Ulrich Siegmund und Co.: Rassismus, aber gut gelaunt
Vornerum freundlich, hintenrum völkisch: Wo steht die AfD kurz vor ihrem Bundesparteitag und den Landtagswahlen 2026?
Nach 42 Minuten Dauergrinsen und Händeschütteln schwitzt Ulrich Siegmund in seinem hellen Anzug. Seit Einlassbeginn im großen Veranstaltungssaal eines Golfressorts am Stadtrand von Dessau arbeitet er eine nicht enden wollende Selfieschlange ab. Für alle der rund 600 Gäste, die an diesem schwülheißen Abend Mitte Juni zum „Bürgerdialog“ gekommen sind, steht der AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt für ein Foto bereit.
Siegmund wirkt gut gelaunt, macht überdreht freundlich Witze und ranschmeißerische Sprüche. Fotos bekommen sowohl der schlaksige 15-Jährige als auch der untersetzte Babyboomer mit geflochtenem grauen Kinnbart und Reichsadler auf dem Shirt.
Ansonsten sind überwiegend Menschen vor Ort, die in der Fußgängerzone von Dessau nicht weiter auffallen würden. Gäbe es einen Dresscode, wäre das Camp-David-Hose, Karohemd, Kassenbrille. Nicht wenige hier ächzen unter der Hitze. Aber die Klimakrise, die gibt es ja angeblich nicht.
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Womit man wieder beim schwitzenden Siegmund wäre. Für dieses Problem hat der 35-Jährige zum Glück ein Team. Siegmunds Fotograf, der während der Selfiesession draufhält, nutzt eine Pause zwischen zwei Bildern, reicht Siegmund eine Serviette und deutet auf die Stirn. „Es ist aber auch heiß“, sagt der und tupft sich die Tropfen unter dem akkuraten Scheitel weg.
Sie wollen DDR-Insignien besetzen
Der fotografierende Begleiter von Siegmund ist nicht irgendwer, sondern Simon Kaupert. Während der Chef sich mit offen rechtsextremen Aussagen im Wahlkampf weitgehend zurückhält, weist Kaupert eine für das Umfeld des Spitzenkandidaten typische, stramm völkische Biografie auf. Kaupert gilt als Kader der Identitären Bewegung, organisierte schon 2014 die Wügida-Proteste im Südwesten und besuchte 2015 ein Lager der NPD-Nachwuchsorganisation. Seit ein paar Jahren arbeitet er als Leiter des sogenannten Filmkunstkollektivs an der Ästhetisierung von extrem rechter Propaganda und posiert schon mal mit White-Power-Geste.
2024 drehte Kaupert im Thüringer Wahlkampf ein unterwürfiges Porträt über Björn Höcke. Jetzt macht er für Ulrich Siegmund Videos über Ausfahrten auf dem DDR-Kultmoped Simson, um ostdeutsche Alltagsinsignien für die AfD zu besetzen – und schaut zudem, dass der Kandidat nicht zu schwitzig aussieht.
Die Szene ist ein Sinnbild für den Zustand der AfD im Jahr 2026. Eine fotogene Führung an der Spitze, dahinter Strippenzieher, verantwortlich für inhaltliche Arbeit, Ausrichtung und Strategie.
Ähnliches gilt für die Parteispitze um Alice Weidel und Tino Chrupalla. So distanzieren sich die Parteichefs an einem Dienstagnachmittag Ende Juni auf Fraktionsebene des Bundestags von einem Brandenburger Landtagsabgeordneten, der die Nationalmannschaft für nicht deutsch genug hält, weil sie nicht mehr aus „Volksdeutschen“ bestehe. Anderntags kungeln sie hinter den Kulissen mit dem Kopf der völkischen Strömung, Björn Höcke, eine Liste für den neuen Bundesvorstand aus. Den will die Partei Anfang Juli in Erfurt wählen.
Weidel stimmte 2017 noch für ein Parteiausschlussverfahren gegen Höcke wegen einer „übergroßen Nähe zum Nationalsozialismus“, unterstützt aber mittlerweile die Kandidatur von dessen rechter Hand, Stefan Möller. Aus verschiedenen Lagern der Partei ist zu hören, dass Möller die neue Nummer drei hinter der als gesetzt geltenden Doppelspitze aus Chrupalla und Weidel werden soll.
Höcke kneift mal wieder
Möller ist langjähriger Co-Parteichef in Thüringen. Er gilt als Höckes Mann fürs Grobe und soll die „Thüringer Linie“ auch im Bundesvorstand durchsetzen. Das sagte Höcke kürzlich selbst. Und stellte zugleich klar, dass Möller seine Marionette sei: „Ich bin angeschlossen, ohne selbst die Arbeit machen zu müssen.“ Ein klassischer Höcke, langfristig den Führungsanspruch zu unterstreichen, gleichzeitig aber selbst kein Risiko mit einer eigenen Kandidatur einzugehen. Parteifreunde spotten: Höcke kneift mal wieder.
Das könnte Folgen für den Umgang mit dem Verfassungsschutz haben, für den Möller in der Partei künftig zuständig sein soll. Der schon lange als „gesichert rechtsextrem“ eingestufte Landesverband Thüringen klagt nicht gegen diese Einstufung selbst, sondern nur gegen einzelne Aussagen. Ansonsten betrachtet man die Beobachtung durch den Geheimdienst als Auszeichnung als Rebellen.
Am Donnerstag veröffentlichte die NGO Gesellschaft für Freiheitsrechte ein Gutachten, in dem sie die AfD als verfassungswidrig bezeichnet. Ein Verbotsverfahren sei demnach „wahrscheinlich erfolgreich“. Auf dem Parteitag will Höcke die Partei noch weiter öffnen für Mitglieder rechtsextremer Organisationen und die Unvereinbarkeitsliste schleifen.
Das dürfte auch Simon Kaupert freuen, Siegmunds Fotografen, der dann trotz Teilnahme am NPD-Jugendlager problemlos AfD-Mitglied werden könnte.
Nach einer Stunde Selfies weist Kaupert Siegmund in Dessau den Weg auf die Bühne. Rechts und links erheben sich die Leute und begrüßen ihn wie einen Popstar, stimmen „Uli!“-Sprechchöre an. Im Kontrast zum hier zelebrierten Personenkult ist seine anschließende Rede eher dünn, irgendwo zwischen Stammtisch und Jürgen-Höller-Motivationscoaching. Seine Botschaft: Die AfD werde in Sachsen-Anhalt auf jeden Fall auf eine absolute Mehrheit kommen.
Sie insinuieren Wahlbetrug
Hier in der Bürgersprechstunde kommt das bei den meisten mindestens so gut an wie auf Siegmunds Tiktok-Kanal. Er drückt routiniert die notwendigen populistischen Knöpfe, redet über Abschiebungen, dass er keine Minarette wolle, dass in Wirtschaft und Bildung „alles Katastrophe“ sei. Er wolle für jede Regenbogenflagge zehn Deutschlandflaggen hissen und schwärmt von seiner „Vision 2026“. An der Stelle merkt man, dass er einen Bachelor in Wirtschaftspsychologie hat: Er will mit guter Laune positive Emotionen vermitteln, nicht nur Abstiegsszenarien an die Wand malen.
All das zieht bei den eingefleischten AfD-Fans, für die der Bürgerdialog ein Feel-good-Event ist. Die Verheißung hier ist allerdings Autoritarismus: Abschiebungen, Minarettverbot und Rassismus. Bei diesen Themen johlt das Publikum besonders laut. Am Ende tragen sich Bürger zur Wahlbeobachtung auf Listen ein, um den häufig von der AfD insinuierten angeblichen Briefwahlbetrug zu verhindern.
Dass es tatsächlich zu der von Siegmund angestrebten Alleinregierung kommt, ist allerdings noch nicht gesagt: Kommunale Stichwahlen verliert die AfD fast flächendeckend, und Wähler*innen wählen gerade im Osten strategisch gegen die Rechtsextremen. Zudem hat das Superwahljahr für die AfD alles andere als gut begonnen: Die Verwandtenaffäre, die Abwahl von Viktor Orbán, die Ergebnisse bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, die trotz Rekorden hinter den eigenen Erwartungen blieben.
Auf der anderen Seite gibt es den Bundestrend – dank der gescheiterten Merz-Strategie, die AfD mit rechter Politik und Kulturkampf wegzuregieren. Das Projekt „Zerstörung der CDU“ läuft nach Plan. Ebenso hilft die kriselnde Wirtschaft. Und auch wenn es am Ende nicht für eine Alleinregierung reicht, wird eine Regierungsbildung ohne die AfD schon schwer genug. Von der Sperrminorität ganz zu schweigen, mit der die extremen Rechten hier ab September ziemlich sicher blockieren können.
Sorgen aus dem Publikum
Entsprechend gebannt schaut man auch in der Partei auf Sachsen-Anhalt. Die innerparteiliche Debatte oszilliert dabei zwischen Hoffnung und Sorgen. Einige in der Partei sehen durchaus ein Risiko für die AfD, wenn Siegmund Erfolg hat. Man befürchtet, dass eine scheiternde AfD-Regierung die Partei insgesamt runterziehen könnte. Andere sagen: So viel könne man in Sachsen-Anhalt nun auch wieder nicht verkehrt machen – selbst bei Schwierigkeiten werde der Nutzen größer sein als der Schaden, weil es langfristig zur Normalisierung führe.
Klar ist: Die Disruption einer AfD-Landesregierung wäre enorm. Es wäre die bislang wohl tiefgreifendste politisch-kulturelle Zäsur der Berliner Republik, wenn nicht sogar der Bundesrepublik nach 1945.
Im Frageteil des Bürgerdialogs in Dessau werden am Ende dann auch Sorgen geäußert. Eine Pflegerin will wissen, ob man wirklich die kirchlichen Sozialverbände zurechtstutzen wolle. Siegmund versucht abzuwiegeln, man müsse keine Angst haben, aber die Gelder von Diakonie und Caritas wolle man durchaus mal überprüfen.
Ein anderer Mann stellt sich als David vor und sagt, dass die AfD sein Kreuz sicher habe. Dann kommt er auf seine schwarze Hautfarbe zu sprechen: „Ich muss ehrlich sagen, ich habe auch Angst. Viele Menschen hier, wenn die mich auf der Straße sehen würden, würden mich blöd angucken und mir Hass entgegenwerfen aufgrund meiner Farbe. Wie können Sie dafür sorgen, dass wir nicht irgendwann Ausschreitungen haben wie in Amerika, wo alle über einen Kamm geschert werden und gejagt werden?“
Die Antwort vom Podium: „Die sich nicht benehmen, einfach wieder nach Hause schicken, weil dann werden die, die sich hier benehmen, nicht über einen Kamm geschert.“ So einfach sei das. Das Publikum applaudiert und scheint überzeugt. David eher nicht.
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