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Arzt über Sparen bei der Gesundheit„Soziale Ungleichheit schreibt sich in den Körper ein“

Die aktuellen Sparvorhaben werden Ungerechtigkeiten im Gesundheitswesen verschärfen, befürchtet der Arzt Benjamin Wachtler.

Manuela Heim

Interview von

Manuela Heim

taz: Herr Wachtler, wie sehr beschäftigen Sie als Arzt die aktuellen Sparvorhaben der Bundesregierung?

Benjamin Wachtler: Genau diese Sparmaßnahmen können sehr starke Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung haben. Das sollte eigentlich zu einem Aufschrei führen. Weil der Schwerpunkt meiner Arbeit auf der Bevölkerungsgesundheit liegt, beunruhigt mich das jedenfalls sehr.

taz: Die Regierung plant Reformen in nahezu allen sozialpolitischen Bereichen. Was bekommen wir da aus Ihrer Sicht?

Wachtler: Es hat angefangen mit der Neuausrichtung des Bürgergelds also der Grundsicherung. Deutlich wird, dass hier die Einsparungen und die Konsolidierung des Haushalts im Vordergrund steht. Diese Austeritätspolitik setzt sich jetzt bei den Sozialversicherungen, also Rente, Krankenkassen und Pflege, fort – obwohl gerade hier grundlegendere Reformen nötig wären.

Im Interview: Benjamin Wachtler

ist Arzt, Epidemiologe und Vorstand des Vereins demokratischer Ärz­t*in­nen Vdää*. Er forscht zu sozioökonomischer Ungleichheit in der Gesundheit.

taz: Regierungen sparen ja aber in der Regel nicht, weil es ihnen Spaß macht.

Wachtler: Tatsächlich bewegt sich der öffentliche Diskurs in die Richtung, dass Sparen in diesen Bereichen als unumgänglich wahrgenommen wird. Dass die Politik so stark auf Einsparungsprogramme setzt, folgt aber vor allem einer neoliberalen politischen Ideologie.

Wenn eine Erhöhung der Einnahmenseite, durch höhere Besteuerung reicherer Menschen über eine Vermögens- oder Erbschaftssteuer zum Beispiel, ausgeschlossen wird, dann bleibt nur noch eine solche Sparpolitik, die vor allem weniger gut gestellte Menschen belastet. Die hat aber eben Folgen für die Gesundheit der Bevölkerung.

taz: Woher wissen Sie das?

Wachtler: Das sehen wir jetzt sogar schon an der Entwicklung der Lebenserwartung. 2010 wurde zuerst für Großbritannien und die USA eine Verringerung der Lebenserwartung beschrieben. Inzwischen sehen wir es auch in Deutschland.

taz: Hat der Anstieg der Lebenserwartung nicht einfach natürliche Grenzen?

Wachtler: Das spielt sicher eine Rolle, aber nicht die entscheidende. Tatsächlich sehen wir diese Verlangsamung beziehungsweise sogar einen Rückgang der Lebenserwartung vor allem bei benachteiligten Bevölkerungsgruppen, während sie bei besser gestellten Gruppen weiter steigt. Das ist alarmierend, weil es eben nicht auf biologische, sondern auf gesellschaftliche Bedingungen zurückzuführen ist.

taz: Wir kennen die Diskussion um die ungleiche Verteilung von Ressourcen bisher vor allem aus den Bereichen Bildung, Wohnraum, Einkommen, Erbe.

Wachtler: Das ist interessant, nicht wahr? Auch bei den aktuellen Sparvorhaben spielen die Auswirkungen auf die Verteilung von Gesundheit bisher keine Rolle.

taz: Woran könnte das liegen?

Wachtler: Es herrscht immer noch die Erzählung vor, dass Gesundheit ein individuelles Problem ist. Tatsächlich wird sie aber durch gesellschaftliche Bedingungen ganz maßgeblich beeinflusst. Soziale Ungleichheit schreibt sich über verschiedene Wege in den Körper ein.

Welche Produkte können wir uns leisten? Welche Möglichkeit der gesellschaftlichen Teilhabe haben wir? Wieviel Zeit und Energie bleibt nach der Arbeit für uns selbst gut zu sorgen und unsere Kinder zu fördern?

Wo sich Menschen im Vergleich zu anderen innerhalb der Gesellschaft verorten, finanzielle Sorgen und andere Stressfaktoren – das hat alles erheblichen Einfluss auf die psychische und körperliche Gesundheit.

taz: Wenn Menschen durch Alkoholkonsum, Rauchen, wenig Sport, schlechte Ernährung ihr Leben verkürzen – was kann der Staat dafür?

Wachtler: Gesundheitsschädliches Verhalten existiert nicht losgelöst von gesellschaftlichen Bedingungen, in denen Menschen leben und arbeiten. Wie stark ein Mensch überhaupt in der Lage ist in die eigene Gesundheit zu investieren, hängt von seinen Perspektiven auf eine lebenswerte Zukunft ab.

taz: Wie messbar ist dieser Zusammenhang?

Wachtler: Es gibt zunehmend Studien, die Auswirkungen konkreter politischer Maßnahmen auf die Bevölkerungsgesundheit untersuchen, insbesondere seit der Finanzkrise 2008.

taz: Haben Sie ein Beispiel?

Wachtler: In Großbritannien gab es ab den 1980ern eine stark neoliberal ausgerichtete Politik, die zu großen sozialen Ungleichheiten führte. Und gleichzeitig eine erstarkende Public-Health-Wissenschaft, die sich das genau angeschaut hat.

Die Labour-Regierung griff das Thema ab 1997 auf und führte weitreichende Reformen durch: In einem ganzen Bündel aus sozialen Maßnahmen wurden zum Beispiel Alleinerziehende besser abgesichert und Gesundheitsversorgung dorthin gebracht, wo sie am meisten gebraucht wird.

Diese Maßnahmen hatten einen nachweislich positiven Effekt auf die Entwicklung der Lebenserwartung, der Kindersterblichkeit und der gesundheitlichen Ungleichheit.

taz: Diesen Ruf als Positivbeispiel für Bevölkerungsgesundheit haben die Briten dann aber wieder sausen lassen.

Wachtler: Auf jeden Fall. Nach Abwahl der Labour-Regierung 2010 und der Übernahme der Tories hat sich die Situation rasant verschlechtert – vor allem durch Austeritätspolitik.

Enorme Summen wurden über kurze Zeit eingespart und diese überproportional stark in den Regionen, die ohnehin schon schlechter dastanden. Diese Politik hatte katastrophale Folgen für benachteiligte Bevölkerungsgruppen.

taz: Sind die britischen Maßnahmen vergleichbar mit dem, was Merz und Co. jetzt in Deutschland planen?

Wachtler: Das war schon weitreichender, aber es gibt Parallelen. Zum Beispiel wurde in Großbritannien mittellosen Personen ähnlich wie jetzt in Deutschland nur noch ein Teil der Wohnkosten finanziert.

Verbunden mit einer sogenannten Lebenskostenkrise, steigenden Mieten und einem immer schwieriger werdenden Wohnungsmarkt, führte das zu mehr Wohnungs- und Obdachlosigkeit. Das können wir auch in Deutschland erwarten.

taz: Und in Großbritannien hat sich dann binnen weniger Jahren die Lebenserwartung wieder negativ entwickelt?

Wachtler: In der älteren Bevölkerung sieht man das tatsächlich sehr schnell. Bei jüngeren Kohorten werden sich die Effekte erst sehr viel später zeigen.

taz: Die Entwicklung der Lebenserwartung zeigt also zunächst nur die Spitze des Eisbergs?

Wachtler: Ganz bestimmt. Denken Sie nur daran, welche katastrophalen Effekte vor allem die Armut von Kindern hat. Wir wissen, dass Menschen, die jetzt in benachteiligten Situationen groß werden, Erfahrungen machen, die Auswirkungen auf das ganze weitere Leben haben, zu einer schlechteren Gesundheit und höheren Sterblichkeit führen.

taz: Wie groß sind in Deutschland aktuell die Unterschiede in der Lebenserwartung?

Wachtler: Frauen in als sozioökonomisch benachteiligt definierten Regionen leben durchschnittlich 4,3 Jahre, Männer 7,2 Jahre weniger als die in besser gestellten Regionen.

taz: Einen Großteil der Bevölkerung betrifft das aber nicht – warum sollte sich Politik dann um mehr Gleichheit kümmern?

Wachtler: Weil das Effekte auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt hat. Und weil die meisten Menschen dieser Gesellschaft es immer noch als ungerecht begreifen dürften, wenn zum Beispiel Kinder von Anfang an schlechtere Bedingungen haben, die sich auf ihr ganzes weiteres Leben auswirken.

Wenn man einmal versteht, dass die Unterschiede in der Gesundheit nicht nur auf individuelle Lebensentscheidungen zurückzuführen sind, dann ist es eigentlich nicht hinnehmbar, dass Regierungen ganz offensichtlich Teilen der Gesellschaft keine lebenswerten Lebensbedingungen mehr schaffen können oder diese sogar verschlechtern.

taz: Rechtspopulistische Parteien argumentieren anders: Die, die weniger leisten, dürfen nicht gepampert werden.

Wachtler: … und gleichzeitig gehören die schlechter gestellten Menschen zu deren Wählern. Das zeigt einmal mehr, dass die Entscheidung der Menschen für rechtspopulistische Parteien nicht deren Interessen widerspiegelt, sondern eher eine allgemeine Verdrossenheit mit den gesellschaftlichen Bedingungen.

taz: Selbst in neoliberaler Denkweise: Wenn Menschen durch politische Maßnahmen kränker werden und früher sterben, kann das doch auch nicht gut für die Wirtschaft sein.

Wachtler: Der Wohlstand unserer Gesellschaft beruht vor allem auf Wissensgenerierung und Arbeitskraft. Dafür sind Bildung und Gesundheit essentiell. Umso beunruhigender ist es, dass beides zunehmend als Ressourcenproblem begriffen wird und nicht mehr als Investition in die Zukunft. Damit schreibt man Teile der Gesellschaft ab und verschenkt ein großes Potential.

taz: Wenn Gesundheit schon jetzt ungleich verteilt ist, müsste Politik dann nicht auch dafür sorgen, dass die Gesundheitsversorgung gerade für benachteiligte Menschen verbessert wird?

Wachtler: Selbst wenn sie es wollte: Diese Möglichkeit hat Politik aktuell gar nicht. Die Steuerung der ambulanten medizinischen Maßnahmen wurde zum großen Teil der Ärzteschaft und deren Selbstvertretung – den kassenärztlichen Vereinigungen – überlassen.

Politik kann nur noch über finanzielle Anreize beeinflussen. Das führt zu einem Effekt, den wir auch als „Inverse Care Law“ bezeichnen: Leistungen werden im Gesundheitsbereich vor allem dort angeboten, wo sie am wenigsten gebraucht werden. In reicheren Vierteln gibt es mehr Ärzte als in ärmeren.

taz: Obwohl es dort um die Gesundheit schlechter bestellt ist …

Wachtler: Genau. Ärzte sind letztlich auch Unternehmer und folgen ökonomischen Anreizen.

taz: Das sagen Sie als Arzt.

Wachtler: Individuell gibt es natürlich Ärztinnen und Ärzte, denen man damit unrecht tut. Es gibt außerdem ein großes Gefälle zwischen den Facharztgruppen.

Fakt ist aber, dass es keinen Steuerungsmechanismus für die ärztliche Versorgung in Deutschland gibt, der die Bevölkerungsgesundheit ausreichend berücksichtigt. Es liegt weder im Interesse noch im Vermögen der kassenärztlichen Vereinigungen, das zu leisten.

Das ließe sich durch Reformen ändern, aber bisher hat kein Gesundheitsminister Interesse daran gezeigt. Dabei ist das Grundrecht auf gleichwertige Lebensverhältnisse im Grundgesetz festgeschrieben. Daraus ergibt sich eine Verantwortung des Staates gegenüber seinen Bürgern.

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taz: Sind Po­li­ti­ke­r*in­nen dafür verantwortlich, wenn Teile der Bevölkerung früher sterben?

Wachtler: Die Auswirkungen einzelner politischer Entscheidungen sind in der Regel nicht isoliert betrachtbar. Aber wenn man entgegen wissenschaftlicher Erkenntnisse Politik macht, dann muss man auch davon ausgehen, dass es eine gewisse Form von Verantwortung gibt.

taz: Was genau könnte die Politik jetzt gegen eine ungleiche Verteilung von Gesundheit tun?

Wachtler: Sparmaßnahmen dürfen die Perspektiven von Menschen auf ein lebenswertes Leben nicht weiter verschlechtern. Gesundheitsversorgung muss dorthin, wo sie am dringendsten gebraucht wird – auch wenn dafür eine Reform der Steuerung nötig ist.

Bei einer Reform der Finanzierung der Sozialversicherungen sollten anders als bisher alle Einkommensformen in die Beitragspflicht genommen werden, statt vor allem die zu belasten, die auf ihr Gehalt angewiesen sind.

Eine höhere Besteuerung von Vermögen sollte zur Konsolidierung des Haushalts herangezogen werden. Das alles würde auch soziale Ungleichheit mit all ihren Folgen für die Gesundheit reduzieren.

taz: Dann würde die Union ihre Wahlversprechen brechen.

Wachtler: Ich glaube aber auch nicht, dass es zum Wahlversprechen von Union und SPD gehörte, stattdessen Menschen sozial und gesundheitlich abzuhängen.

taz: Und wer genau sollte jetzt dafür kämpfen? Die Lobby armer Menschen ist nicht groß.

Wachtler: Es gibt schon einzelne Initiativen. Aber entschiedener Widerspruch sollte auch aus der Ärzteschaft selbst, anderen Gesundheitsberufen und von den Gewerkschaften kommen.

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