Tagebuch aus Russland: Wie Afrikaner in das russische Labyrinth des Todes geraten
Russland holt sich seine Rekruten von überall. Wer sich aus der Armee befreien will, hat oft nur eine Chance: Er muss ein anderes Opfer benennen.
I ch gebe in die Suchmaschine die Worte „Ausländer in der russischen Armee“ ein. Unter den ersten fünf Treffern erscheint die Website „Sila Rodiny“ („Die Kraft der Heimat“). Auf diesem Portal zeigen sich glückliche und bestens ausgerüstete Kasachen, Kirgisen, Belarussen und andere Männer in russischen Uniformen, wie sie vor Schützengräben und Feldstellungen posieren.
Die Bilder wirken leicht comicartig. Ihre offensichtliche Gleichförmigkeit verrät den Einsatz von Künstlicher Intelligenz.Daneben finden sich Links, wie man mit der russischen Armee einen Vertrags abschließen kann. Versprochen wird Unterstützung in jeder Phase: von der Ankunft in Russland bis zur Unterbringung. Angeblich können Bewerber sogar wählen, ob sie einen Einsatz bei rückwärtigen Einheiten oder einen an der Front vorziehen.
Zugleich locken hohe Prämien. Sie sind für die Eroberung eines Panzers oder für Geländegewinne im Rahmen von Sturmangriffen augelobt. Für einen Tag an der Front werden umgerechnet rund 80 Euro versprochen, für jeden eroberten Kilometer etwa 500 Euro.
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15.000 Soldaten alleine aus Nepal
Diese Website ist nur einer von vielen Versuchen, junge Männer zu rekrutieren. Bereits 2023 wurden in Nepal 12 Werber für die russische Armee festgenommen. Nach Schätzung etlicher Medien könnte Russland in dem Himalaya-Staat in den ersten drei Kriegsjahren bis zu 15.000 Kämpfer für die Front rekrutiert haben.
Zu den bekannten Herkunftsländern ausländischer Rekruten gehörten schon in den ersten Jahren der Invasion auch Kuba und Somalia. Gerade in Afrika wirbt Russland besonders intensiv um neue Soldaten, was in westlichen Medien nur wenig Aufmerksamkeit erhält.
Bei Recherchen konnten die Namen von Bürgern aus 36 afrikanischen Staaten dokumentiert werden, die angeworben wurden. Menschenrechtsorganisationen sehen in diesem Rekrutierungssystem zahlreiche Merkmale des Menschenhandels.Oft wissen die angeworbenen Afrikaner nicht einmal, wohin sie reisen oder was sie dort erwartet. Den Betroffenen wird oft eine gute Ausbildung und ein komfortables Leben in einem fernen nördlichen Land versprochen. Erst nach ihrer Ankunft erkennen viele, dass sie in die Hände der Militärbehörden geraten sind.
Ein Detail verdeutlicht das Ausmaß des Systems besonders: Potenziellen Opfern wird nicht nur der Dienst an der Front angeboten, sondern sie werden zudem ermutigt, selbst neue Rekruten anzuwerben. Für jeden Abschluss werden ihnen Prämien von 500 bis 700 US-Dollar versprochen.
Mythologie und Kriegsrealität
Um es mit einer Metapher zu sagen: Es entsteht eine Art Labyrinth. Im Mai 2026 feierte beim Festival von Cannes der neue Film des russischen Regisseurs Andrey Zvyagintsev, „Minotaur“, einen viel beachteten Erfolg. Darin muss der Protagonist, ein russischer Geschäftsmann, unter anderem 14 Namen finden. 14 Menschen, die in den Krieg gegen die Ukraine geschickt werden sollen.
Die Zahl ist kein Zufall. In der griechischen Mythologie mussten die antiken Stadtstaaten dem Minotaurus, dem Ungeheuer im Labyrinth, jedes Jahr 14 junge Menschen als Opfer überlassen.Auch heute führt ein Labyrinth aus Versprechen, Täuschungen und finanziellen Anreizen Menschen aus aller Welt an die Front. Und wie in der antiken Sage finden nicht alle wieder hinaus.
Im 21. Jahrhundert hat Russland ein bemerkenswertes System geschaffen. Darin wird jeder potenzielle Rekrut zu einer Ressource, aus der sich Profit schlagen lässt – vorausgesetzt, man legt alle menschlichen Skrupel ab. Jeder kann versuchen, selbst der Warteschlange zu entkommen, indem er andere an seiner Stelle dem Monster zum Fraß vorwirft. Und dafür wird er sogar bezahlt.
Die Metapher vom Labyrinth reicht noch weiter. Jeder Gefangene dieses Systems ist zugleich auch ein wenig Minotaurus. Denn die Menschen, die auf diesem Weg in den Krieg geraten, ziehen nicht nur los, um zu sterben. Sie ziehen auch los, um zu töten.
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Alexey Schischkin ist Journalist aus St. Petersburg. Seit der russischen Invasion in die Ukraine lebt und arbeitet er im Exil in Estland. Er war Teilnehmer eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.
Aus dem Russischen von Tigran Petrosyan.
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