Aufarbeitung der NS-Geschichte: Ist das echte Aufklärung oder Schönfärberei?
Die Gesellschaft für Unternehmensgeschichte hilft Unternehmen, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Ist sie unkritisch gegenüber ihren Auftraggebern?
Birkenstock hat es getan und die Lufthansa auch, Hugo Boss genauso wie Heckler und Koch. Weleda tut es gerade zum zweiten Mal. Firmen aller möglichen Branchen haben die Gesellschaft für Unternehmensgeschichte (GuG) mit Studien über die eigene Rolle im Nationalsozialismus beauftragt. Keine Selbstverständlichkeit angesichts der Tendenz zum Verdrängen. Doch es gibt auch Kritik an der GuG, einem Unternehmen, das anderen Unternehmen Unternehmensgeschichten verkauft.
Am 10. Juni feiert die GuG ihr „GuGiläum“, wie es in einer Ankündigung heißt. Vor 50 Jahren wurde sie im Kölner Institut der deutschen Wirtschaft gegründet, dort soll nun auch die Party zum Jahrestag steigen. Damals wie heute, sagt Geschäftsführerin Andrea Schneider-Braunberger, „verfolgt die GUG den Ansatz, Wissenschaft und Wirtschaft zusammenzubringen“.
Allein, dass Wirtschaft und Wissenschaft sich bei der GuG so nahe kommen, sehen unabhängige Historiker:innen kritisch. „Da wird richtig viel Geld gemacht“, sagt etwa der Bochumer Historiker Lutz Budraß, Experte für die Geschichte der Lufthansa. Und wenn Firmen viel Geld in die Hand nehmen, wollen sie doch wohl auch mitreden bei dem, was im historischen Gutachten über die Nazizeit steht.
Jahrzehnte des Schönfärbens
Nach dem Untergang der NS-Führung 1945 führte die „Vergangenheitspolitik“ des CDU-Kanzlers Konrad Adenauer dazu, dass große Teile der Funktionselite wieder zurückkehrten auf ihre einstigen Posten in Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft. In der westdeutschen Öffentlichkeit dominierten damals die Opfer- und Entlastungsnarrative, schreibt der Unternehmenshistoriker Sebastian Brünger in seinem Buch „Geschichte und Gewinn“ [PDF].
Unternehmen beschäftigten sich damals fast ausschließlich zu Jubiläen mit ihrer Geschichte, und das ziemlich schönfärberisch. Als beispielsweise der Stahlhersteller Krupp 1961 sein 150. Jubiläum feierte, zahlte man Altbundespräsident Theodor Heuss ein sechsstelliges Honorar für eine Festrede, in der Heuss die gesamte deutsche Wirtschaft gegen die Vorwürfe eines, wie er sagte, „schwer erträglichen Pharisäertums“ in Schutz nahm.
Krupp habe sich in der NS-Kriegswirtschaft nicht anders verhalten als ausländische Rüstungsunternehmen. „Die Herstellung von Waffen ist durch die Jahrtausende der Menschheitsgeschichte […] ein ganz einfacher historischer Tatbestand, den man gewiss bedauern mag“, sagte das frühere Staatsoberhaupt. „Aber man schafft ihn damit nicht aus der Welt.“ Business as usual also.
In der DDR hingegen wurde aktiv „Betriebsgeschichte“ betrieben, auch um den kapitalistischen Klassenfeind zu delegitimieren. Ein Beispiel sind die polemischen Bücher des ostdeutschen Historikers Eberhard Czichon über die Rolle der deutschen Großindustrie im Nationalsozialismus. Und die Rolle des Deutsche-Bank-Managers Hermann Josef Abs. Der zog daraufhin wegen Verleumdung vor Gericht.
Alle Großen machten mit
Als die GuG am 10. Juni 1976 in Köln gegründet wurde, geschah das auch, um der marxistischen Geschichtsschreibung von Czichon und Co. etwas entgegenzusetzen. Die Vorstände der Deutschen Bank hatten zuvor andere Unternehmen angeschrieben, um sie ins Boot zu holen. Zu den GuG-Gründungsmitgliedern gehörten neben der Deutschen Bank schließlich auch Daimler-Benz, Henkel, Karstadt, Mannesmann, Bosch, Siemens und viele mehr.
Von Anfang an, schreibt Sebastian Brünger, sei die GuG ein Zwitter gewesen, „der verschiedene Interessen zu vereinen suchte.“ Ihre Unabhängigkeit „qua Struktur in Frage gestellt.“ Doch auch renommierte Wissenschaftler:innen gaben für ein gutes Honorar ihren Namen her. Und tun es noch immer.
Als die GuG 1983 von Daimler-Benz beauftragt wurde, anlässlich des 100. Geburtstags des Automobils die Rolle der Firma in der NS-Zeit zu erforschen, warfen unabhängige Historiker:innen der entsprechenden Studie vor, defensiv zu argumentieren und den Einsatz von Zwangsarbeiter:innen bei Daimler-Benz zu knapp zu behandeln. 1987 gab der Arzt und Historiker Karl Heinz Roth eine Gegenstudie heraus mit dem Titel „Das Daimler-Benz-Buch – ein Rüstungskonzern im tausendjährigen Reich“.
Die Unabhängigkeit und Wissenschaftlichkeit der GuG war öffentlich infrage gestellt, der Skandal perfekt. Dies elektrisierte den jungen Historiker Lutz Budraß, der 1989 zusammen mit Gleichgesinnten den Arbeitskreis kritische Unternehmensgeschichte ins Leben rief, eine Gegengründung zur GuG. „Wir fanden, dass es sich eingeschlichen hatte, unkritisch und den Auftraggebern nach dem Munde zu schreiben“, sagt Budraß heute.
Profit gehe über Wissenschaftlichkeit
Der Gegenwind sorgte für eine gewisse Professionalisierung bei der GuG und ihren Publikationen. Auch Lutz Budraß erkennt an: „Zwischen 2000 und 2010 hat die Zeitschrift für Unternehmensgeschichte eine sehr gute Arbeit gemacht und war wirklich das Forum für die Fachdebatte.“
Und doch berichten Budraß und andere Unternehmens-historiker:innen, dass bei der GuG auch heute die schnelle und einträgliche Produktion zuweilen mehr zähle als das wissenschaftliche Ethos. 2012 wurde für die kommerziellen Ziele der GuG eine GmbH gleichen Namens gegründet.
GuG-Geschäftsführerin Andrea Schneider-Braunberger sagt auf taz-Anfrage: „Der GuG-Standardvertrag mit Auftraggebern beinhaltet immer die wissenschaftliche Unabhängigkeit der Autor:innen“. Bei einem Konflikt zu wissenschaftlichen Sachfragen sei ein Schiedsgericht vorgesehen, das sich aus Mitgliedern des wissenschaftlichen Beirats der GuG zusammensetze. „Benötigt wurde es noch nie, was vermutlich mit der Auswahl von ausgewiesenen Unternehmenshistoriker:innen als Autor:innen der Studien zu tun hat, die meist an Universitäten beschäftigt und für die Sachfragen qualifiziert sind.“
Im Fall des Kosmetikherstellers Weleda beispielsweise hat Schneider-Braunberger selbst das GuG-Gutachten angefertigt. Ihre Expertise liegt eigentlich im Bereich der Bankengeschichte, an einer Universität ist sie nicht beschäftigt. Weleda nutzte Schneider-Braunbergers Studie nach Veröffentlichung zur Schönfärberei auf der Firmenwebsite. Nachdem die Historikerin Anne Sudrow eine deutlich kritischere, 700-seitige Arbeit zu Weledas NS-Verstrickungen vorlegte, beauftragte die anthroposophische Firma 2025 ein weiteres Gutachten – allerdings wieder bei der GuG.
Auch das Beispiel der Waffenschmiede Heckler und Koch zeigt, dass die GuG-Studien den Unternehmen teils zur Schönfärberei dienen. Nach Pressevorwürfen im Jahr 2020 sah sich die Rüstungsfirma gezwungen, die Rolle des Unternehmsgründers Edmund Heckler in der NS-Zeit untersuchen zu lassen. Die GuG-Auftragsstudie unter dem Titel „Waffeningenieure im Zwielicht“ wurde 2023 am Firmensitz in Oberndorf am Neckar präsentiert, im Beisein von GuG-Geschäftsführerin Andrea Schneider-Braunberger.
Kategorien der Fünfzigerjahre
„Edmund Heckler war ein Opportunist, der sich mit seinem Fachwissen in den Dienst der Kriegsvorbereitung und Kriegswirtschaft stellte“, hieß es im Gutachten, fanatische Nationalsozialisten seien aber auch die beiden anderen Firmengründer von Heckler und Koch nicht gewesen. Die GuG sah keine aktive Beteiligung an NS-Verbrechen.
„Gründer von Heckler & Koch waren in Nazizeiten Mitläufer“, schrieben viele Medien nach der Präsentation. Die Leipziger Volkszeitung titelte gar: „Neue Erkenntnisse entlasten Gründer von Waffenhersteller Heckler und Koch“.
Diese Deutung kam der Unternehmensspitze entgegen. Jens Bodo Koch und Mitvorstand Björn Krönert sagten: „Die Untersuchungen waren langwierig und umfangreich, und jetzt haben wir volle Transparenz und unabhängig erarbeitete Forschungsergebnisse.“
Martin Clemens Winter, Historiker an der Universität Leipzig, widersprach aber: „Das ist kein angemessener Umgang mit den Erkenntnissen der Studie.“ In der Unternehmenskommunikation Heckler und Kochs habe er nicht feststellen können, „dass man das Leid anerkennt. Auch wird der deutsche Vernichtungskrieg nicht problematisiert.“ Man fühle sich in die Fünfzigerjahre versetzt.
Von Entlastung könne nicht die Rede sein
Der Begriff „Mitläufer“ tauge nicht für eine historische Bewertung, so der Historiker, sondern stamme aus den Akten der „Entnazifizierung“. In den drei Westzonen wurde nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als die Hälfte der Geprüften als „Mitläufer“ eingestuft, bei weiteren 35 Prozent das Verfahren eingestellt. Heute, sagte Winter, wirke die Idee des „Mitläufers“ wie ein Entlastungsmechanismus.
Schon bei ihrer Gründung vor 50 Jahren sei sie ein „Entlastungsvehikel“ der deutschen Wirtschaft gewesen, schrieb der Historiker Sebastian Brünger einmal über die Gesellschaft für Unternehmensgeschichte.
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