Fußball-WM 2026 – Taktiktalk: Lob des Mauerns
Australiens Defensive bringt die türkischen Angreifer schier zum Verzweifeln und gewinnt gegen jede Erwartung. Wie schön ist das eigentlich?
Es war ein Meisterwerk, das Australiens Nationalteam da auf den Rasen in Vancouver aufgetragen hat. Mit 2:0 hat das nicht unbedingt als hochbegabt geltende Team die türkische Auswahl geschlagen, obwohl sie eigentlich chancenlos war. Die namhafte Offensive der Türken hatte am Ende gegen die australischen Kleiderschränke in der Innenverteidigung, von denen keiner niedriger als 1,90 Meter ist, das Nachsehen.
Alle Versuche der Kreativen im türkischen Mittelfeld gegen die oft zu zweit gegen den Ballführenden anlaufenden Australier ein wenig Spielkultur zu entwickeln, blieben ohne Wirkung. Und wenn es den Türken dann doch einmal gelang, einen Ball aufs australische Tor zu bringen, dann hielt Patrick Beach so, als umgebe ihn eine Aura, die für Fußbälle nicht zu durchdringen ist. Seine Paraden waren mindestens ebenso schön anzusehen wie der perfekte Konter, den der pfeilschnelle Nestory Irankunda zum 1:0 in der 27. Minute abgeschlossen hat.
Schöner als es die Australier bei ihrem ersten WM-Auftritt getan haben, kann man das Spiel des Gegners nicht zerstören. Mit Gedanken über den Spielaufbau haben sie sich nicht weiter beschwert und doch gewonnen. Vor Beginn des WM-Turniers hatten etliche Experten die Angst geäußert, dass dies eine WM der Fußballzerstörer werden könnte. Es mag ja sein, dass sich bei den großen Qualitätsunterschieden, die sich zwangsläufig auftun, wenn das Feld der Teilnehmenden immer größer wird, sich viele Teams vor ihrem eigenen Strafraum in zwei Reihen formieren und erst mal an nichts anderes denken als ans Verteidigen. Aber was ist daran eigentlich schlecht?
Was bleibt den Kleinen, die es angeblich ja schon lange nicht mehr gibt, denn auch anderes übrig, als die, von denen bekannt ist, dass sie zu den besten Kickern der Welt gehören, irgendwie am Toreerzielen zu hindern. Wenn Teams sich hinten verkriechen, von denen man weiß, dass sie es besser können so wie viele englische Nationalteams bei den vergangenen Turnieren, darf man sich ja wundern. Aber bei Australien, in deren Kader es nun weiß Gott nicht vor Könnern wimmelt, da darf man es getrost feiern, wie sie sich da auf den Platz gestellt haben.
Verteidigen ohne Gelbe Karte
Es war ja auch alles andere als eine wütende Verteidigungsschlacht, die die Australier gegen die Türkei geschlagen haben. Kein Australier hat die Gelbe Karte gesehen. Auch deshalb gilt es nach diesem Spiel das Hohelied auf die Defensive zu singen. Es muss eben nicht immer gekratzt und gebissen werden, wenn es darum geht, die Gegner aufzuhalten. Defensivfußball ist dann besonders schön, wenn er fair ist.
Aus guten Fußballprofis wird kein Nationaltrainer einen Lionel Messi formen oder einen wie Arda Güler, dem türkischen Star von Real Madrid, der schier verzweifelt ist im Spiel gegen die langbeinigen Australier. Was er machen kann, ist die Defensive in ihrer Zusammenarbeit zu formen.
Das ist Australiens Tony Popovic offensichtlich gelungen. Es haben sich gewiss schon viele Teams vorgenommen, „kompakt“ zu stehen, wie es so schön heißt. Aber die Disziplin, mit der die Australier darauf geachtet haben, die Abstände zu ihren verteidigenden Kollegen knapp und dabei immer gleich groß zu halten, das war beeindruckend.
So kann einer wie Connor Metcalfe, der in der zweiten Hälfte einen Konter mit einem Verlegenheitsschuss zum 2:0 angeschlossen hat, zum Star des Spiels werden. Kaum vorstellbar ist es da, dass eben jener Metcalfe gerade mit dem FC St. Pauli sang- und klanglos aus der Bundesliga abgestiegen ist. Jetzt durfte er sich aber mal so richtig freuen.
Das Schönste am erfolgreichen Defensivfußball der sogenannten Underdogs ist ohnehin der Torjubel. Der war bei den Australiern ebenso zu bewundern wir bei den Kataris, die ihr spätes 1:1 gegen die hoffnungslos überlegenen Schweizer in deren erstem Gruppenspiel so gefeiert haben, als würde Gianni Infantino ihnen deshalb gleich den WM-Pokal überreichen.
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