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NordirlandRassistische Krawalle nach Messerangriff in Belfast

Am Dienstag ging ein Video von einem brutalen Messerangriff eines Asylbewerbers viral. Nun setzten Rechtsextreme Autos und Gebäude in Brand.

Ralf Sotscheck

Aus Dublin

Ralf Sotscheck

Es war ein frommer Wunsch: Die nordirische Polizei sowie Politiker in Belfast und London hatten dazu aufgerufen, Ruhe zu bewahren, nachdem ein 30-jähriger Sudanese am Dienstag kurz vor Mitternacht einen Mann in den Vierzigern in Nord-Belfast mit einem Messer lebensgefährlich verletzt hat. Der Täter wurde von Passanten überwältigt und festgehalten, bis die Polizei eintraf.

Doch rechte Organisationen und ausländerfeindliche Gruppen ließen sich die Gelegenheit nicht entgehen, gegen die Immigrationspolitik der Regierung zu demonstrieren. Und dabei blieb es nicht. Es kam in den protestantisch-unionistischen Vierteln Belfasts zu schweren Krawallen. Viele Straßen wurden von Gruppen maskierter Demonstranten blockiert, Busse, Autos und sogar Gebäude gingen in Belfast und anderen nordirischen Städten in Flammen auf. Der gesamte Verkehr von und nach Belfast wurde eingestellt. Bewohner mussten von der Feuerwehr aus brennenden Häusern geholt werden.

Nordirlands Ministerpräsidentin Michelle O’Neill von Sinn Féin bezeichnete die Gewaltszenen in Nordirland als „reines Rowdytum“. Sie sagte: „Der Anschlag war abscheulich und verwerflich. Es gibt jedoch gefährliche Versuche, dies auszunutzen, um unschuldige Menschen ins Visier zu nehmen und anzugreifen, die hier lediglich versuchen, zu leben, zu arbeiten und ihre Familien großzuziehen.“

Das Video, das Augenzeugen von der äußerst brutalen Attacke gemacht hatten, wurde vom britischen Rechtsextremen Tommy Robinson auf Elon Musks X geteilt und hatte in Windeseile mehr als 50.000 Aufrufe. Robinson war gerade von einem Treffen mit Musks Vater in einem Moskauer Luxus-Hotel zurückgekehrt. X versah das Video schließlich mit Altersbeschränkungen und einer Warnung, doch unzensierte Versionen sind auf der Plattform nach wie vor leicht zu finden.

Rechtsextreme: Weiße Männer müssen „kampfbereit“ sein

Robinsons Kumpan, der rechte polnische Europaabgeordnete Dominik Tarczyński, forderte auf X: „Massenabschiebungen JETZT!“ Sogenannte „Active Clubs“ – rechtsextreme Gruppierungen, die sich als Sportvereine tarnen – haben die Attacke genutzt, um ihre Botschaft zu verbreiten, dass junge weiße Männer „kampfbereit“ sein müssen.

Ihre Gesinnungsbrüder aus der Republik Irland haben in den sozialen Medien die Nachricht verbreitet, dass der tatverdächtige Sudanese aus Frankreich nach Dublin und im Februar 2023 weiter nach Belfast gereist sei, wo er internationalen Schutz beantragt habe. Der Asylantrag sei genehmigt worden, er habe eine Aufenthaltsgenehmigung bis 2028. Nun wird er länger bleiben müssen: Am Mittwochmorgen ist Anklage gegen ihn wegen Mordversuchs erhoben worden.

Nordirische unionistische Politiker, einige Tories und natürlich Nigel Farages rechtsextreme Partei Reform stellten wegen der Einreise des Tatverdächtigen aus Dublin wieder mal die offene Grenze zwischen beiden Teilen Irlands infrage. Farage wurde von Rupert Lowe, seinem Rivalen auf der rechten Seite, noch übertrumpft. „Politiker von Reform haben dieses Monster in unser Land gelassen“, twitterte der Vorsitzende von Restore Britain in einer Anspielung auf zwei von Farages Neuzugängen, die ehemaligen Tory-Minister*innen Suella Braverman und Robert Jenrick.

Polizei fürchtet Ausbreitung der Unruhen

Die Polizei fürchtet, dass sich die Unruhen wie vor zwei Jahren weiter ausbreiten könnten. Im August 2024 war es zu tagelangen Gewaltorgien gekommen, ausgelöst von einem Amoklauf im nordwestenglischen Southport, bei dem drei Mädchen von einem Jugendlichen mit Migrationshintergrund erstochen und weitere Kinder teils schwer verletzt wurden. Die Randale der Rechten richtete sich in Belfast vor allem gegen muslimische Geschäfte. Dabei haben gerade mal 3,4 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund, nur 0,25 Prozent sind Asylbewerber.

Fast die Hälfte der damals festgenommenen Randalierer, die angeblich einheimische Frauen und Mädchen schützen wollten, war aufgrund von Anzeigen wegen häuslicher Gewalt aktenkundig.

Für die nächsten Tage ist in der gesamten Krisenprovinz eine verstärkte Polizeipräsenz geplant, die nordirische Polizei hat Hilfsangebote von anderen Polizeibehörden im Vereinigten Königreich erhalten. Die Polizei der Republik Irland arbeitet mit den nordirischen Kollegen zusammen, um rechtsextreme Agitatoren zu identifizieren, die aus der Republik in den Norden reisen.

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