HBO-Serie „Half Man“: Rationalität ist eine Fiktion
Die britische Fernsehserie „Half Man“ zeigt, was der Politik fehlt: Widersprüchlichkeit, Ambiguität, Zweifel. Und an Verzweiflung und Emotionen.
E s ist ja doch selten, dass mich Kunst so durchschüttelt, dass sich die Bilder verschieben und die Wirklichkeit aufbricht und in ihren Klüften und dunklen Gründen und Gefilden sichtbar wird. Als sei das, was wir Leben nennen, eben doch nur die Erfindung eines Regisseurs mit sehr boshaften Absichten. Die Tragödie jedenfalls, als die von Sophokles bis Camus die Existenz betrachtet wurde, muss in jeder Zeit neu durchgespielt und definiert werden. Und die Art, wie der schottische Schauspieler, Regisseur und Autor Richard Gadd seine Charaktere führt, sie fallen lässt, sie wieder und wieder aufstehen lässt und dabei die Debatten um toxische Maskulinität, Liebe, Hass, Gewalt, Familie, Abhängigkeit auf verwirrende Weise weitertreibt, ist ziemlich einzigartig, in manchen Momenten, dachte ich sogar, genial.
„Half Man“ heißt die britische sechsteilige Fernsehserie von Gadd, der mit seiner ersten Serie „Baby Reindeer“ vor ein paar Jahren berühmt wurde. Diese Serie, die von einer Stalkerin handelt und einem Comedian mit einer tiefen Vergangenheit von Missbrauch, habe ich nach ein paar Folgen abgebrochen. Was vielleicht ein Fehler war. Aber einerseits ist es so schwierig heute, bei all dem anderen medialen Geschwirre selbst eine sehr gute Serie konstant zu schauen. Andererseits war mir „Baby Reindeer“ vielleicht einfach doch zu negativ, zu kaputt.
„Half Man“ allerdings ist, soweit ich mich an „Baby Reindeer“ erinnere, noch einmal dunkler, kaputter, tiefer – und auf eine Art und Weise gewalttätig, die die Gewalt fast aufhebt, sie in ihrer performativen Kraft zeigt, wie sie sich um die Figuren legt, aber auch auf den Zuschauer oder die Zuschauerin übergreift, durch den Bildschirm hindurch. (Keine Ahnung, wie eine Frau diese Serie sieht, ich habe sie allein geschaut – vielleicht mit gutem Grund.)
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Erzählt wird die Geschichte zweier Brüder oder Halbbrüder, aber das ist eigentlich schon die falsche Zusammenfassung. Auch die Betonung der Gewalt, wie sie in manchen Kritiken vorgenommen wurde, führt in die falsche Richtung. Tatsächlich, würde ich sagen, handelt „Half Man“ davon, wie sich Menschen selbst zerstören, womöglich notwendigerweise. Es ist schließlich eine Tragödie, ohne Schuld und doch nicht ohne Schuld, vor allem deshalb, weil sie keine Worte und keine Wege finden aus der Angst.
„Half Man“ ist damit mehr als eine Reflexion über die Manosphere – dazu ist das, was Richard Gadd als Regisseur und speziell als Darsteller veranstaltet, viel zu existenziell, abgründig, auf eine fast künstliche Weise wahr. Gadd hat sich körperlich komplett verwandelt im Vergleich zu „Baby Reindeer“, er ist eine Muskelmasse von Mensch, schnaufend am Leben, voller Aggression, die sich in jedem Moment entladen kann. Er ist Gefahr, und er ist Opfer. In dieser dialektischen Dynamik entfaltet sich die Handlung, die ihren Ausgangspunkt nimmt bei der genauen, harten, liebevollen Darstellung einer Jugend im Glasgow der achtziger Jahre.
Was die beiden Brüder trennt, ist ihr Intellekt und ihre Sexualität – der schmale, smarte Niall (herausragend für den jungen Niall: Mitchell Robertson, den älteren Niall spielt Jamie Bell) und der laute, gewalttätige Ruben (besonders faszinierend Stuart Campbell als junger Ruben, der die Pathologien des älteren, von Richard Gadd selbst gespielten Ruben auf eine fast verzweifelte, verletzte Art in sich trägt). Ihr Drama, könnte man sagen, ist es, in einer lieblosen Welt aufzuwachsen; auch die beiden Mütter von Niall und Ruben, die – Skandal in den achtziger Jahren – in einer lesbischen Beziehung leben, sind von einer dezidierten Verachtung für ihre Kinder, die wiederum Ausdruck von sozialen Verhältnissen ist.
Tragik und Tragödie
Gadd aber geht es nicht darum, Armut oder Bildungsferne an sich zu beschreiben – was ihn interessiert, ist, wie Selbsthass und Selbstverleugnung entstehen, wie sie Leben und Liebe vernichten, wie sich Menschen dagegen sträuben und doch, das ist die Tragik der Tragödie, immer tiefer gezogen werden, gerade weil sie sich sträuben.
Im Fall der beiden ungleichen Brüder ist das, was den Hass und den Selbsthass antreibt, die Homosexualität – der eine liebt Männer, der andere hasst Männer, die Männer lieben, jedenfalls glaubt das Niall, worauf sich ein Leben baut, das im Grunde recht unnötig (andererseits: Tragödie) verlogen und verloren ist. Die Angst und die Gewalt, all das, was zwischen den beiden herrscht, ist ein Ausdruck von so viel eigener und fremder Unterdrückung – und Gadds Genie besteht darin, dass er die psychologische Dynamik entwickelt, ohne die Charaktere zu verkleinern oder zu erklären.
Im gesellschaftlichen Diskurs unserer Tage, wo Männerkult, Frauenverachtung und rechte Politik eine gefährliche Verbindung eingehen (Helen Lewis etwa hat das für die USA gerade in einem langen Text für die Zeitschrift The Atlantic aufgeschrieben), wirkt „Half Man“ damit wie die Antwort der Kunst auf die Politik. Oder umgekehrt: Die Kunst zeigt, was der Politik fehlt – an Widersprüchlichkeit, an Ambiguität, an Zweifel und Verzweiflung und Emotionen. Rationalität, das zeigt „Half Man“, ist eine Fiktion, eine notwendige Fiktion für Demokratie, die auf Vernunft basiert – aber eben eine Fiktion, die als solche gesehen und behandelt werden muss. Wenn sie sich verselbständigt, wenn sie hohl wird und floskelhaft, dann verliert sie ihre Wirkung. Dann wird es gefährlich.
Insofern ist „Half Man“ auch politische Unterhaltung. Die Dunkelheit, die uns umgibt, wird hier auf epische Weise greifbar. Und deutlich wird so auch: Das Gegenteil von Rationalität ist nicht Irrationalität. Das Gegenteil von Rationalität ist das Verdrängen von Irrationalität. Ist Angst.
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