Vorwürfe der sexualisierten Gewalt: Internationaler Gerichtshof suspendiert Chefankläger
Karim Khan soll einer Mitarbeiterin sexualisierte Gewalt angetan haben und muss sein Amt vorerst ruhen lassen. Er selbst spricht von einer Kampagne.
Karim Khan sollte die Verbrecher der Welt vor Gericht bringen. Nun sieht er sich selbst mit Vorwürfen konfrontiert und wurde vom Dienst suspendiert. Es geht um mutmaßliche sexualisierte Gewalt. Und eine Frage schwebt über allem: Ist er Opfer einer Kampagne, Täter – oder beides?
Als er 2021 sein Amt als Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) antrat, wollte Karim Khan dem Gerichtshof zu neuem Schwung verhelfen. Er hatte zuvor ein Team geleitet, das Verstöße des Islamischen Staats untersuchte, war Ankläger bei den UN-Tribunalen, die sich mit den Kriegsverbrechen in Ruanda und Ex-Jugoslawien beschäftigten.
Der britische Jurist mit pakistanischen Wurzeln galt als rhetorisch brillant, als scharfer Denker. Vor allem aber als mutig. Der Aufgaben, für die es Mut brauchte, gab es einige. Zum Beispiel stellte sich die Frage, wie sich der Strafgerichtshof in Bezug auf Israel/Palästina verhalten sollte. 2021 hatte die Vorverfahrenskammer des IStGH entschieden, dass sich dessen Gerichtsbarkeit auch auf die seit 1967 von Israel besetzten Gebiete – das Westjordanland, Ostjerusalem und den Gazastreifen – erstreckt. Und so stellt Khan nicht nur 2023 einen Haftbefehl gegen Wladimir Putin aus, sondern beantragt ein Jahr später, im Mai 2024, ebenfalls Haftbefehl gegen die Hamas-Anführer Jahia Sinwar, Mohammed Deif und Ismail Hanijeh. Was mehr Wirbel verursacht: Er beantragt auch Haftbefehl gegen den damaligen israelischen Verteidigungsminister Joaw Galant – und Regierungschef Benjamin Netanjahu.
Spätestens an dieser Stelle wird die Geschichte unübersichtlich. Denn im Oktober 2024 – einen Monat, bevor der Haftbefehl gegen Netanjahu dann tatsächlich erlassen wird – werden Vorwürfe gegen Khan öffentlich. Er soll eine enge Mitarbeiterin mehrfach und über einen längeren Zeitraum hinweg bedrängt und zu sexuellen Handlungen gezwungen haben.
Wenig überraschend sind die Reaktionen von Khan und Netanjahu. Khan weist die Anschuldigungen von sich, aber pausiert freiwillig vom Amt. Netanjahu seinerseits bezeichnet Khan als „größten Antisemiten der Moderne“. So weit, so klar. Doch einige vermuten eine konzertierte Aktion hinter den Vorwürfen gegen Khan. Sie verweisen auf den zeitlichen Zusammenhang zwischen dem Haftbefehl und den Anschuldigungen. Bereits Jahre zuvor sollen israelische Geheimdienste laut Recherchen der israelischen Magazine +972, local call und dem britischen Guardian mit einer Überwachungskampagne begonnen haben. Sie richtete sich gegen Khan und dessen Vorgängerin Fatou Bensouda – inklusive Drohungen, dass die Chefankläger ihre Ermittlungen nicht weiterverfolgen. Khan berichtete außerdem von Drohungen gegen seine Familie, die USA verhängten Sanktionen gegen den Juristen.
Im November 2025 erschien im Guardian ein Text, in dem es heißt, zwei private Sicherheitsdienste mit Sitz in London von Katar seien beauftragt worden, Informationen über die Frau zu sammeln, die die Vorwürfe vorgebracht hat, in dem Versuch, ihre Glaubwürdigkeit zu erschüttern und damit Khan zu entlasten. Dabei soll es auch darum gegangen sein, Verbindungen zwischen der Frau und Israel zu finden – laut Guardian wohl vergeblich.
Eine interne, bisher nicht veröffentlichte Untersuchung einer Aufsichtsstelle der UN kam laut Guardian zu dem Ergebnis, dass Khan kein Fehlverhalten vorzuwerfen sei. Die endgültige Entscheidung steht allerdings noch aus, bis dahin ist Khan vom Dienst suspendiert.
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