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Nachruf auf GlobalisierungskritikerDas Weltgewissen aus der Schweiz

Soziologe, Autor, Feind der Banken: Jean Ziegler ist am Mittwoch mit 92 Jahren gestorben. Sein Leben widmete er dem Kampf für soziale Gerechtigkeit.

„Gewissen der Welt“, so nannten ihn manche. Ein Vordenker der Globalisierungskritik war er zweifellos, Chauffeur von Che Guevara auch. Der kubanische Revolutionär habe ihm, so erinnerte sich der Schweizer Soziologe und linke Universalintellektuelle Jean Ziegler, einst davon abgeraten, sich den Kämpfen im Globalen Süden anzuschließen. Stattdessen möge er in der Schweiz bleiben. „Hier bist du geboren, hier befindet sich das Gehirn des Monsters.“

Ziegler tat wie ihm geheißen und wandte sich in den folgenden Jahrzehnten aus dem reichsten Land der Welt heraus gegen die „Tyrannei des globalisierten Finanzkapitals“. Er sah sich dabei in erster Linie als Profiteur zufälliger Privilegien, als Bürger eines Landes wie der Schweiz. Dies sei eine Verpflichtung gegenüber der Milliarde Menschen, die in der „kannibalischen Weltordnung“ die untersten Plätze einnehmen, die in ihr als überflüssig gelten und deshalb keine Chance auf ein menschenwürdiges Leben bekommen.

Hilfreich für die enorme öffentliche Wirkung, die Ziegler entfaltete, dürfte die Kombination aus Sendungsbewusstsein und Produktivität gewesen sein.

Ein Besuch in Moria

2019 begleitete ich ihn, als er als Berater des UN-Menschenrechtsrats das vollkommen überfüllte Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos besuchte. Ziegler verbrachte nur einen einzigen Tag an diesem Ort, den die EU zur Abschreckung weiterer Flüchtlinge voller Absicht im Elend versinken ließ. Schon bald darauf erschien ein neues Buch: „Die Schande Europas“. Was darin steht, hatten zuvor auch schon andere gesagt. Aber Zieglers Prominenz und seine unvergleichliche Fähigkeit, Unrecht als solches zu benennen, gaben den Zuständen in Moria die Aufmerksamkeit, die sie brauchten.

Denn Ziegler brachte Menschen dazu, sich nicht mit den Dingen abzufinden, mit denen man sich nicht abfinden darf. Das war seine wichtigste Fähigkeit und seine größte Leistung. So belebte er auch das Amt des UN-Sonderberichterstatters für das Recht auf Nahrung, das er im Jahr 2000 übernahm. Aus dieser Zeit stammt Zieglers wohl berühmtester Satz: „Ein Kind, das heute am Hunger stirbt, wird ermordet.“

Auch das hatten zuvor schon andere gesagt, doch Ziegler hämmerte diesen Umstand ins öffentliche Bewusstsein. Nie wurde er müde zu wiederholen, dass an jedem Tag 47.000 Menschen an ohne Weiteres vermeidbarem Hunger oder dessen unmittelbaren Folgen sterben. Der Kampf gegen Hunger beschäftigte ihn zeitlebens.

Milder Blick auf Potentaten

Das Erstaunlichste daran ist, dass außer ihm kaum jemand diese Tatsache so kontinuierlich öffentlich ansprach. Bis heute steht die Menschheit diesem unfassbaren Missstand so abgestumpft gegenüber, dass es gleichsam eine Leistung Zieglers war, das Selbstverständliche zu benennen: Das ist nicht normal. Es darf nicht sein.

So hart Ziegler auf die Ungerechtigkeit in der Welt sah, so sonnig blickte er bisweilen auf jene, die vorgaben, für etwas Besseres einzutreten. Diktatoren wie Muammar al-Gaddafi in Libyen und Robert Mugabe in Simbabwe stand er lange auf befremdliche Weise nahe, stalinistische Zirkel schreckten ihn nicht.

Berichte über die Herrschaft des kambodschanischen Massenmörders Pol Pot tat er lange als westliche Propaganda ab. Auch damit stand er nicht allein. Den Irrtum räumte er später selbst ein: Von einem „Befreiungsschlag, auf den furchtbare Katastrophen folgen“, schrieb er in seiner Autobiografie, von Pol Pot und dessen „Wahnsinn“.

Kein Putin-Versteher

Andere Irrtümer der Linken beging Ziegler nicht. Sosehr er den Westen kritisierte – über Waldimir Putins Russland machte er sich keine Illusionen. Nach dem Angriff auf die Ukraine sagte er, die Welt sei „zurückgefallen in eine Situation, in der nur noch Gewalt gilt“, und nannte Putin einen „pathologisch bestimmten Missetäter, einem Massenmörder“.

Schon Jahre bevor eine Allianz aus Ultralibertären, Rechtsextremen und Superreichen die globale Macht an sich zog, schrieb Ziegler diesen Satz: „Die neue Barbarei hat Einzug gehalten mit ihrer grenzenlosen Vergötzung des individuellen Erfolgs und eines brutalen Konkurrenzdenkens, das die Vernichtung des Schwachen durch den Starken, die Absage an jede Form von Solidarität als einen geistigen Sieg feiert.“

Besser lässt sich kaum beschreiben, wie der reichste Mensch der Geschichte, Elon Musk, im Mai 2025 voller Stolz verkündete, als Sonderberater des US-Präsidenten Donald Trump mit seinem „Department of Government Efficiency“ (Doge) die US-Mittel für humanitäre Hilfe „geschreddert“ zu haben. Einer Studie im Fachmagazin The Lancet zufolge könnte dies bis zum Jahr 2030 zu mehr als 14 Millionen zusätzlichen Todesfällen führen. 4,5 Millionen davon könnten Kinder unter fünf Jahren sein.

Seine Weitsicht wird fehlen

Das ist nun ein Jahr her, und nur noch wenige sprechen davon. Jean Ziegler hätte weiter gut zu tun in dieser Zeit.

Am Mittwoch starb er im Alter von 92 Jahren in Genf.

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