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Widerstand in der besetzten OstukraineSie bereiten Bauchschmerzen

In den besetzten Gebieten der Ukraine wehren sich die „wütenden Mavkas“ mit kreativen Mitteln: etwa Wodka mit Abführmittel für die russischen Soldaten.

Da, wo Mavka lebt, werden Mädchen vermisst. Oder sie werden vergewaltigt, wie die junge Tochter vom Nachbarn. Aber deren Eltern trauen sich nicht zur russischen Polizei, denn sie haben Angst. Da, wo Mavka lebt, ist ukrainisches Staatsgebiet – besetzt von russischen Truppen. Ihr Alltag ist geprägt von Unterdrückung und Schikane. Und für jemanden wie sie, die im Untergrund feministischen Widerstand organisiert, bedeutet das permanente Vorsicht.

Mavka sagt aber nicht, wo genau sie lebt, aus Sicherheitsgründen. Ihren richtigen Namen verrät sie auch nicht – „Mavka“ ist ein weiblicher Waldgeist aus der ukrainischen Mythologie. Ihre Stimme am Telefon ist zu fröhlich für das, was sie erzählt. Besonders, wenn sie von den Zla Mavkas spricht, ist ihr Stolz nicht zu überhören. Ihre feministische Untergrundbewegung, die „wütenden Mavkas“, hat sie mit zwei anderen Frauen gegründet, kurz nach Beginn der russischen Invasion 2022.

Zu Beginn klebten die Frauen Poster an Hauswände und verteilten Flugblätter, die sich gegen die russische Besetzung richteten. Ihre Aktionen sprachen sich schnell herum: „Wir hatten nicht damit gerechnet, dass sich so schnell so viele Frauen aus anderen besetzten Städten bei uns melden würden, um mitzumachen.“

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Heute sind die Zla Mavkas eine Bewegung geworden, für Frauen mit den gleichen Ängsten, den gleichen Problemen. Wie viele sie mittlerweile sind, lässt sich nicht beziffern. Denn die Mavkas kennen einander nicht. Sie organisieren sich anonym, online. Die Sicherheit der Frauen stehe an oberster Stelle, begründet Mavka die verschlüsselte Kommunikation.

Ein Alltag unter Kontrolle

Paradoxerweise glaubt sie, dass die Menschen in den besetzten Gebieten jene sind, die noch am meisten Hoffnung auf ein Ende des Krieges haben. „Irgendjemand muss ja die Blumen bereithalten, wenn die ukrainische Armee kommt.“

Wir hatten nicht damit gerechnet, dass sich so schnell so viele Frauen aus anderen besetzten Städten bei uns melden würden

Mavka, Gründungsmitglied

Seit dem 24. Februar 2022 besetzt Russland Teile der ukrainischen Oblaste Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson zusätzlich zur Krim, die bereits seit 2014 unter russischer Kontrolle steht. Alle vier Gebiete wurden von Russland im September 2022 durch ein Scheinreferendum annektiert. Seitdem berichten Ein­woh­ne­r*in­nen wie Mavka von zunehmender Unterdrückung der ukrainischen Identität, Sprache und Kultur. Der Alltag ist gezeichnet von Kontrollen, selbst ein Kommentar in den sozialen Medien kann zur Verhaftung führen.

Die Überwachung nimmt zu. An Checkpoints werden Handys kontrolliert, sogar gelöschte Dateien durchsucht. Viele Mavkas haben deshalb zwei Handys: ein „Sicherheitstelefon“ für den Alltag, mit Fotos der Familie und Nachrichten von Freunden. Das andere, versteckt, für ihren Kampf.

Die Mavkas sind wachsamer, aber auch kreativer geworden. Eine Sabotageaktion schaffte es sogar in internationale Medien: das Wodka-Geschenk. An russischen Feiertagen schicken Freiwillige aus Russland ihren Soldaten Pakete in die Ostukraine. Die Mavkas nutzten die Gelegenheit. Auch sie schickten ein Paket: als Dankeschön für die Befreiung, im Namen des ukrainischen Volkes. Mit selbstgemachten Wodka – gestreckt mit reichlich Abführmittel. „Die Soldaten werden eine harte Nacht gehabt haben“, sagt Mavka und lacht. Doch drastischere Aktionen werden die Zla Mavkas nicht durchführen. „Ich möchte diese Verantwortung nicht übernehmen. Auch nicht für andere Frauen, denn wenn ihnen wegen mir etwas passieren würde: Damit könnte ich nicht leben.“ Und: Wer in den von Russland besetzten Gebieten bei einer Gewalttat erwischt wird, muss damit rechnen, als Terroristin verurteilt zu werden.

Eine Frage des Überlebens

Nicht alle Aktionen haben so viel Durchschlagskraft wie das Wodka-Geschenk. Manche sind stiller. Ein Jahr lang produzierten die Mavkas jede Woche eine Zeitung mit positiven Nachrichten aus der Ukraine. „Die Russen werden es schon selbst erzählen, wenn etwas Schlechtes in unserem Land passiert ist. Aber die guten Sachen erzählt dir keiner.“ Gedacht war die Zeitung besonders für ältere Leute ohne Internetanschluss, um sie alternativ zur russischen Staatspropaganda zu informieren. Inspiriert war die Zeitung von Sophie Scholl, erklärt Mavka: „Wir dachten an die Geschichte der Weißen Rose. Ein junges Mädchen, das Flugblätter gegen Hitler produziert. Leider wurde sie ermordet, aber ihre Geschichte ist beeindruckend.“

Die Sabotageaktion, die Mavka am stolzesten macht, ist das Falschgeld. Die Mavkas drucken falsche russische Banknoten und verteilen sie auf den Straßen. Wenn Leute diese aufheben, werden sie schnell ukrainische Symbole auf dem Geld erkennen. Es soll die Menschen in den besetzten Gebieten daran erinnern, wo sie herkommen. Weil niemand an herumliegendem Geld vorbeiläuft, erreichen sie damit viele: „Ich bin so stolz darauf, weil die Aktion eine riesige Wirkung erzielt hat und so kreativ ist.“

In den besetzten Gebieten ist ein Leben ohne russische Papiere undenkbar. Dass Ukrai­ne­r*in­nen dort die russische Staatsbürgerschaft annehmen, ist Mavka zufolge eine Frage des Überlebens. Denn ohne gibt es keinen Zugang zu staatlichen Hilfen, der Rente oder medizinischer Versorgung – auch wenn die kaum noch vorhanden ist. Viele ukrainische Ärz­t*in­nen haben die besetzten Gebiete verlassen. Medikamente sind Mangelware und das Wenige, das in die Apotheken gelangt, verschwindet oft, bevor es die Regale erreicht, erzählt Mavka. Wenn es wirklich ernst wird, bleibt nur der Weg auf die Krim oder nach Russland. Aber auch das, berichtet Mavka, ist nur mit russischem Pass möglich.

Für Kinder ist die Besatzung eine schwere Belastung. Mavka berichtet von einem Kind, das weinend aus der Schule nach Hause kam: Ein russischer Soldat hatte der Klasse erklärt, ukrainisch zu sein bedeute, krank zu sein. Das Kind fragte die Mutter: „Bin ich eine Krankheit?“

Internationale Solidarität

Es ist ein Kampf im Verborgenen und Privaten, aber die Welt schaut zu. Denn die Mavkas dokumentieren ihre Aktionen auf Social Media. Auf Instagram folgen der Gruppe über 5.000 Profile, bei Telegram sind es über 11.000. Anonyme Tagebucheinträge aus besetzten Gebieten werden dort veröffentlicht, dazu Skizzen und Comics, die Frauen ihnen zuschicken: das Leben unter Besatzung, gezeichnet von denen, die es erleben.

Auch Solidaritätsbekundungen finden sich dort: Menschen aus aller Welt fotografieren das Symbol der Mavkas. Manche haben es aus Holz geschnitzt, andere malen es sich wie ein Tattoo auf ihre Hände und Unterarme. Die Fotografien zeigen das Symbol auf den Straßen von Donezk, vor einem Eisberg in Grönland und zerbombten Häusern in Damaskus.

„Das bedeutet uns viel. Es zeigt uns, dass wir nicht allein sind“, sagt Mavka. Manchmal posten sie auch Videos, in denen russische Flaggen in Brand gesetzt werden, darunter der Satz: Heute brennt es dreifarbig.

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