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Eine Frau aus Afghanistan erzählt

In Afghanistan werden Proteste gegen die Verhaftung von Frauen brutal niedergeschlagen. M. aus Kabul, deren Namen wir nicht nennen, spricht darüber, welche Ängste die Gewalt der Taliban auslöst – aber auch, welche Hoffnung mit dem Widerstand verbunden ist

Aus Kabul M.

Seit den Festnahmen und Protesten in Herat habe ich zum ersten Mal Angst. Dabei mache ich mir noch nicht einmal Sorgen um mich selbst, ich habe vor allem Angst um meine Familie. Als ich von den Vorfällen in Herat erfahren habe, war ich so deprimiert, dass ich gar keine Nachrichten mehr hören konnte – davor habe ich sie täglich verfolgt. Ich habe mich gefragt, was noch alles auf uns zukommt.

Ich war glücklich, als ich von dem Protest gehört habe, und dachte, endlich stehen die Männer für uns Frauen ein. Ich wollte keine Situation wie im Iran, wo Tausende ihr Leben verlieren. Aber ich wollte, dass die Leute der Regierung zeigen, dass sie die Menschen nicht so unterdrücken kann. Als ich dann erfahren habe, dass die Behörden auf Demonstrierende geschossen haben, musste ich weinen. Ich liebe Geschichte und lese sehr viel. Ich frage mich, an welchem Punkt unser Land mittlerweile gelandet ist. Wir haben eine jahrtausendealte Zivilisation und jetzt schießen wir auf unsere eigenen Brüder und Schwestern.

Die Leute sind aus Wut wegen der Festnahmen in Herat auf die Straße gegangen. Die Taliban haben ihre Töchter, Schwestern und Ehefrauen mitgenommen. Schon davor haben wir immer mal wieder von Festnahmen gehört, auch hier in Kabul, aber das waren einzelne Fälle. Plötzlich hat es so viele Frauen an einem Tag getroffen, und das haben die Leute als Angriff empfunden.

Ich habe in den sozialen Medien gesehen, dass Frauen zu weiteren Demonstrationen aufgerufen haben. Die meisten davon waren Afghaninnen im Ausland, Frauen hier im Land haben die Protestaufrufe nur unter engen Freunden geteilt.

Ich habe mich entschieden, teilzunehmen, weil wir den Taliban zeigen müssen, dass sie so nicht weitermachen können und ihre Gesetze ändern müssen. Natürlich möchte ich nicht, dass Menschen bei den Demonstrationen getötet werden, aber die Situation ist inakzeptabel. Als ich gesehen habe, wie in der Stadt überall Bewaffnete und Fahrzeuge stationiert wurden, habe ich schon befürchtet, dass die Demonstration nicht stattfinden wird; tatsächlich habe ich von eine der Organisatorinnen dann gehört, dass sie abgesagt wird. Sie klang sehr verängstigt.

Ich organisiere Unterricht für Mädchen, die regulär keine höhere Schule mehr besuchen dürfen. Weil die Überwachung in einigen Stadtvierteln derzeit so streng ist, habe ich meine Klassen abgesagt, bis sich die Situation wieder etwas beruhigt. Das könnte noch einige Wochen dauern, aber ich möchte meine Schülerinnen nicht gefährden, obwohl sie sehr frustriert dadurch sind. Leider kann ich den Unterricht bis dahin nicht online anbieten, weil wir Mädchen aus armen Familien unterrichten, die nicht immer Zugang zum Internet haben.

Besonders schockiert bin ich darüber, wie sehr sich die Straßen seit den Vorfällen in Herat auch hier in Kabul verändert haben. In meiner Nachbarschaft gehen derzeit viele Frauen morgens raus, weil sie sich dann sicherer fühlen.

Auch ich habe tagelang vermieden, das Haus zu verlassen, weil sich meine Familie Sorgen gemacht hat. Als ich dann für einige Erledigungen in einer weiten, farbigen Tunika auf die Straße gegangen bin, hat mich ein Talib im Vorbeigehen als schamlos bezeichnet, und ich habe gelacht. Allerdings habe ich Angst, dass immer mehr Menschen unter ihrem Einfluss selber werden wie sie. Mir ist aufgefallen, dass die Taliban schon vor einigen Wochen mehr Checkpoints aufgestellt haben und die Stadt strenger bewachen.

Ich war glücklich, als ich von dem Protest gehört habe, und dachte, endlich stehen die Männer für uns Frauen ein

Viele Leute vertrauen niemandem mehr oder haben sich mit der Situation abgefunden, da sie auch in den vergangenen Jahrzehnten gelitten haben und es derzeit nur eine weitere schwierige Lage für sie ist. Die meisten wollen einfach nur das Land verlassen. Ich aber möchte nicht weggehen, sondern nach Lösungen suchen. Ich glaube, dass ich hier mehr bewirken kann als im Ausland.

Was mir Hoffnung macht, ist, dass Frauen sich gegenseitig mehr unterstützen als früher. Die Situation ist unglaublich frustrierend, aber ich glaube, dass wir durch diese Erfahrung noch mutiger, kreativer und umsichtiger werden.

Protokoll: Nabila Lalee

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