Homosexuelle im Profifußball: Bis’ wohl schwul, Alda?
Die Bedingungen für homosexuelle Fußballer haben sich nicht wirklich geändert. Warum zur Weltmeisterschaft mit keinem Promi-Outing zu rechnen ist.
Immerhin ein offen schwuler Mann steht aktuell deutscherseits im Kameralicht öffentlichen Interesses: Thomas Hitzlsperger, bis 2010 DFB-Nationalspieler und bekannt für seine eher robuste Spielweise, kommentiert in der ARD die WM. Berühmt über die Kickerei hinaus wurde er freilich 2014, als er in einem Gespräch mit der Zeit bekannte, schwul zu sein.
Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.
Sein Privates war, wie zu erwarten war, von politisch-symbolischer Bedeutung. Denn anders als beim Frauenfußball, wo lesbische Spielerinnen, etwa die einstige Nationaltorhüterin Nadine Angerer, keinen homophoben Furor stifteten, gelten männliche Homosexuelle im Fußball als unvorzeigbar, als No-go, als störend, unmännlich und irritierend im Kernsport des Männlichen (in Deutschland und fast überall sonst): auf Kameraderie setzend, dabei asexualisiert miteinander auch beim Torjubel, zumal öffentlich immer wieder Bilder von sogenannten „Spielerfrauen“ aufgerufen werden. Fußballer seien muskulär und athletisch in einem – körperliche Tugenden, die schwulen Männern nicht angedichtet werden.
Hitzlspergers Selbstouting beschäftigte bis hin zur „Tagesschau“ sehr lang alle möglichen Medien, sogar die Bundeskanzlerin ließ sich mit einer Art Glückwunsch vernehmen. Man fragte sich, ohne dass dies je eine Antwort erhalten hatte: Glückwunsch wofür? Dafür, dass dieser Bayer sagte, was zu sagen ist? Dass er – was aber niemand aussprach – keine Frau in petto hielt, mit der der Schein des heterosexuell Gewöhnlichen bewahrt werden konnte?
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Erwartet wurde vom Publikum, dass nach Hitzlsperger weitere Profispieler hierzulande so cool wie einst in der politischen Sphäre Klaus Wowereit agieren würden: „Ich bin schwul – und das ist auch gut so.“ Doch nichts geschah, selbst wohlmeinendste Appelle fruchteten – nichts. Von den etwa 900 Männern, die in der ersten wie zweiten Liga unter Vertrag stehen, müssten – wenn fünf Prozent der Gesamtbevölkerung homosexuell sind – 45 Männer in Liebes- und Begehrensdingen gleichgeschlechtlich unterwegs sein.
Funktioniert ein schwuler Fußballer noch als Ware?
Marcus Urban war bis in die neunziger Jahre in Thüringen auf dem Weg, Berufsfußballer zu werden, verzichtete aber auf diese Laufbahn, weil er dem Druck, heterosexuell scheinen zu müssen, nicht nachgeben wollte. Inzwischen ist er eine Art Ombudscoach für schwule Fußballer in spe. 2024 war er Kopf einer Kampagne, die zum 17. Mai einen Coming-out-Day ausrief – die mediale Aufmerksamkeit war enorm, aber es geschah gar nichts. Niemand „bekannte“ sich, was vermutlich den wichtigsten Grund darin hatte, dass kein Spieler die Last der Ultrahysterisierung bei diesem Thema in eigener Person auf sich nehmen wollte, verständlicherweise.
Und: Trainer, Berater, Agenturen, Physiotherapeuten … all jene Männer (meist sind es solche), die ihre Spieler zu umsorgen haben, sind außerdem daran interessiert, dass das Marktprofil ihrer Spieler nicht durch einen schwulen Skill beschädigt wird: Verlöre er an Verkaufswert? Fände sich überhaupt ein Verein, der ihn unter Vertrag nimmt, im In- oder Ausland?
Um die Ware namens Fußballspieler geht es, um deren Vermittelbarkeit für Käufer. Keineswegs, wie gewöhnlich hierzulande gemutmaßt, muss man Zuschauern automatisch Homophobie unterstellen. Auch schwule Spieler würden von den eigenen Fans gegen die Fans der anderen, gegnerischen Vereine geschützt: Man hält immer zum eigenen (Vereins-)Stamm.
Kein Bock auf Outing: Begabte Spieler verlassen den Sport
Bei Thomas Hitzlsperger war es keineswegs garantiert, dass er sich erst nach dem Karriereende auf dem Rasen outet, mutig in prinzipieller Hinsicht war er schon. Aber es war DFB-Nationaltrainer Joachim Löw, der ihm abriet, um nicht allzu sehr öffentlich unter (Erklär-)Druck und Performancelast zu geraten: Niemand hätte mehr über seine harten Schüsse aufs Tor gesprochen, sondern … Eben!
Immerhin: Der Bayer hatte es geschafft. Um es überhaupt in den Profifußball zu schaffen, braucht es mehr als technische Finesse, Trainingsfleiß und Durchhaltevermögen schon in den Nachwuchsligen der Jüngsten. Spätestens in der Pubertät kommt es auch auf Konkurrenzfähigkeit an, mit den anderen nicht nur Kamerad zu sein, sondern auch Rivale.
Und Konkurrenzfähigkeit stiftet sich, alle mit dem Fußball Nächstvertrauten, auch Eltern von Fußballjungs wissen das, über Sprüche, Angebereien (wer hat mit welcher schon mal …?) und direkten Anmachen: Bis’ wohl schwul, Alda? Locker Talk, also Kabinensprache ist nichts für Zimperliesen, oder wie es ein Fußballtrainer mal sagte: Sollen sie doch zum Volleyball gehen!
Von Jahr zu Jahr gehen viele sehr begabte Nachwuchsspieler im Fußball aus ihrem Sport raus … als schwul geoutet und giftig stigmatisiert zu werden, wäre sonst unerträglich. Eine These, die der Nachwuchstrainer beim FC St. Pauli, Christian Dobrick, neulich bestätigte: „Es kommen weniger schwule Fußballer ganz oben an, weil sie ihre Energie verschwenden müssen für Probleme, die nichts mit dem Sport zu tun haben.“
Es sind also vielleicht gar nicht 45 fälschlich orientierte Spieler, die sich im deutschen Profifußball lieber bedeckt halten – sondern nur 20. Aber auch sie wissen: Würde ich mich outen, wäre es mit meinem Sport vorbei.
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