piwik no script img

Bundeswehr an Berliner SchulenSenatorin will mehr Offiziere im Unterricht

Berliner Schulen und die Bundeswehr sollen stärker zusammenarbeiten. Dazu hat die Bildungsverwaltung einen Vertrag mit dem Militär unterzeichnet.

Bundesweit nehmen Schulbesuche der Bundeswehr zu. Auch in Berlin gehört der Einsatz von sogenannten Jugendoffizieren seit Langem zum Alltag an Schulen – und ist umstritten. Künftig soll die Militärpräsenz im Klassenzimmer noch ausgeweitet werden. Dazu hat Berlins Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch am Montagvormittag eine Kooperationsvereinbarung mit der Bundeswehr unterzeichnet. Vor der Tür gab es Proteste.

„Fragen von Frieden, Sicherheit und internationaler Verantwortung bewegen viele Schülerinnen und Schüler und werfen wichtige Fragen auf“, sagte die CDU-Politikerin bei dem Termin. Schulen seien der richtige Ort, um diese Themen aufzugreifen und unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen – und die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr leiste hierzu seit Jahren einen wertvollen Beitrag, so Günther-Wünsch. „Mit der Kooperationsvereinbarung geben wir dieser bewährten Zusammenarbeit nun einen transparenten und verlässlichen Rahmen.“

Demnach können Ju­gend­of­fi­zie­r*in­nen in den Unterricht eingeladen werden und dort über das Thema Sicherheitspolitik referieren, sofern das an den Lehrplan anknüpft. Zielgruppe sind Schü­le­r*in­nen ab der 9. Klasse – also im Alter ab etwa 14 Jahren.

Bei der Bundeswehr freut man sich über den Vertrag, den es in ähnlicher Form schon in anderen Bundesländern gibt. Auf diese Weise könne man in Berlin „sicherheits- und verteidigungspolitische Fragen an Schulen sachlich, kontrovers und im Sinne politischer Bildung behandeln“, erklärte Brigadegeneral Horst Busch am Montag.

Kritik an fehlender Ausgewogenheit

Das bezweifelt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). „Wenn Ju­gend­of­fi­zie­r*in­nen im Schulkontext einbezogen werden, normalisiert das militärische Perspektiven auf internationale Konflikte“, warnt Berlins GEW-Vorsitzende Felicia Kompio in einem Statement.

Kritik kommt auch von der Linken-Fraktion: „Dass die Bildungssenatorin der Bundeswehr mit der Kooperationsvereinbarung einen privilegierten Zugang zu Berliner Schulen einräumen will, verletzt den Beutelsbacher Konsens“, sagt deren bildungspolitische Sprecherin Franziska Brychcy.

Der Beutelsbacher Konsens, 1976 von Po­li­tik­di­dak­ti­ke­r*in­nen formuliert, definiert Grundsätze für die politische Bildung an Schulen. Demnach dürfen Schü­le­r*in­nen nicht „überwältigt“ werden, also nicht politisch indoktriniert. Positionen, die als kontrovers gelten, müssen auch in der Schule kontrovers diskutiert werden. Und Schule soll Schü­le­r*in­nen in die Lage versetzen, die politische Situation und ihre eigenen Interessen zu analysieren.

Damit diese Prinzipien bei Bundeswehrbesuchen eingehalten werden, müssten auch friedenspolitische Ak­teu­r*in­nen einbezogen werden, fordert Gewerkschafterin Kompio. Jedoch verfügten diese Organisationen – etwa der Verein „Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen“ – bei Weitem nicht über die Ressourcen der Bundeswehr. „Unter diesen Bedingungen können sie kaum ein annähernd gleichwertiges Bildungsangebot bereitstellen“, bemängelt Kompio.

Wird hier rekrutiert?

Unterrichtsbesuche der Bundeswehr stehen überdies in Verdacht, indirekt der Nachwuchsgewinnung zu dienen. Bis 2031 will die Armee mehr als 20.000 zusätzliche Sol­da­t*in­nen rekrutieren – auch mit dem neuen Wehrdienstmodell.

Schule soll junge Menschen zu kritischem, demokratischem und gewaltfreiem Handeln befähigen

Felicia Kompio, GEW

Vor diesem Hintergrund befürchtet Kompio: „Bei Veranstaltungen von Ju­gend­of­fi­zie­r*in­nen verschwimmen die Grenzen zwischen Information und Werbung.“ Die Kooperationsvereinbarung lehne man auch deshalb „entschieden ab“. Sie stehe im Widerspruch zum Auftrag zur Friedenserziehung im Berliner Schulgesetz. „Schule soll junge Menschen zu kritischem, demokratischem und gewaltfreiem Handeln befähigen“, so Kompio.

Im ersten Quartal dieses Jahres haben 66 öffentliche Auftritte der Bundeswehr an Berliner Schulen und Hochschulen stattgefunden, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Linken-Anfrage hervorgeht. Im gesamten Jahr 2025 gab es 166 solcher Termine. Bundesweit ist Bayern Spitzenreiter dieser Statistik: Dort trat die Bundeswehr 2025 1.131 Mal an Schulen und Hochschulen in Erscheinung.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 90 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

12 Kommentare

 / 
  • Ich würde das eher nüchtern betrachten.



    Das sind keine Anwerber, sondern tatsächlich gut ausgebildete Offiziere, die nüchtern und sachlich über Krieg und Frieden sprechen.



    Mit als Vater und ehemaligem Soldaten ist das deutlich lieber, als Menschen, die immer noch jegliche militärische Aktivität ablehnen und propagieren, dass man Menschen wie W. Putin nur mit hinreichender Diplomatie entgegen kommen müsste.



    Dass das nicht funktioniert, zeigt sich seit Ende 2021, als sämtliche europäische Staatschefs erfolglos um Frieden bettelten und nicht gehört wurden.



    Ein wenig mehr Realismus wünsche ich mir den Schülern gegenüber und bin mir sicher, dass die Offiziere diesen bieten können.

  • Fehlt noch der Seemannsanzug und die Zeitenwende ist vollbracht.

    • @Schleicher:

      Historisch war dieser Anzug zunächst ja auch Nummern zu groß und militärisch geprägt:



      "Vor 125 Jahren, am 11. August 1899, eröffnet Kaiser Wilhelm II. den Dortmund-Ems-Kanal; mächtige Frachtschiffe aus den Industriestädten im Westen können nun direkt zur Nordsee fahren. Deutschlands Drang zum Meer kündet von wirtschaftlichem Wagemut und politischem Wahn. Und er endet im Desaster"



      Quelle



      www.geo.de/wissen/...otte-34956006.html



      Der Enkel der Queen Victoria hatte zu oft neidvoll das Ausfahren der Schiffe ihrer Majestät von den Kanalinseln aus beobachtet.

    • @Schleicher:

      Dann werde ich seekrank und das Erbrechen fällt leichter.

      • @Mondschaf26:

        "Mit Volldampf ins Verderben: Kaiser Wilhelm II. und sein Drang zum Meer"



        Damals war auch "Anwerben", schlau war man aber hinterher.

  • „Tag der Bundeswehr“ - In der Tagesschau der ARD sah ich am Wochenende einen Propagandabeitrag von diesen Aktionen. Da kletterten Kindergartenkinder auf Panzern herum...

    • @Mondschaf26:

      @ Mondschaf26



      Ist doch ganz klar, was auch diese ganzen Eingriffe in unser Sozialsystem bezwecken sollen, die Bevölkerung wird so auf Sparflamme gesetzt und die gesamte Bürgerschaft an ihre finanziellen Grenzen gebracht, da hat die Regierung doch ganz fix ihre willigen, gefügigen Soldaten....

    • @Mondschaf26:

      Rekordbesuch in Unna!



      Aber mit unterschiedlichen Ansichten und Absichten:



      „Panzer als Spielzeug für Kinder?“ Peacefully Against Genocide stört Tag der Bundeswehr auch in Unna"



      rundblick-unna.de/...wehr-auch-in-unna/



      Laut Bundeswehr waren 50 000 Schaulustige in der Glückauf-Kaserne und am Truppenübungsplatz in Holzwickede.



      Der war ein interessantes Biotop und ein für Hundebesitz_er interessanter Ort zum Spazierengehen, vor der Zeitenwende mit Schattendasein, quasi im Dornröschenschlaf.

  • Eine gute Sache.

    • @PeterArt:

  • Bei Manövern gab es früher, wohl auch teils noch heute, den fachlich qualifizierten Beobachterstatus: Vielleicht reicht auch eine mediale Präsentation der Friedensgesellschaft mit einem Film und eine neutrale Präsenz im Klassenraum durch Moderation (optimal plus Mediation?) sowie eine abschließende Diskussion.



    Im Curriculum und im Kollegium wird es vielleicht gute Ansätze zur Vorbereitung der Verarbeitung geben.



    /



    "Friedenspädagogische Blätter



    Erfahrungsberichte aus dem Norddeutschen Netzwerk Friedenspädagogik



    Die Friedenspädagogischen Blätter werden herausgegeben vom Norddeutschen Netzwerk Friedenspädagogik. Die Blätter stellen best practise Beispiele von Projekten der Friedenspädagogik vor"



    friedensbildung-sc...bildung-der-schule

  • Eigentlich ist das Aufgabe der Sozial- oder Gemeinschaftskundelehrer. Wenn in den Schulen Offiziere der Bundeswehr auftauchen, geht es wohl eher um Anwerbung.