piwik no script img

EU-Beitrittsverhandlungen mit UkraineAbhängigkeit auf beiden Seiten

Tanja Tricarico

Kommentar von

Tanja Tricarico

Die Europäische Union nimmt an diesem Montag Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine auf. Ein gewagter, aber notwendiger Schritt in Kriegszeiten.

D eutlich mehr als vier Jahre dauert die russische Vollinvasion in der Ukraine nun schon an. Und ein Waffenstillstand oder ein wie auch immer geartetes Ende des Krieges ist nicht in Sicht. Auch wenn das Möglichkeitsfenster für Verhandlungen selten größer war als jetzt. Und nun soll ein Land im Krieg in die EU aufgenommen werden? Es ist ein gewagter Prozess, den die 27 Mitgliedsländer am Montag gestartet haben. Der Ausgang ist ungewiss, und ein Beitritt wird vermutlich Jahre dauern.

Dennoch: In der aktuellen Lage ist es, trotz Krieg, die richtige Entscheidung. Es geht um die perspektivische Öffnung für den EU-Binnenmarkt, um Arbeitskräfte und nicht zuletzt darum, die Haltung, „die Ukraine verteidigt auch Europas Werte“, glaubhaft zu stärken. Es liegt im Interesse der Europäischen Union, dass eines der größten Nachbarländer politisch, wirtschaftlich und verteidigungsstrategisch stabil ist. Insbesondere die baltischen Länder haben sich für die Eröffnung der Verhandlungen starkgemacht. Wohl wissend, dass der Beitrittsprozess einschneidende Reformen beinhaltet.

Es ist auch ein Zeichen an die Menschen in der Ukraine, durchzuhalten. In Zeiten, in denen die russischen Streitkräfte nahezu täglich Wohngebäude und historische Stätten in Schutt und Asche bomben, immer wieder die Zivilbevölkerung attackieren. So sind die Erwartungen an den ukrainischen Präsidenten Selenskyj, sein Regierungskabinett und das Parlament hoch, für Rechtsstaatlichkeit zu sorgen, scharf gegen Korruption vorzugehen, eine freie Justiz zu etablieren, Presse- und Meinungsfreiheit zu garantieren.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Das Wagnis für die EU bleibt. Die Blockade der ungarischen Regierung unter Orbán ist zwar beendet, aber hält das europäische Bündnis? Der EU-Beitritt der Ukraine ist kein Selbstläufer und darf es auch nicht sein. Aber im Zusammenspiel mit Sanktionspaketen oder einem gemeinsamen Vorgehen gegen die Schattenflotte sind die Beitrittsverhandlungen ein weiterer Baustein im diplomatischen Werkzeugkasten gegen den russischen Aggressor.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 210 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Tanja Tricarico

Tanja Tricarico ausland

Schreibt über Außen- und Sicherheitspolitik, Entwicklungszusammenarbeit, früher auch Digitalisierung. Host der Fernverbindung, dem Auslands-Podcast der taz. Privat im Einsatz für www.geschichte-hat-zukunft.org
Mehr zum Thema

1 Kommentar

 / 
  • Es ist gut, die Ukraine bei ihrer Verteidigung gegen den russischen Angriffskrieg zu unterstützen. Auch wirtschaftlich.



    Ich möchte dennoch nicht, dass die Ukraine in die EU aufgenommen wird, weil das die EU als ganzes schwächen würde. Solange der Kriegszustand anhält ist eine Aufnahme sowieso nicht realistisch. Auch bringt die Ukraine nicht die wirtschaftlichen, demokratischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen für eine Aufnahme mit.