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Politischer Wechsel in LondonApplaus für den „König des Nordens“

Großbritanniens glückloser Premier Keir Starmer hat den Rücktritt angekündigt. Was Nachfolgefavorit Andy Burnham will, ist selbst seiner Partei ein Rätsel.

Dominic Johnson

Aus London

Dominic Johnson

Am Ende ging alles sehr schnell. Am 22. Juni um 9.30 Uhr kündigte Keir Starmer vor seinem Londoner Amtssitz seinen Rücktritt als Chef der regierenden Labour-Partei und damit auch als britischer Premierminister an. Um 10.54 Uhr bestieg Nachfolgefavorit Andy Burnham in Manchester den Zug nach London. Er traf um 13.30 Uhr ein und wurde eine Stunde später im Unterhaus als frisch gewählter Abgeordneter für den Wahlkreis Makerfield vereidigt, den er vier Tage vorher bei einer Nachwahl gewonnen hatte. Im Anschluss versammelte er die Labour-Parlamentsfraktion zum Gruppenfoto, ganz der neue Herr im Haus.

In derselben Halle, wo vor knapp vier Jahren die Queen aufgebahrt war, jubelten jetzt Hunderte Labour-Politiker dem „König des Nordens“ zu, der strahlend sein Telefon zum Gruppenselfie in die Höhe hielt. „Wir wollen jemanden, der uns versteht“, sagte direkt im Anschluss Andy McDonald, Labour-Abgeordneter für Middlesbrough.

Man könnte glatt vergessen, dass Burnham und Starmer in derselben Partei sind und dass vor nicht einmal zwei Jahren Keir Starmer mit dem Wahlkampfmotto „Veränderung“ eine parlamentarische Zweidrittelmehrheit für Labour holte.

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Um zu verstehen, warum Starmer jetzt gegangen ist, muss man sich daran erinnern, warum er kam. Im Dezember 2019 erlitt Labour unter dem linken Parteichef Jeremy Corbyn die schwerste Wahlniederlage seit den 1930er-Jahren, die Konservativen unter Boris Johnson erreichten einen Wahltriumph. Großbritannien richtete sich auf mindestens zehn Jahre Johnson-Hegemonie ein. Jemand aber musste die Scherben aufsammeln und Labour neu aufstellen – am besten jemand ohne Illusionen und ohne Ambitionen. Wer schien besser geeignet als Keir Starmer, Jurist ohne Charisma und ohne Ideologie, ein Verwalter und kein Politiker, der den Boden für Labours nächste Generation herrichtet.

Keine Konkurrenz in Sicht

Dann krachte Boris Johnsons Regierung zusammen, seine Nachfolger Liz Truss und Rishi Sunak konnten das sinkende Schiff nicht mehr retten und plötzlich war Labour an der Macht. Dass ihr Führer immer noch Keir Starmer hieß, war eine Art Betriebsunfall. Starmer kam nie richtig im Amt an. Bei öffentlichen Auftritten wirkt er unbeholfen, hinter den Kulissen agiert er undurchsichtig. Nun, verspätet, sucht sich Labour einen Chef, der der Aufgabe gewachsen scheint.

Wird es nun also Andy Burnham, der sich, anders als Starmer, im Kreis anderer Menschen wohlzufühlen scheint? Am 17. Juli könnte der bisherige Bürgermeister von Manchester Premierminister des Vereinigten Königreiches werden. Konkurrenz um die Parteispitze ist möglich, aber nicht in Sicht.

Was Burnham vorhat, darüber gibt es nur Spekulationen. Der in Liverpool geborene 56-Jährige tritt als Außenseiter an, der London aufmischt, aber er ist der ultimative Insider. Burnhams erster richtiger Job nach dem Studium in Cambridge war im Parlamentsbüro einer Labour-Abgeordneten, er saß unter Tony Blair und Gordon Brown schon in der Labour-Regierung. Erst danach ging er nach Manchester, erst unter Premier Starmer inszenierte er sich als linker Reformer.

Es gibt nun zwei Narrative darüber, was eine Burnham-Regierung bedeutet. Eines lautet: Die Rache des linken Parteiflügels, den Keir Starmer als Parteichef ab 2020 gnadenlos bekämpfte und nach der Regierungsübernahme 2024 weiter kleinhielt. Die Labour-Linken sind im Aufstand gegen Starmers Politik und sehen sich durch Labours jüngste Serie von Wahlniederlagen bestätigt. Jetzt unterstützen sie Burnham und sehen in seinem Sieg in Makerfield, der den negativen Labour-Trend brach, eine Bestätigung.

Es könnte spannend werden

Das zweite Narrativ lautet: Die Rache des rechten Parteiflügels der Veteranen der Ära Blair, die Keir Starmer mit an die Macht hievten und sich verraten sahen, als Starmer aufgrund der Affäre um Peter Mandelson Köpfe rollen ließ. Zu den Opfern zählte Josh Simons, einst Leiter des Thinktanks „Labour Together“, der 2024 maßgeblich Starmers Wahlsieg organisierte und aus dessen Kreisen Mandelsons Reaktivierung empfohlen wurde. Simons musste im Februar als Staatsminister für Digitalisierung gehen – im Mai trat er als Wahlkreisabgeordneter für Makerfield zurück und machte den Weg für Burnham frei.

Wenn Labours Rechte davon ausgehen, dass sie Andy Burnham in der Tasche haben, und Labours Linke hoffen, dass sie jetzt die Politik bestimmen – dann wird es spannend. Am Montag, 22. Juni, bestieg Burnham in T-Shirt und Jeans den Zug in Manchester. Im Anzug stieg er in London wieder aus. Bald könnte er nackt dastehen.

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