Fußball-WM 2026: Außen rührende Bilder, innen brutale Politik
Die Fußball-WM in den USA produziert eine bewegende Szene nach der anderen – und lenkt so wunderbar ab von der Gewalt der US-Regierung.
D as war doch nun wirklich rührend. Vozinha, der Torhüter von Kap Verde, kann endlich zusammen mit seiner Mutter jubeln. 2:2 gegen Uruguay, der zweite Punkt für die niedlichen Kicker aus dem Fußballzwergstaat. Schon wieder staunt die ganze Welt. Und sie freut sich über die Wiedervereinigung von Vozinha mit seiner Mutter. Tränen fließen.
Vozinha hatte schon nach dem ersten Gruppenspiel seines Teams geweint. Da hatte er mit seinen Paraden die spanischen WM-Favoriten schier zur Verzweiflung gebracht. Er ließ seinen Emotionen freien Lauf. Wegen des sensationellen Punktgewinns. Und weil seine Mutter nicht dabei sein konnte.
Die habe das viele Geld für das Visum in den USA nicht so schnell auftreiben können, sagte er. Und jetzt stand er neben seiner Mutter. Glücklich. Gianni Infantino, der Präsident des Internationalen Fußballverbands, stand dabei. Er bedankte sich beim US-Außenministerium für die unbürokratische Hilfe bei der Visabeschaffung. Was für ein Rührstück! In der Rolle des Heilsbringers: die US-Regierung.
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So einfach geht Sportswashing. Jener US-Regierung, die ihre Abschottungspolitik auch während der WM gnadenlos durchzieht, gehören dank eines sportlichen Großereignisses im eigenen Land plötzlich die positiven Schlagzeilen. Und fast alle weinen mit.
Massenabschiebungen nach Haiti
Vielleicht waren die Augen ja schon wieder trocken, als Ende der Woche vermeldet wurde, dass der Supreme Court in Washington den Weg für die Abschiebung von rund 350.000 Menschen aus dem Karibikstaat Haiti frei gemacht hat. Haiti, das war doch dieses Team aus Exilspielern, die beim 2:4 gegen Afrikameister Marokko so aufopferungsvoll gekämpft haben.
Überhaupt haben die sogenannten Kleinen bei diesem großen Turnier die Herzen der Fußballfans erobert. Und es stimmt ja auch: Wer hat sich nicht gefreut über den ersten Punkt des kleinsten Landes, das je an einer WM teilgenommen hat. Wie die Spieler aus Curaçao gejubelt haben, nachdem sie gegen Deutschland den Ausgleich erzielt hatten – war das nicht herzzerreißend?
Die Duelle der Zwerge gegen die Fußballriesen sind zu emotionalen Großereignissen einer sportlich eher faden Vorrunde geworden. Gerade weil die Fifa in ihrem Streben nach immer höheren Umsätzen die WM so groß gemacht hat wie nie zuvor, kommt sie so gut an.
Nur weil das Teilnehmerfeld von 32 auf 48 Teams vergrößert wurde, konnten sich die Mannschaften aus Kap Verde oder Curaçao überhaupt qualifizieren. Schon nimmt die Zahl derer zu, die das große Teilnehmerfeld feiern.
Mit Privatjet von Spiel zu Spiel
Dabei ist keines der Argumente gegen ein derart aufgeblähtes Turnier jetzt weniger schlagkräftig als vor der WM, als die irrwitzigen Dimensionen einer Veranstaltung, die sich von Mexiko-Stadt über Los Angeles bis Vancouver und von Toronto über New York bis nach Miami erstreckt, wegen ihrer die Klimakatastrophe vorbereitenden Wirkung noch lautstark kritisiert worden waren.
Jetzt kann sich Gianni Infantino, der mit seinem Privatjet von Spiel zu Spiel fliegt, freuen, wie sich alle Welt über sein Riesenturnier freut.
Die gute WM-Stimmung erinnert ein wenig an 2018, als das Turnier in Wladimir Putins Russland stattfand. Die Krim war längst annektiert, russische Einheiten haben in der Ostukraine ihr Unwesen getrieben, und Fußballfans aus aller Welt stolperten bestens gelaunt, saufend und singend durch das sommerliche Gastgeberland. Das finstere Reich im Osten war plötzlich heiter und hell. Ein Musterbeispiel für Sportswashing.
Bis zum Finale am 19. Juli in New York/New Jersey wird der Fußball gewiss noch viele herzzerreißende Geschichten geschrieben haben, irgendein Superstar wird irgendeinen irrwitzigen Rekord aufgestellt haben, und irgendwelche Fans werden sich bestimmt wieder besonders drollig maskiert haben, dass es eine wahre Freude ist.
In der Hauptrolle: Donald Trump
Derweil ist die Hauptrolle in der finalen Zeremonie des Turniers längst vergeben. Donald Trump wird dem Kapitän der Siegermannschaft den Pokal überreichen und all die Geschichten, über die sich nicht nur die Fußballwelt in den Wochen zuvor gefreut hat, als seinen Erfolg reklamieren können.
So wie es zum Ende der Vorrunde aussieht, droht die WM ein Erfolg zu werden. Das ist keine gute Nachricht für die Welt.
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