piwik no script img

Rassistische Krawalle in NordirlandUnionisten wollen „Hintertür nach Großbritannien“ schließen

Nordirland will die Grenze nach Irland schließen, um Migration zu stoppen. Dabei kommen die meiste Migranten gar nicht über Irland.

Ralf Sotscheck

Aus Dublin

Ralf Sotscheck

Nach den Krawallen der vergangenen Tage in Nordirland ist die mehr als 100 Jahre alte Vereinbarung eines gemeinsamen Reisegebiets zwischen Irland und dem Vereinigten Königreich unter Beschuss geraten. Am Montag vergangener Woche hatte ein 30-jähriger Sudanese einen Einheimischen mit einem Messer brutal angegriffen und schwer verletzt.

Der Angriff löste zwei Nächte voller Gewalt aus, nachdem bekannt geworden war, dass der Attentäter vom Sudan nach Paris und dann nach Dublin gereist war, bevor er mit dem Bus nach Belfast fuhr, wo ihm 2023 im Schnellverfahren Asyl gewährt wurde. Bei den Krawallen, die von Rechtsextremen wie dem britischen Aktivisten Tommy Robinson und US-Tech-Milliardär Elon Musk angeheizt worden waren, gingen in den protestantisch-unionistischen Vierteln Nordirlands zahlreiche Häuser von Migranten in Flammen auf.

Am Samstag demonstrierten Tausende von Menschen in der Innenstadt von Belfast gegen den Rassismus. Die Kundgebung wurde von dem Bündnis „United Against Racism“ organisiert und von Gewerkschaften unterstützt. Die Organisatoren und viele Demo-Teilnehmer sagten, sie wollten zeigen, dass die rassistischen Ausschreitungen nicht repräsentativ für Belfast seien.

taz schneller googeln

Sie nutzen Google? Sie wollen beim Googeln taz-Texte besser finden? Dann können Sie mit einem Google-Konto die neue Funktion „bevorzugte Quellen“ nutzen. Um die taz als „bevorzugte Quelle“ einzustellen, müssen Sie nur diesen Link anklicken und einen Haken setzen. Fertig.

Sie wollen Google meiden? Kein Problem, es gibt zahlreiche Alternativen. Stellvertretend erwähnt seien Ecosia, DuckDuckGo oder Startpage.

Mehr Details zur Funktion „bevorzugte Quelle“ bei Google finden Sie hier.

Verschiedene Redner gingen auf die Gefahr für das gemeinsame Reisegebiet (Common Travel Area, CTA) ein. Es umfasst Großbritannien, Nordirland, die Kanalinseln, die Isle of Man und Irland. Die Regelung besteht seit 1922 und gewährt britischen und irischen Bürgern gegenseitige Rechte in den jeweiligen Ländern.

Reisefreiheit gefährdet

Innerhalb des gemeinsamen Reisegebiets können irische und britische Staatsbürger frei reisen. Es gibt keine Pass- oder Einreisekontrollen. Für Nicht-Iren und Nicht-Briten gilt das freilich nicht. Der britische Nordirlandminister Hilary Benn sagte, die irischen Behörden müssten Fragen beantworten, weil der Messerangreifer über Dublin nach Belfast gereist sei.

Der Vorsitzende der Democratic Unionist Party (DUP), die in Nordirland die stellvertretende Regierungschefin stellt, hat deshalb gefordert, die irische Grenze zu schließen. Der gemeinsame Reiseraum sei eine „Hintertür nach Großbritannien“, sagte er.

Diese Behauptung beruht auf der Annahme, dass das Vereinigte Königreich für Asylsuchende so etwas wie das gelobte Land sei – frei nach dem Motto des britischen Imperialisten und Bergbau-Magnaten Cecil Rhodes aus dem 19. Jahrhundert: „Als Brite geboren zu werden bedeutet, in der Lotterie des Lebens den Hauptgewinn gezogen zu haben.“

Die Zahlen des Ministeriums für auswärtige Angelegenheiten und Handel (DFAT) in Dublin sprechen eine andere Sprache: Im Jahr 2024 hatten 18.500 Menschen in Irland Asyl beantragt. Es wird angenommen, dass rund 90 Prozent von ihnen mit dem Flugzeug oder der Fähre von Großbritannien nach Belfast und über die inner-irische Landgrenze weiter nach Dublin gereist waren.

Laut Angaben des Guardian teilte das britische Innenministerium mit, dass im vergangenen Jahr rund 900 Personen festgenommen wurden, die die offene Landgrenze nach Nordirland nutzten. Weder Irland noch Großbritannien können die genau Zahl der Grenzübertritte kontrollieren. Die Daten des DFAT legen jedoch mehr Migration in Richtung Irland nahe.

UK nun doch „sicheres Drittland“

Der irische High Court hatte Anfang 2024 entschieden, dass die Einstufung des Vereinigten Königreichs als „sicheres Drittland“ aufgrund der umstrittenen Abschiebepolitik nach Ruanda rechtswidrig sei. Die Regierung scheiterte mit ihrer Berufung gegen das Urteil. Irland hat aber das Gesetz zur Reform des europäischen Asylsystems (Geas) unterzeichnet, das nach jahrelangen Verhandlungen seit Freitag gilt. Nach der neuen Gesetzgebung kann das Vereinigte Königreich nun als „sicheres Drittland“ eingestuft werden, in das Asylsuchende zur Bearbeitung ihres Antrags zurückgeschickt werden können.

Damit es gar nicht erst so weit kommt, will die Labour-Regierung in den nächsten drei Jahren 3,7 Milliarden Pfund für die Festnahme, Abschiebung und Erfassung illegaler Einwanderer bereitstellen.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 210 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

0 Kommentare