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Manu Chao wird 65Einer, der hoffnungsvoll bleibt

Ob Buenos Aires, Barcelona oder Berlin – Manu Chao hat unsere Autorin immer begleitet. Am 21. Juni wird er 65. Zeit für ein nostalgisches Ständchen.

Mit geschlossenen Augen transportiere ich mich zurück in den Sommer 2003. Bekifft und mit einer roten Discman-Tasche überquere ich den Parc de la Ciutadella in Barcelona. Es hat um die 40 Grad, an einem Sonntag um zwei Uhr nachmittags. In meinen Ohren läuft in Endlosschleife die einzige CD, die ich dabeihabe, und eine der zwei, die ich damals ständig höre: „Clandestino“ des französisch-spanischen Musikers Manu Chao. Die zweite, „Próxima Estación: Esperanza“, auch von ihm, habe ich zu Hause, auf der anderen Seite der Welt, vergessen.

Kurz vor diesem Tag bin ich 25 geworden und habe meinen Geburtstag zum ersten Mal mit warmem Wetter gefeiert – in Argentinien, wo ich herkomme, wäre es Winter gewesen. Mit einer internationalen Gruppe von Menschen, die ich kurz zuvor kennengelernt hatte, stoße ich am Stadtstrand von La Barceloneta an. Eigentlich wollte ich in Lyon sein, bei meinem jüngsten Crush, der Person, die mich überhaupt erst auf die Idee gebracht hatte, „den Großen Teich“ zu überqueren, wie wir in Argentinien manchmal den Atlantik nennen. Jetzt bringen mir Erasmus-Studierende Trinkspiele und Schimpfwörter in Fremdsprachen bei. Wir trinken und lachen viel, einige schlafen neben dem Lagerfeuer ein.

„Perdido en el corazón de la grande Babylon, me dicen el clandestino, por no llevar papel.“ Verloren im Herzen des großen Babylon, sie nennen mich Clandestino, weil ich keine Papiere habe, singt Manu Chao während ich ziellos durch den Park laufe. Außer mir und den Tauben, die sich am Brunnen abkühlen, bewegt sich dort kaum etwas. Die Luft scheint stillzustehen.

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Unter den Bäumen halten sich Menschen auf. Manche von ihnen hören ebenso Musik, aus Ghettoblastern, einige kiffen auch. Andere sitzen hinter einer ausgebreiteten Decke, auf der sie Schmuck anbieten. An den Ecken der Decke sind Schnüre befestigt, die in der Mitte zusammenlaufen. Zieht man an der zentralen Schnur, schließt sich die Decke zu einer Tasche, die man auf den Rücken nehmen kann und die es ermöglicht, schneller vor der Polizei zu fliehen.

Ein Mix aus Samples, aus Sprachen

Ich wusste damals nicht, dass diese Menschen – „manteros“ – wegen der Decke – „manta“ – so genannt werden. Und dass Manu Chao auch sie meint, wenn er über „Clandestinos“ singt: „Wenn sie nach mir suchen, bin ich nie da. Wenn sie mich finden, bin ich nicht der, der da ist, denn ich bin schon weitergelaufen. Sie nennen mich Desaparecido, denn wenn ich ankomme, bin ich schon wieder weg.“

„Cuándo llegaré?“ – Wann werde ich ankommen? Die Frage wiederholt sich am Ende des Songs „Desaparecido“ und eine näselnde Stimme antwortet im Hintergrund: „Im 20. Jahrhundert – auf dem Weg ins 21. Jahrhundert“. 1998 ist Manu Chao mit „Clandestino“, seinem Debütalbum als Solokünstler, international bekannt geworden. Vier Jahre ist er durch Süd- und Zentralamerika gereist und hat mit seinem Vierspurrekorder alles aufgenommen, was ihm gefiel.

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Zu der Zeit erschien mir die Realität weniger hoffnungslos, als sie es heute tut. Mit ihrem Mix aus Rhythmen (Reggae, Punk, Rock, Folk …), Sprachen (Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch) und Samples aus Filmen, U-Bahnen und Radiosendungen aus aller Welt versprachen mir seine Songs eine Art globalisierte Solidarität, einen Zusammenhalt ohne Grenzen – auch wenn das naiv klingen mag.

Als ich die Entscheidung treffe, meinem jüngsten Crush aus Frankreich nachzureisen, sitze ich in Buenos Aires in einem Bus, der mich zur Arbeit bringt, und höre „One day my dreams will be reality“ aus dem Lied „Mr Bobby“. Das Fenster ist geöffnet, und ich atme die heiße Luft voller Smog ein, als würde sie nach Blumen riechen. „Nach Lyon? Estás loca! Du bist verrückt“, sagten mir meine Freund*innen, als ich ihnen davon erzählte. Gleichzeitig legten sie zusammen, um mir den ersten Flug meines Lebens zu ermöglichen.

Seine Songs versprachen mir eine Art globalisierte Solidarität, einen Zusammenhalt ohne Grenzen

Zwei Monate zuvor hatte ich ihn, meinen Crush, in einem kleinen Dorf im Norden Argentiniens kennengelernt. Er bereiste das Land per Anhalter, so wie ich. Mit einer selbstgedrehten Zigarette im Mundwinkel erzählte er mir von den globalisierungskritischen Protesten gegen den G8-Gipfel, an denen er teilgenommen hatte, vom Weltsozialforum mit dem Motto „Eine andere Welt ist möglich“ und von den zapatistischen Bewegungen, die er unterstützte.

Wir spazierten unter den Sternen, über einen kleinen Friedhof in den Bergen. Ich schaute ihn mit großen Augen an und stellte mir vor, wie ich mit ihm Seite an Seite für eine bessere Welt kämpfen würde. Er trug ein T-Shirt mit einem Handabdruck in der Mitte, darüber die Aufschrift „Mano Negra“. „Tu connais pas Mano Negra?“ – Kennst du Mano Negra nicht?, fragte er erstaunt, als ich wissen wollte, was oder wer das sei.

José-Manuel Thomas Arthur Chao Ortega, besser bekannt als Manu Chao, wurde 1961 in Paris geboren und wuchs als Sohn spanischer Exi­lan­t*in­nen auf, die vor der Franco-Diktatur nach Frankreich geflohen waren. Seine musikalische Karriere begann als Straßenmusiker, bevor er in den 1980er Jahren die Band „Mano Negra“ gründete. Nach deren Auflösung machte er als Solokünstler weiter.

„Qué hora son, mi corazón. Me gusta marihuana, me gustas tú“, sang der Franzose mir in der Nacht ins Ohr, nachdem er mir Manu Chaos Lebensgeschichte erzählt hatte. Es waren die einzigen vollständigen Sätze, die er auf Spanisch aus dem Song „Me gustas tú“ konnte. Am nächsten Morgen wachte ich allein auf. Das Mano-Negra-T-Shirt hatte er mir als Geschenk auf dem Kopfkissen zurückgelassen. Seine Kontaktdaten hatte ich auch.

Manu tröstet dich, wenn du weinst

Sommer 2026: Ich sitze mit einer Freundin auf meinem Balkon, und im Radio wird „Clandestino“ gespielt. Wir singen jedes Wort mit, und sie erzählt mir eine Anekdote aus ihrer Zeit in Barcelona, ebenfalls Anfang der 2000er Jahre: Laut ihr sagte man damals, dass, wenn Manu Chao dich auf der Straße weinen sieht, er dich tröstet. Sie hatte gerade eine Trennung hinter sich. Also stellte sie sich heulend an eine nach Urin riechende Ecke der Plaça del Tripi im Barri Gòtic in der Nähe des „Mariatchi“, auch bekannt als „Manu Chaos Bar“, und wartete auf ihn. Bei jedem Typen mit Schirmmütze, weiten Shorts und verwaschenem T-Shirt, dem typischen Manu-Chao-Look, zuckte sie zusammen. Aber er kam nicht, und irgendwann hatte sie keine Tränen mehr. Auf eine Art habe er ihr also doch geholfen.

Auch ich landete voller Liebeskummer in Barcelona. Meine Liebesgeschichte aus Lyon erwies sich nämlich, einmal dort, schnell als keine. Stattdessen verliebte ich mich wenig später wieder, diesmal in eine Filmstudentin aus Lissabon, die eine Zahnspange und bunten Nagellack trug und es liebte, „Warum?“ zu fragen. Wenn ich nicht in ihrem Bett rumhing, war ich am liebsten auf der Plaça del Tripi. Ich machte „Botellón“ (wie das Trinken auf Plätzen hieß) mit den Punkern und ihren Hunden, schnorrte Zigaretten und verkaufte handgeschriebene Gedichte an Cafétischen, um ein bisschen Geld zu verdienen.

„Manu“, wie ihn in der Gegend alle nannten, erwischte ich am Plaça del Tripi nie live. Aber ich wusste, dass er ab und zu dort auftauchte, auf seinem Rad mit seiner Gitarre, und bei spontanen Jamsessions mitspielte. Von solchen Situationen gibt es eine Menge Videos auf Youtube. Nicht nur aus Barcelona, sondern aus den verschiedensten Ländern – und bis heute. Am Strand, in Nachbarschaftszentren, in von Räumung bedrohten, besetzten Häusern, bei Protesten, bei Kampagnen wie „Playing for Change“ – oder später in seinem Wohnzimmer, um den Menschen während der Coronapandemie ein Geschenk zu machen.

Auch wenn sich 23 Jahre nach diesem Nachmittag im Parc de la Ciutadella mein Musikgeschmack und vielleicht auch meine romantische Sicht auf das Leben verändert haben, freut es mich zu wissen, dass Manu Chao mit seinen nun 65 Jahren weitersingt. Noch immer mit seinem Lächeln und seiner Schirmmütze, und fast immer dasselbe Lied: eines, in dem es um Hoffnung geht.

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