen hatte, gründete sich Mitte Mai jene Gegenbewegung im Netz, die schnell Millionen Follower sammelte. Bisher ist die CJP nicht als politische Partei registriert, dennoch sorgt sie für Schlagzeilen. Und der Protest werde fortgesetzt, bis Minister Pradhan zurücktritt, kündigte Dipke an.
Am Wochenende kam es zu Festnahmen von Protestierenden, sonst blieb es weitgehend friedlich. Daher fragt die Journalistin Arfa Khanum Serwani: „Warum werden Wasserwerfer nur gegen Kongress-Protestierende eingesetzt?“. „Hat die Regierung Angst vor einer neuen Gen-Z-Bewegung (…) oder nimmt sie diese einfach nicht ernst?“. Dipke dagegen zeigt sich gestärkt: „Mit unserer friedlichen Demonstration haben wir der Regierung gezeigt, wozu wir fähig sind“.
Die Kakerlaken-Partei steht vor der Herausforderung, sich von einem digitalen Phänomen in eine reale politische Bewegung zu verwandeln. Von außen betrachtet ist es Indiens erste größere neue politische Protestbewegung seit vielen Jahren. Die „Stimme der Faulen und Arbeitslosen“ kratzt dabei am Image der Hindunationalisten.
Die Meinung über die Bewegung ist zwar positiv, aber geteilt. Der Schrei nach Veränderung, der 2024 in Bangladesch und 2025 in Nepal Regierungen mit zu Fall brachte, hallte bis nach Indien. Ob die CJP, die derzeit vor allem oppositionelle Stimmen bündelt, die sonst eher mit der Kongresspartei sympathisieren, auch eine echte Bedrohung für die BJP werden kann, bleibt abzuwarten.
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