KI und Journalismus: Ist da wer?
Mensch oder Maschine – das lässt sich bei Texten immer schwerer unterscheiden. Wie die taz mit Künstlicher Intelligenz umgehen will.
K önnen Sie mit Sicherheit sagen, wer hier gerade schreibt – Mensch oder Maschine? Manche meiner Kolleg.innen sind sich sicher, sie könnten es am Textfluss erkennen, an den Übergängen zwischen Sinneinheiten, ganz ohne KI-Detektor. Ich würde das gerne glauben. Glauben, dass es offensichtlich ist, ob hier ein Mensch denkt und spricht.
Nur ist künstliche Intelligenz längst in der Lage, mit den richtigen Anweisungen gefüttert, menschliche Gefühle zu simulieren, Denken zu imitieren, intelligente Analysen zu erstellen, einen lustigen Podcast zu bauen oder einen nachdenklichen taz-Essay über den Einsatz künstlicher Intelligenz im Journalismus zu schreiben. Und das mindestens so eingängig, dass immer mehr Medien darauf zurückgreifen werden.
Am Ende ist es relativ einfach: Sie müssen mir, müssen uns einfach vertrauen. Vertrauen, dass in der taz Menschen Journalismus für Sie machen, echt und nicht halluziniert, dass sie dafür brennen, eine andere Form von Öffentlichkeit herzustellen, die nicht von den Renditeerwartungen der großen Verlage oder den Propagandaerwartungen rechter Multimilliardäre geprägt ist.
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Vertrauen, das ist das Schlüsselwort in der aktuellen Debatte um die Verwendung von künstlicher Intelligenz im Journalismus.
Die Gedanken sind frei. Aber sie sollten im Kern schon menschengemacht sein. Wenn Leitartikel, angeblich von einem Journalisten, tatsächlich von einer KI formuliert werden, dann fragen sich die Leute zu Recht: warum eigentlich noch der Redaktion meines Vertrauens die Treue halten? Wenn das Publikum nicht mehr darauf vertrauen kann, dass tatsächlich ein.e Autor.in hinter dem Text steht, ob geschrieben oder gesprochen, wird es uns den Rücken kehren. Es ist nicht ausgemacht, dass Teile des Publikums dies angesichts der Durchdringung der Informationsgesellschaft mit KI nicht ohnehin tun werden. Wenn wir dieses Vertrauen beschädigen, geben wir ihnen allerdings gleich auch selbst den Laufpass.
Wo steht die taz in dem Ganzen?
Künstliche Intelligenz stürzt den Journalismus in eine Daseinskrise. Ökonomisch, weil maschinengemachte Nachrichten auf Plattformen aller Art das journalistisch kuratierte Produkt aus Medienhäusern verdrängen. Und ethisch-moralisch, weil sie die Grenzen dessen verschiebt, was wir als statthaft empfinden, weil in diesen Tagen die eine oder andere Grenze ohne Not überschritten wird und weil wir aber vielleicht auch nur dachten, wir wüssten, wo die Grenzen verlaufen.
Die FAZ, die einen KI-erstellten Gastbeitrag des thüringischen Ministerpräsidenten aus dem Netz nahm, und der Tagesspiegel, dessen ehemaliger Chefredakteur in größerem Stil KI unter seinem Namen leitartikeln ließ, haben sich in den vergangenen Tagen von der Publizierung KI-generierter Texte mit klaren Worten distanziert. Gustav Seibt macht es sich in der Süddeutschen Zeitung ein wenig weniger leicht und dekonstruiert den Autoren-Gedanken an sich und für sich mithilfe von Foucault und Goethe, kommt aber auch nur zu dem Befund, dass es wirklich kompliziert ist.
Der Gründer des Medienunternehmens „The Pioneer“, Gabor Steingart, nennt jene Medien, die KI in der Texterstellung verdammen, wiederum einfach nur eine „Herde von Holzköpfen“. Und Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner wirft der FAZ ein „stolzes, aber sterbendes Dogma“ vor, „wie der verzweifelte Versuch der Postkutschen-Lobby, das Automobil zu verbieten“. Letzteres ist eine schön polemische Formulierung, nach Auskunft von Döpfner jedoch komplett KI-generiert. Ist das also die Frage: alte Welt gegen neue Welt? Sind Moral und journalistische Ethik in dieser gefühlt prärevolutionären Phase überhaupt noch relevante Kategorien? Und wo steht die taz in dem Ganzen?
Die taz war schon immer ein Haus, das technische Neuerungen wie kein zweites umarmt und zugleich höchst kritisch hinterfragt hat. Wir waren die erste deutsche Zeitung im Netz, immer ohne Bezahlschranke. Jetzt sind wir die erste, die ihre tägliche Ausgabe ausschließlich digital produziert. Und Datensicherheit ist in unserer Technik stets das erste Gebot. Als Teil der Informationsgesellschaft sind wir nicht nur Beobachterin, sondern immer auch Akteurin.
Recherchetool und Inspiration
Bereits vor drei Jahren haben wir uns KI-Leitlinien verordnet. Darin halten wir fest, dass die taz eine Autor.innenzeitung ist und bleibt. „Wir interessieren uns für KI-Anwendungen nur als Arbeitserleichterung, die es uns ermöglicht, stärker inhaltlich und mit größeren Gestaltungsmöglichkeiten arbeiten zu können. … Wir setzen diese Technologie … nur begrenzt und verantwortungsvoll ein. … Wenn wir in Ausnahmefällen ganze Texte von Künstlicher Intelligenz generieren lassen – wie etwa zu Anschauungszwecken in unserer KI-Kolumne – machen wir das deutlich kenntlich.“
Doch haben wir in den KI-Leitlinien noch etwas ergänzt: „Diese Linien geben einen Stand jetzt wieder. Wir werden diese aktualisieren, wenn neue Entwicklungen dies nötig machen.“ Der Moment zu prüfen, scheint mir gekommen. Denn die jüngste, schmerzhafte wie wortgewaltige Debatte ist für den Journalismus von noch essenziellerer Bedeutung, als es der Relotius-Skandal vor ein paar Jahren war. Relotius, das war jener Autor, der für den Spiegel wunderschön glattpolierte Reportagen schrieb, die beschriebenen Momente aber imaginiert hatte.
Wo fängt die Verwendung künstlicher Intelligenz an und wo hört sie auf? Der Deutsche Journalisten-Verband fordert die Kennzeichnungspflicht von KI-Inhalten. Meine Hochachtung vor all jenen, die das jetzt gerade so trennscharf benennen können. Der Sprecher des Deutschen Presserats, Moritz Döbler, dagegen meint, es sei sehr schwer zu definieren, ab wann ein Text ganz oder überwiegend KI-generiert sei. Der Presserat habe nicht darüber zu befinden, welche Technologie eingesetzt werde.
Neue KI-Tools schleichen sich nahezu täglich ein, oft, ohne dass man dazu befragt würde. Journalist*innen arbeiten mit Informationen, die zu großen Teilen auf digitalen Wegen zu ihnen gelangen. Die Suche mit Maschinen gehört untrennbar dazu. Und welche Suchmaschine verzichtet noch auf den Einsatz von KI? Viele in der taz nutzen diese als Recherchetool, als Inspiration für einen Vortrag oder als Analyse-Instrument, als sprachliche Hilfsinstanz, als „intelligenten“ Begleiter.
Einfache Antworten sind selten die richtigen
Ich habe – fast schon selbstverständlich angesichts der Debatte – auch eine KI gebeten, diesen Essay zu schreiben. Sie sollte dabei meine wägende Haltung beachten und meine sprachlichen Unzulänglichkeiten reproduzieren. Der Prompt lautete: „Schreibe einen Essay über 9.000 Zeichen zum Umgang mit KI beim Generieren journalistischer Texte. Dieser Text muss mit den taz-Leitlinien, veröffentlicht auf taz.de übereinstimmen. Der Text soll eine kritische Reflexion der Auswirkung von KI-Nutzung auf das kritische Denken, auf den Datenschutz und auf die Originalität journalistischer Arbeit beinhalten. Zugleich soll er für die Nutzung von datenkonformen, europäisch-souveränen KI-Modellen zur Unterstützung und Erleichterung plädieren. Dies muss er als Zwiespalt darstellen, denn die Entwicklung ganz zu verschlafen, macht auch keinen Sinn. Und die Arbeitsersparnis und Freiheit für andere Aufgaben ist auch mit einzurechnen. Der Text muss im Stil von taz-Chefredakteurin Barbara Junge geschrieben sein, ihre sprachliche Schwäche aufweisen und ihre eher reflektierende, denn wuchtige Einordnung reflektieren. Der Text muss progressiv sein und reflektieren, was progressiv heute heißt.“
Ich nutze in diesem Text keine einzige Zeile aus dem Ergebnis dieses Prompts. Aber hätte ich den Auftrag ernst gemeint, wäre es legitim, das Ergebnis als Inspirationsquelle zu betrachten? Und bin ich sicher, dass sich keine Formulierungen einschlichen, die ich zuvor gelesen habe? Was, wenn ich einen von mir selbst gedachten und geschriebenen Absatz in ein Sprachmodell gäbe und dieses aufforderte, ihn auf sprachliche oder inhaltliche Schwächen zu untersuchen und ihn danach umschriebe. Einfache Antworten sind selten die richtigen. Wir in der taz ringen darum. Wir fragen: Darf ein Satz, eine Sinneinheit in einem Text aus einem Sprachmodell übernommen werden? Was bedeutet Redigatur? Dieses Ringen, davon bin ich überzeugt, ist der richtige Weg – nicht eine Gewissheit, die morgen schon hinweggefegt sein könnte.
Wir ringen weiter
Stattdessen geben wir lieber ein Versprechen: Wir bleiben eine Autor.innenzeitung. Wir ringen weiter, aber wir wollen keiner KI das Tor öffnen, uns ganze Autor.innentexte zu verfassen, die ohnehin nur das reproduzieren, was millionenfach anderswo geschrieben wurde. Denn das führte den Journalismus geradewegs in die Hölle.
Nur sollten wir uns jetzt auch nicht einer lustvoll-masochistischen Verdachtskultur hingeben, in der alles und jeder unter dem Verdacht steht, bei der Nutzung von KI zu weit gegangen zu sein. Der Kulturkritiker Johannes Franzen schreibt bereits von der Verstetigung dieses Verdachts als Paranoia. Diese Macht sollten wir der KI nicht zugestehen, zumal es nur all jene bestärken würde, die unabhängige Medien als Korrektiv der Mächtigen sowieso am liebsten abgeschafft sähen.
Die Plausibilität eines Textes zu prüfen, gehört zur journalistischen Sorgfaltspflicht. Wir werden aber nicht auf KI-Modelle vertrauen, um KI-Inhalte aufzuspüren. Wir werden jetzt weder unsere Autor.innen noch andere Akteur.innen stetig mit Methoden durchleuchten, für die es in autoritären Staaten ganze Behörden gibt. Statt Wahrheit bleibt in Gesellschaften des Verdachts in der Regel nur Zersetzung übrig.
Hier wird es unübersichtlich, was unsere Kulturleistungen mehr bedroht, das Problem oder die Lösung.
Ich habe mir übrigens den KI-Vorschlag für diesen Essay durchgelesen und weiß nicht, ob ich enttäuscht oder erleichtert sein soll. Er war vor allem eines: langweilig.
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