Wir-Gefühle und das DFB-Team: Im Rückwärtsgang
Bei der WM 2010 begeisterten sich viele an der Internationalmannschaft. Mit dem Erstarken der Nationalisten ist die Angelegenheit kompliziert geworden.
Es war einmal ein deutsches Nationalteam, das von sehr vielen in diesem Land für sein schönes Spiel und seine kulturelle Vielfalt seiner Spieler geschätzt wurde. Es stand für modernen Fußball und eine moderne Gesellschaft, für einen kreativen sowie freiheitlichen, toleranten Geist. So ähnlich lautete damals während der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika zumindest eine Erzählung, die sich großer Beliebtheit erfreute. Es war eine Geschichte des Fortschritts in eine bessere Zukunft. Der Begriff der „Internationalmannschaft“ fand damals in den Medien große Verbreitung.
Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.
Die Zeiten, in denen noch nationale Reinheitsgebote für die DFB-Elf galten, schienen endgültig vorbei zu sein. Knapp die Hälfte des WM-Kaders 2010 von Bundestrainer Joachim Löw (11 Spieler) hatte migrantische Wurzeln. Bei der Heim-WM 2006 waren es lediglich drei Spieler gewesen. Die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts in Deutschland im Jahr 2000, die den Geburtsort zum entscheidenden Faktor machte, entfaltete seine Wirkung. Gewiss, wie das Gesetz kam auch die Anerkennung dieser Fußballer als deutsche Nationalspieler reichlich spät und war mit dem sportlichen Erfolg verknüpft. Und womöglich haben sich Mesut Özil, Sami Khedira oder Jérôme Boateng etwas gewundert, dass noch einmal die „andere“ Herkunft ihrer Eltern so sehr thematisiert wurde, um das Gemeinsame zu beschwören.
Heute hört sich diese positive Erzählung aus dem Jahre 2010 geradezu märchenhaft an, wie eine Geschichte aus grauen Vorzeiten. Denn die Frage, wie halte ich es mit dem deutschen Nationalteam, ist eine, die mittlerweile ebenso spaltet wie vereint. Schon das historische erste deutsche WM-Ausscheiden 2018 in der Vorrunde wurde mehr oder minder Mesut Özil persönlich angelastet, weil er sich ja mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayip Erdoğan fotografieren ließ.
Freilich gab es schon 2010 einen konstanten Anteil in der deutschen Bevölkerung mit rechtspopulistischen Ansichten, die nicht in den Jubel über das neue Gesicht der DFB-Elf mit einstimmten. Nur ihre Diskursmacht war äußerst bescheiden, die AfD noch nicht gegründet. Über die Risse unter der schönen Oberfläche konnte man gut hinweggehen.
„Nicht-deutsche“ Nationalspieler
Der Anteil derer, die in der deutschen Nationalmannschaft nicht als biodeutsch einzustufen sind, ist weiter auf einen neuen Rekordwert gewachsen. Im Kader von Bundestrainer Julian Nagelsmann sind es bei dieser Weltmeisterschaft mit 14 Spielern knapp über die Hälfte. Und am Verhältnis der AfD zu diesem Team, das Deutschland repräsentiert, lässt sich ganz gut veranschaulichen, wie diese Partei mit den landesweit stärksten Umfragewerten die Gesellschaft umbauen möchte. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Maximilian Krah bezeichnete im Vorfeld der EM 2024 noch als Abgeordneter des Europaparlaments das DFB-Team als „Söldnertruppe“ und „Fremdenlegion“.
Anlässlich der aktuellen Weltmeisterschaft verkündete Björn Höcke, der AfD-Landesvorsitzende Thüringens, ex negativo, wie sein DFB-Traumteam aussähe. Er sprach auf einer Veranstaltung über die einheitlich aussehenden asiatischen und afrikanischen Nationalteams und erklärte dann: „Die westliche Hemisphäre wirkt wie gleichgeschaltet, alles verschwimmt und wenn sie das Trikot tauschen, weißt du gar nicht mehr, wer ist jetzt von welcher Mannschaft.“
Er offenbarte sein Zugehörigkeitsverständnis nach Hautfarbe. Rassismus in Reinform. Ähnlich deutlich äußerte sich via Social Media der brandenburgische Landtagsabgeordnete Dominik Kaufner, der zuvor als Gymnasiallehrer arbeitete. Er schrieb, „dass die DFB-Auswahl einen erheblichen Anteil nicht-deutscher Spieler hat und damit die Qualität einer authentischen deutschen Nationalmannschaft verloren hat“.
Die AfD-Vorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla distanzierten sich zwar nach Informationen der taz fraktionsintern von dieser Äußerung, aber auch an ihr Verhalten zum Nationalteam weist Vorbehalte und ein offensichtliches Dilemma auf. Denn ein Großteil der AfD-Wählerschaft hängt in diesen Tagen vor den TV-Bildschirmen wie alle anderen auch. Und sollte bei diesem Nationenwettbewerb die Deutschen unvorhergesehen erfolgreich abschneiden, was dann?
DFB sorgt sich um gesellschaftliches Klima
Es ist kompliziert. Die nationalen Zugehörigkeitsgefühle sind flüchtiger geworden. Dies ist ein universaler Trend. Von den 1.248 Spielern in den WM-Kadern der 48 Nationen wurden 292 außerhalb des Landes geboren, für das sie antreten – das entspricht 23 Prozent. Doppelt so viel wie noch bei der WM 2006 in Deutschland.
Weidel und Chrupalla ließen sich vor dem Turnier mit einem Duplikat des WM-Pokals fotografieren. Ein interessantes Motiv, das die konfuse Haltung der Partei zum Nationalteam bestens illustriert. Anders als sonst verzichteten die beiden auf nationale Symbolik. Einen schwarz-rot-goldenen DFB-Fanschal oder das farblich so gestaltete Nationaltrikot wollten sie lieber nicht tragen. Die Identifikation mit dem Nationalteam gilt offenkundig nur für den Erfolgsfall, wenn der Pokal geholt wird.
Dem DFB macht diese Entwicklung mächtig Sorgen, wie Andreas Rettig, Geschäftsführer Sport, der taz in einem Interview erzählte. Der Fußballverband kann und will sich nicht vor gesellschaftlichen Realitäten verschließen und strebt wie jeder Sportverband den maximalen Erfolg an. Zum Gespräch hatte Rettig extra eine grafisch aufbereitete Mannschaftsaufstellung vom DFB-U19-Pokalfinale der Junioren ausgedruckt.
Die Spieler der Partie zwischen dem VfB Stuttgart und VfL Wolfsburg hatten nahezu alle eine doppelte Staatsbürgerschaft und ein zweites Fähnchen am Namen geheftet. Er verwies auf den weiter wachsenden Anteil der Menschen in Deutschland mit Migrationshintergrund. Derzeit liegt er durchschnittlich bei etwa 30 Prozent, bei den unter Fünfjährigen bei 43 Prozent. Schon jetzt kämpft der DFB darum, dass die talentiertesten Doppelstaatler unter seinen Nachwuchsfußballern sich im letzten Moment nicht doch noch für die Türkei, Kroatien oder Kamerun entscheiden.
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Verschämte Einladung der Linken
Eine Gesellschaft, die Menschen mehrheitlich vermittelt, dass sie eigentlich nicht dazugehören und schon gar nicht in die deutsche Nationalmannschaft sollen, könnte abstoßend wirken. Das sei eines der großen Themen, die den DFB umtreibe, bekannte Rettig. Fußball stehe für Vielfalt, Teilhabe und eine offene Willkommenskultur.
Doch ein Dilemma im Umgang mit dem Nationalteam hat nicht nur die AfD. Beim Bundesparteitag der Linken in Potsdam wurde das Public Viewing des WM-Spiels Deutschland gegen die Elfenbeinküste auf einem Flyer geradezu verschämt beworben: „Ja, WM wird auch im kleinen Rahmen gezeigt: keine Fahnen, kein Nationalismus, kein Stress.“ Laut dem Nachrichtenmagazin Focus wollte ein Delegierter einen Dringlichkeitsantrag diskutieren lassen, der das Public Viewing kritisch einordnen sollte. Auch um die Fifa sollte es dabei gehen.
Anscheinend kann diese Internationalmannschaft, die ein engstirniges Verständnis des Nationalen ad absurdum führt, ebenfalls keine Fans unter den Internationalisten gewinnen. Eine kleine Graswurzelbewegung aus jungen Menschen in Berlin versucht derweil in diesen WM-Tagen via Instagram selbst designte Nationaltrikots unter das Volk zu bringen. Mit Bundesadler auf der Brust, schwarz-rot-goldenen Linien und einer klaren Botschaft auf dem Rücken: „Germany against Fascism“ Im nationalen Gewand wird den Nationalisten von der AfD und Co der Kampf angesagt. Eine sympathische, aber vielleicht etwas zu verworrene Idee.
Vielversprechender scheint es zu sein, den Anteil der DFB-Kicker mit Migrationshintergrund immer weiter hervorzuheben. Das hätte indes etwas Kontraproduktives, markiert man die Spieler dadurch doch wieder als etwas Besonderes. Wünschenswert wäre, darüber nicht mehr sprechen zu müssen. Aber die Diskursmacht hat sich längst verschoben.
Binäre Logik führt in die Irre
Sollten nun alle aufrechten Demokraten dem deutschen Nationalteam die Daumen drücken, wider alle Expertenerwartungen die Weltmeisterschaft zu gewinnen? Allein schon aus Freude an der Schadenfreude, weil die AfD einem Multikulti-Team seine Glückwünsche unterbreiten müsste. Ein Gedankenspiel, das verständlich und verführerisch sein mag, jedoch völlig in die Irre führt.
Wirklich viel wäre nicht damit zu gewinnen. Die Erfolge des Löw-Teams 2010 und 2014 hatten keine anhaltende Wirkung. Am Ende war und ist es eben nur Fußball. Anhängerinnen und Anhänger einer offenen Gesellschaft bedienen sich sowieso besser nicht dieser binären AfD-Logik, die nicht nur zwischen Deutschen und Nicht-Deutschen, sondern auch gern zwischen Gewinnern und Verlierern unterscheidet. Was Özil widerfahren ist, sollte abschreckend genug sein.
Wer Mesut heißt, sollte sich auch künftig besser nicht an autoritäre Despoten heranwanzen. Wer Friedrich heißt, kann sich dagegen mit noch so vielen Trikots neben Trump ablichten lassen. Das ist ebenfalls eine Lehre dieser Weltmeisterschaft. Es ist noch ein verdammt weiter Weg, bis von der Internationalmannschaft gesprochen werden kann. Die Rückschritte der letzten Jahre haben das Ziel in weite Ferne rücken lassen.
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