Ultraorthodoxe in Israel: Mit Gottes Hilfe gegen die Wehrpflicht
Strenggläubige Juden blockieren am Donnerstag Autobahnen in Israel. Es geht um ihre Wehrpflicht – dabei hätten sie eigentlich Grund zum Feiern.
Etwa zwei Stunden lang haben am Donnerstagnachmittag ultraorthodoxe Protestierende mehrere Autobahnen in Zentralisrael blockiert. Bilder zeigen Männer in für die sogenannten Gottesfürchtigen typischem Outfit – Anzüge und weiße Hemden, Schläfenlocken, aus dem Bund hängende Schaufäden, dunkle Hüte. Sie bildeten Menschenketten quer über die Straße.
Der Anlass der Proteste: Derzeit sitzen 19 junge ultraorthodoxe Männer in israelischen Gefängnissen, weil sie sich dem Wehrdienst entzogen haben. Dieser ist in Israel eigentlich für junge Jüdinnen und Juden, männliche Drusen und Zirkassen verpflichtend. Doch jahrzehntelang galt der Konsens: Ultraorthodoxe junge Männer, die ganztägig in einer religiösen Schule die Thora und weitere jüdische Texte studieren, müssen den Wehrdienst nicht absolvieren. Sie bekommen jährlich eine Ausnahmegenehmigung ausgehändigt, bis sie irgendwann über die Altersgrenze für den Wehrdienst hinausaltern.
Dem Wehrdienst verweigern sie sich eigener Aussage zufolge, weil das Militär ihrer strengen Interpretation des jüdischen Glaubens nicht gerecht werden kann. So dienen im Militär etwa auch junge Frauen – für Ultraorthodoxe ist ein engerer Umgang mit dem anderen Geschlecht außerhalb der eigenen Familie aber ein Tabu. Auch die strenge Einhaltung des Schabbat, des Ruhetags am Samstag, kann im normalen Armeedienst nicht gewährleistet werden. Zwar gibt es für Ultraorthodoxe eine eigene Einheit, die sich um die Einhaltung dieser Gebote bemüht, doch auch das reicht vielen nicht.
Im Jahr 2024 hatte der Oberste Gerichtshof in Israel dem standardisierten Erlassen des Wehrdienstes für junge Ultraorthodoxe einen Riegel vorgeschoben: Die israelische Regierung sollte eine Einigung finden; eine Anweisung zur Einberufung der jungen Wehrpflichtigen folgte. Im November 2025 wurde die Regierung dann angewiesen, Maßnahmen gegen die Verweigerer zu ergreifen. Im April wies der Oberste Gerichtshof die Regierung an, ökonomische Sanktionen gegen die Verweigerer auszusprechen und strafrechtliche Verfahren einzuleiten.
Studium der Thora als „grundlegender Wert des Staates Israel“
Wie ernst es ihnen ist, zeigten einige Ultraorthodoxe bereits am vergangenen Wochenende. Da zogen Dutzende zum Haus von Noam Solberg, Richter am Obersten Gerichtshof, in einer Siedlung im Westjordanland und protestierten dort gegen den geforderten Wehrdienst und die Festnahme ihrer Glaubensbrüder. Dabei schlugen sie Scheiben ein, demolierten ein Auto, hinterließen eine israelische Fahne, bei der der Davidstern durch ein Hakenkreuz ersetzt wurde.
Der Angriff erfolgte nur wenige Tage nach einem ähnlichen Überfall auf eine Polizeistation in der orthodox geprägten Stadt Beit Schemesch. Dieser fand am Freitagabend statt – während der Ruhetag Schabbat bereits begonnen hatte.
Dabei hätten die Haredim, wie sie im Hebräischen genannt werden, gerade eigentlich Grund zum Feiern. Am Mittwoch war in der Knesset in einer ersten Lesung ein kontroverses Gesetz angenommen worden. Es definiert das Studium der Thora als „grundlegenden Wert des Staates Israel“ – und setzt es damit wohl dem Wehrdienst gleich. Mit 56 Ja-Stimmen gegen 43 Ablehnungen kam es durch – obwohl einige Regierungsmitglieder mit der Opposition gegen das Gesetz stimmten.
Die Abstimmung ist wohl Teil einer Reihe von Hau-Ruck-Maßnahmen, die die amtierende Regierung von Premier Benjamin Netanjahu vor den bald anstehenden Wahlen noch anschiebt oder durchsetzt. In dieser Koalition sitzen neben Netanjahus Likud-Partei auch Rechtsextreme sowie zwei Parteien der Haredim.
In diese Kategorie der noch schnell durchzubringenden Gesetze gehört wohl auch, dass Netanjahu seinen Anwalt Michael Rabello in die Position des Obersten staatlichen Finanzkontrolleurs hievte. Die Times of Israel schrieb im Zuge dessen von „Patrimonialismus“ – also einem System, das über Loyalitäten und Vetternwirtschaft statt Bürokratie und Gesetzestreue funktioniert. Und dass Netanjahu so zeige, „dass er persönliche Loyalität über grundlegende demokratische Normen stellt“.
Das Gesetz zur de-facto-Gleichstellung von Thora-Studium und Wehrdienst muss nun noch weitere Komitees in der Knesset passieren. Die Regierung versucht aber, das Gesetz noch in ihrer Amtszeit durchzubringen.
Die Ausnahme vom Wehrdienst für Ultraorthodoxe ist auch deshalb gerade derzeit so kontrovers, weil Israel an mehreren Fronten Krieg führt: Libanon, Gaza, Syrien, Iran. Hinzu kommt die Besatzung des Westjordanlands. Etwa 12.000 junge Rekruten fehlten dem Militär, erklärte Militärchef Eyal Zamir und warnte jüngst vor einem „Kollaps der Streitkräfte“. Etwa 80.000 junge Haredim müssten derzeit eigentlich eingezogen werden, berichtet die Times of Israel. Sie machten über 80 Prozent aller Verweigerer aus.
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