Teil 5 der Reihe zum 100. Geburtstag: Foucault und die Macht des Geständniszwangs
Foucaults Arbeiten zur Sexualität hinterfragten die Euphorie der sexuellen Revolution. Unbequem bleiben seine Thesen für Gender- oder Queer-Studies.
Kleines Bändchen, unabsehbare Wirkungen. Es geschah 1976, dass Michel Foucault mittels des Begriffs „Sexualitätsdispositiv“ einen ganzen Knoten an Selbstverständlichkeiten in Sachen Liebe, Triebe und Geschlechtlichkeit durchschlug – und zwar Selbstverständlichkeiten auf der moralisch konservativen wie auf der sexualpolitisch libertären Seite. Erst ein Jahr zuvor hatte Foucault mit einer Kritik der vermeintlichen Humanität der Gefängnisstrafe die Sozialgeschichte durchgerüttelt. Nun also – mit „Der Wille zum Wissen“, wie das Folgebüchlein heißt – dekonstruiert er gleich auch noch „den Sex“ (und weitere Bände einer umfassenden Geschichte der Sexualität werden folgen).
Der Text donnert los, indem er ausgerechnet die damals in der Linken und subkulturell gefeierte sexuelle Revolution angreift, die Idee, es gälte das Schweigen über die vielen durch Kirche, Staat, Medizin, Erziehung reglementierten und verbotenen Sexualpraktiken zu brechen, um die unterdrückte Sexualität zu „befreien“. Zwar wurde die Lust tatsächlich gegängelt – aber die Machttechniken, die hier wirksam werden, sind nicht einfach bloß „repressiv“, darauf kommt es Foucault an. Sie pflanzen vielmehr das Sexuelle, den Anlass der Verbote, den Grund für Ängste, Begehren, Behandlungen sowie unendliches besorgtes Reden, in uns alle erst einmal hinein.
Eigentlich aber gehört der moderne „Sex“ (einschließlich des „Ich“, das sich in der Sexualität erfüllen will und des Furors, dieses Ich durch eine sexuelle Revolution zu retten) mit in die lange Geschichte des Geständnisses. Für das 19. Jahrhundert spricht Foucault von einer „mise en dicours“, man schließt den öffentlichen Diskurs, einen unfassbar aufgeregten, auch aggressiven Diskurs, an all das Verbotene, aber eben wahnsinnig Interessante unserer neu entdeckten sexuellen Innerlichkeit an. „Zensur des Sexes? Eher hat man einen Apparat zur Produktion von Diskursen über den Sex installiert, zur Produktion von immer mehr Diskursen …“.
Am 15. Oktober 2026 würde Michel Foucault 100 Jahre alt. Aus diesem Anlass bringt die Kulturredaktion der taz bis dahin jeden Monat zum 15. einen Artikel zu einem Aspekt des Wirkens dieses einflussreichen Philosophen. Bisher erschienen sind folgende Texte:
Cord Riechelmann über Foucaults Intellektuellenprogramm, das Theorie und Aktivismus vereinte.
Philipp Sarasin über Foucault und die Linke.
Jens Kastner über Foucault in der Kunst.
Julian Nicolai Hofmann über Foucault und das „kälteste aller kalten Ungeheuer“
Praktiken moderner Familienpolitik
Diese Kritik trifft natürlich die Psychoanalyse. Foucault lässt von ihr nichts übrig: eine Praktik, in welcher man sogar dafür bezahlt, in freier Assoziation vom Sex sprechen zu dürfen, weil das angeblich gut für uns ist. Vor allem aber trifft die Kritik zentrale Praktiken moderner Familienpolitik: Der Sozialstaat entpuppt sich als Sexualstaat. Dieser kämpft gegen Masturbation, gegen kindliche Lust, gegen die sogenannten Perversen (Homosexualität), gegen Erbkrankheiten und „Entartungen“ (nämlich für die Gesundheit von Volk oder Rasse) sowie überhaupt gegen alles, was dem Vollzug der Ehe im Weg steht (das sind insbesondere weibliche Frigidität und Hysterie). Jeweils werden zugleich die Subjekte bürgerlicher Selbstsorge mit immer neuen Facetten eines rätselvollen Trieblebens befrachtet, das uns alle, unsere „Psyche“, essenziell auszumachen scheint.
Foucault bringt Beispiele, situiert all dies historisch, erläutert, warum er die komplexe Form, in welcher der Glaube an den Sex, das Triebleben, ganz disparate Machtmechanismen befeuert, ein „Dispositiv“ nennt – und eine Theorie der Macht liefert das Büchlein auch noch: Weit davon entfernt, etwas bloß Repressives zu sein, stützen und verstärken Machtprozesse sich gegenseitig, in feldartig verteilter Form – auch, indem sie Anreize setzen und Widerstände integrieren.
Macht kommt von unten, und gerade was die Sexualität angeht, hat sie viel mit Selbstbeherrschung im Namen von Angst und Lust zu tun sowie damit, wie wir uns selber und einander unter eben diesen Vorzeichen, Angst und Lust, wahrnehmen und behandeln. Gerade die exorbitanten Praktiken zählen als besonderes Symptom fürs Ich.
Zum Geschlecht hat Foucault Wichtiges in einer kleine Studie zum Fallbeispiel Alexina B. geschrieben. Er kommentiert die Geschichte einer hermaphroditischen Jugendlichen, der man, nachdem im Internat gewisse körperliche Besonderheiten des Mädchens auffielen, die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht (in diesem Fall: kein Mädchen zu sein) aufzwingt.
„Brauchen wir wirklich ein wahres Geschlecht?“, fragt Foucault. Mit einer „an Halsstarrigkeit grenzenden Beharrlichkeit“ hätten die modernen westlichen Gesellschaft diese Frage leider bejaht. Tatsächlich gleichen Phänomene wie „Intersex“ oder eben der (ältere) Hermaphroditismus einem Kontrastmittel, das die heteronormalen Zumutungen vermeintlich notwendiger Zweigeschlechtlichkeit zeigt.
Warnung vor Identitäsversprechen
Entsteht 1976 also „der“ Theoriekoffer für Queer und LGBTQ+? Vielleicht lohnt es, sich klarzumachen, was Foucault alles nicht tut: Weder postuliert er eine Nachrangigkeit des Körpers – wie Judith Butler es inzwischen tut und dabei auch die Psychoanalyse rehabilitiert. Noch romantisiert er irgendwelche Anthropologien – sei es der Gefühle, sei es einer wie immer gearteten Körpernatur. Noch unterstreicht er die Bedeutung sexueller Identität oder überhaupt von Identitäten, das Geschlecht einschließlich.
Vielmehr bleibt es bei der kühlen Warnung vor unguten Identitätsversprechen, die sich an eine dem Triebleben nachspürende Selbsterforschung heften. Besonders im Fokus: der Sprechzwang, das Ichsagen, die Benennung als Klassifikator und Fetisch.
Auch schwule oder lesbische Dissidenz, Hermaphroditismus und Ideale des Androgynen führen, daran lässt Foucault keinen Zweifel, nicht ohne Weiteres aus dem Bannkreis sexualisierter Normalisierungen heraus. Machtfragen streift man nicht eben mal ab. Und auf dem „Drüber reden“ liegt unter Umständen auch ein falscher Segen. Dies nachzulesen lohnt sich, denn zuweilen gehen Foucault-Klischees in eine andere Richtung.
Ein politisches Ziel von Foucaults Kritik psychoanalytischer Denkmuster ist es gewesen, dem Geständniszwang seine Macht zu nehmen – und dies gerade dort, wo es gilt, gegen sexuelle Normalisierung aufzubegehren. Aus abweichendem Verhalten und der Erzählung einer damit verbundenen Repressionsgeschichte „Identität“ zu gewinnen, ist somit genau das, wovor „Der Wille zum Wissen“ warnt. Es sollte vorbei sein mit dem großen Lamentieren in den Sprechzeiten eines Expertensystems, das durch Worte, zu denen es seinen Klient:innen verhilft, oder auch durch Medikamente, Hormone, Skalpelle, eine Art Zuhause in sich selbst zu verschaffen verspricht.
Unbequeme Fragen
Auch akademisch auf liebgewordene Theoreme wie die deutlich nach Foucault global sich etablierende sex/gender-Differenz (mit ihrem diskreten Hang zum Naturalismus auf seiten des „sex“) oder auf das Pathos, queere Befreiung beginne mit einem die eigene Biografie neu stiftenden Brechen des Schweigens, auf das Muster des Coming-out also, fällt mit Foucault ein fahles Licht. Ist das wirklich so ein Zaubermittel, womöglich gleichsam Pflicht? Was versprechen und was leisten antirepressive Rituale, wäre also zu fragen, und: folgen nicht auch sie der Idee einer Art von Therapie?
Praktisch-politisch hinterlassen Foucaults Arbeiten zur Sexualität also nicht nur eine produktive zertrümmerte Landschaft von Klischees in Sachen Sex, die heute allenfalls noch untot herumgeistern, sondern sie enthalten auch Fragen, die unbequem bleiben. Foucaults Impulse wenden sich nicht zuletzt gegen eine Verwissenschaftlichung dessen, was „Sexualität“ und „Geschlecht“ besagen: Wie sicher können wir uns heute sein, dass sich Bio-, Reproduktions-, Schönheits- und Sportmedizin – oder eben sogar auch Gender- oder Queer-Studies – in ihren epistemischen Grundannahmen nicht doch unversehens in der Sexualwissenschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts spiegeln?
Psychologe, Anthropologie, Sozialwissenschaft: Foucault hat diese Humanwissenschaften immer wieder fundamental kritisiert. Seine Schriften zur Sexualität stellen sich im Grunde dagegen, Fragen nach Lust und Lüsten überhaupt zu individualisieren. Auf Sexualnormen und auch auf das Geschlecht hätte von daher schlicht niemand mehr zu pochen, sei es in repressiver, sei es in antirepressiver, sei es in therapeutischer oder kurativer Absicht.
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