Widerstand im Zweiten Weltkrieg: „Wir haben Platz, ihr könnt kommen!“
Eine niederländische Dorfgemeinschaft versteckte im Zweiten Weltkrieg Hunderte Jüdinnen und Juden. Ihr Kopf führte Tagebuch – doch ist bis heute kaum bekannt.
M anchmal hatte er einfach genug. Genug von der Rumfahrerei auf dem Rad von Hof zu Hof, dem Betteln um Verstecke, den Diskussionen mit seinen zaudernden Landsleuten, ob, wie lange und wo sie jüdische Menschen unterbringen könnten. Dann machte Arnold Douwes seinem Ärger Luft, mit besonders wütenden Tagebucheinträgen.
21. November 1943
Wir hören alle möglichen Ausreden, die in der Regel keinen Sinn machen: Kein Platz, kein Versteck, geschwätzige Kinder oder Haushilfen, die Hausfrau hat Angst, zu nah an der Straße, zu weit weg von der Straße, keine Kinder im Haus, zu viele Kinder im Haus. All diese Ausreden meinen nur eines: Ich will nicht helfen, ich bin zu egoistisch, ich will meinen Besitz, mein Eigentum, meine Freiheit nicht opfern, um jemandem zu helfen.*
Die Mehrheit der Niederländer dächten nur an sich selbst und seien feige, so Douwes.
Weitergemacht hat er trotzdem, Tag für Tag, monatelang. Von Sommer 1943 bis Herbst 1944 suchte Douwes in einem winzigen Ort in den Niederlanden, umgeben von deutschen und niederländischen Nazis, Verstecke für Hunderte jüdische Menschen. Auf Dachböden. In Kammern. In selbstgebauten Höhlen im Wald, kaum hoch genug, um darin zu sitzen. In Fluchten unter Kirchenböden. Bei Gottesdiensten, heißt es, hätten sich die „Onderduikers“, die Untergetauchten, Baumwolle in die Ohren gestopft, weil die Orgel so dröhnte. Es gab Verstecke für Babys, Jugendliche, erwachsene Männer und Frauen, mitunter auch nichtjüdische Flüchtlinge, die dem Arbeitsdienst der Deutschen entkommen wollten.
Douwes bestand darauf, nicht allein geehrt zu werden
Douwes’ Prinzip: Alle, die ein Versteck brauchen, konnten kommen. Selbst wenn er zunächst nicht wusste, wohin mit ihnen. Mehrere hundert Menschen – wie viele genau, ist bis heute unklar – tauchten mit Hilfe von Arnold Douwes und seinem Netzwerk unter. Die Rettungsaktionen dokumentierte Douwes in seinem Tagebuch.
130.000 Jüdinnen und Juden lebten zu Beginn der deutschen Besetzung in den Niederlanden, die meisten in Amsterdam. Rund drei Viertel dieser Menschen wurden deportiert und ermordet, anteilig so viele wie sonst nirgendwo in Westeuropa. Etwa 20.000 Menschen konnten sich verstecken, viele von ihnen mit der Unterstützung von Menschen wie Arnold Douwes.
1965 wurde Douwes, damals 59 Jahre alt, für seinen Einsatz als Gerechter unter den Völkern von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem geehrt. Wesentlich für diese Anerkennung waren die Aussagen von über 80 jüdischen Zeuginnen und Zeugen. Douwes selbst bestand darauf, dass nicht nur er, sondern auch andere Helfer und das gesamte Dorf geehrt werden – mit Erfolg: Fast zwanzig Jahre später erhielten Nieuwlande und 202 Unterstützerinnen und Unterstützer die bekannteste Auszeichnung von Yad Vashem. Nieuwlande, das dicht hinter der deutschen Grenze auf Höhe der niedersächsischen Stadt Meppen liegt, wurde das erste derart ausgezeichnete Dorf. In den folgenden Jahren sollte mit Le Chambon-sur-Lignon in Südfrankreich nur ein weiteres dazukommen.
Empfohlener externer Inhalt
Nieuwlande? Arnold Douwes? Beide Namen sind selbst in den Niederlanden kaum bekannt, trotz des Tagebuchs. Auch ich, mein Vater war Niederländer, bin nur durch einen Zufall auf Douwes’ Geschichte gestoßen. Meine Großtante Pieternella Muller-van de Perel wurde als Gerechte unter den Völkern geehrt, weil sie Douwes unterstützt hatte.
Dass Arnold Douwes so unbekannt ist, hat mehrere Gründe. Sein Tagebuch wurde erst 2019 veröffentlicht, auf Niederländisch und Englisch unter dem Titel „Das geheime Tagebuch des Arnold Douwes. Rettung in den besetzten Niederlanden“. Herausgeber sind zwei Historiker, die auf die deutsche Besetzung der Niederlande spezialisiert sind: der Brite Bob Moore und der Niederländer Johannes Houwink ten Cate.
Die Wissenschaftler haben Douwes, der 1999 starb, zwar nicht mehr treffen können, dafür mit seinen Töchtern und zahlreichen Geretteten und Rettern gesprochen. Dem niederländischen Holocaustzentrum NIOD lag das Tagebuch zum Zeitpunkt der Veröffentlichung schon 60 Jahre vor – wie Tausende andere Tagebücher dieser Art. Denn während des Kriegs waren die Niederländer von ihrem Bildungsminister aufgefordert worden, Tagebuch zu schreiben – ein einzigartiger Aufruf in Europa. Diese Vielzahl an Dokumenten könnte ein Grund sein, warum Douwes’ Aufzeichnungen so lange im Verborgenen blieben, sagt Houwink ten Cate.
Ähnliche Bedeutung wie Anne Franks Tagebücher
Doch Douwes Bekanntheitsgrad dürfte künftig wachsen. Denn ähnlich wie in Deutschland nimmt auch in den Niederlanden die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit an Fahrt auf. Nicht zuletzt, weil Anfang des Jahres das Zentralarchiv der Sondergerichtsbarkeit (CABR) in Den Haag Hunderttausende Akten zugänglich gemacht hat. Seitdem wird es überrannt von Niederländerinnen und Niederländern, die wissen wollen, was ihre Verwandten im Zweiten Weltkrieg gemacht haben.
Douwes’ Tagebuch könnte in dieser Aufarbeitung eine wichtige Rolle spielen. Denn es erzählt eine einzigartige Geschichte des Widerstands. Das Holocaustzentrum NIOD misst ihm eine ähnliche Bedeutung bei wie den Tagebüchern von Anne Frank und Etty Hillesum.
Als Arnold Douwes zum Widerstandskämpfer wird, hat er weder Geld noch Ansehen. Vom Charisma eines Oskar Schindler ist der hochgewachsene Mann mit den strengen Gesichtszügen weit entfernt. Stattdessen ist der Pfarrerssohn widerborstig, eckt immer wieder an – beispielsweise mit seiner Entscheidung, anders als alle Männer in seiner Familie in den 200 Jahren zuvor, nicht Pfarrer werden zu wollen. Douwes wird Gartenbauer.
Trotzdem habe ihn seine religiöse Erziehung extrem geprägt, sein Gerechtigkeitsempfinden geformt: „Arnold war kein einfacher und vielleicht nicht mal ein liebenswürdiger Mensch“, erzählt Johannes Houwink ten Cate. „Er stammte aus einer Familie, die zur orthodox-reformierten Kirche gehörte. Und wenn die sich zu etwas entscheiden, dann ziehen sie das durch, ohne Rücksicht auf die Risiken.“
Douwes hat die Deutschen schnell hassen gelernt. Sam Jacobs, einer seiner engsten Kinderfreunde, ist Jude. Als der 1941 mit 31 Jahren deportiert werden soll, fährt Douwes, so schnell er kann, zu ihm nach Hause. „Aber es war zu spät“, erzählt er Jahrzehnte später sichtlich bewegt im Interview mit dem United States Holocaust Memorial Museum.
Sam Jacobs wird einer der ersten niederländischen Juden, den die Deutschen in Mauthausen ermordeten, Douwes erfährt wenige Tage nach der Deportation von seinem Tod. Kurz darauf schließt er sich dem Widerstand an, nimmt zunächst an kleineren deutschfeindlichen Aktionen teil.
Diesen Widerstand gibt es landesweit und auch in Drenthe, der Provinz, in der Nieuwlande damals liegt. Hier verweigert der Landwirt und siebenfache Vater Johannes Post aus Protest gegen die deutsche Besatzung erst nur Steuerzahlungen. Dann beginnt er, illegale Literatur und Flugblätter zu verteilen und Dokumente für Jüdinnen und Juden zu beschaffen. 1941 kommt Arnold Douwes zu ihm, als er sich wegen seiner deutschfeindlichen Aktionen verstecken muss – so hatte er auf selbstgemalten Schildern, die er an Telefondrähten befestigte, Deutsche als Ratten bezeichnet oder sich den „Judenstern“ angeheftet.
Schnell erkennt Johannes Post das Potenzial von Douwes: Der 35-Jährige ist fit, unabhängig, unerschrocken. Zusammen suchen sie nach Verstecken für jüdische Flüchtlinge. Rund zwei Jahre Zeit später wird es für Post, der wegen seiner Aktionen gegen die Deutschen gesucht wird, brenzlig. Er muss in den Untergrund und schließt sich dem nationalen bewaffneten Widerstand an, den Landelijke Knokploegen (LKP, auf Deutsch „Landesweite Schlägertrupps“), deren Führung er 1943 übernimmt. Ein Jahr später wird er von den Nazis gefunden und hingerichtet.
Mit Posts Untertauchen übernimmt Douwes 1943 dessen Aufgaben und sucht weiter nach Verstecken für jüdische Menschen, die vor allem aus Amsterdam zu ihnen kommen. Denn dort verbreiten Widerständler die Nachricht, dass Juden in Drenthe Hilfe finden. Sie melden telefonisch oder schriftlich nach Nieuwlande, wer wann kommt.
Unterstützt wird Douwes nach kurzer Zeit besonders von Max Léons, genannt Nico, einem gerade 20 Jahre alten Juden, der zu seiner rechten Hand wird. Und von Lou Gans und Isidor Davids, genannt Herman und Peter, zwei jungen Juden, die zeichnen können und so helfen, Papiere zu fälschen. Zum Netzwerk gehören Hunderte Menschen in Nieuwlande sowie in der Provinz Drenthe und weiter entfernten Orten wie De Steeg in Gelderland, die Juden verstecken, Geld spenden, Lebensmittelkarten erbetteln und Kurierrollen einnehmen.
In dieser Zeit beginnt Douwes sein Tagebuch. Der erste Eintrag ist vom 3. Juli 1943. Die codierten Notizen versteckt er in Marmeladengläsern, die er im Garten vergräbt. In seinen Einträgen wird offenbar, wie viel Arbeit, Selbstaufgabe und Mut nötig war, um die Menschen vor den Nationalsozialisten zu verstecken. Vor allem in Drenthe. Denn die Provinz gehört damals zu den ärmsten in den Niederlanden und ist eine Hochburg des NSB, der niederländischen Variante der NSDAP. In diesem Umfeld Familien zu finden, die mitmachen und schweigen, ist äußerst schwierig und hochriskant.
Arnold Douwes hat eine ganz eigene Strategie, Menschen zu überzeugen, sich an den Rettungsaktionen zu beteiligen: Er schwindelt sie an. Zunächst appelliert er an ihre christliche Überzeugungen, versichert ihnen, dass der Unterschlupf maximal für wenige Tage benötigt werde und er die Juden und Jüdinnen dann wieder abhole. „Wir haben alle angelogen. Die, die auf der Flucht waren, und die, die Unterschlupf bieten sollten. Denen auf der Flucht haben wir gesagt: Wir haben Platz, ihr könnt kommen! Aber wir hatten keinen Platz“, erzählt Douwes 1988 in einem Interview mit dem United States Holocaust Memorial Museum. „Wir haben gesagt, wir kommen in zwei Wochen wieder und holen sie ab. Aber wir sind nicht wiedergekommen.“
Angesichts des steten Stroms neuer Schützlinge sind Douwes und seine Leute ununterbrochen auf der Suche nach neuen Unterkünften. Dazu kommt, dass immer wieder etwas schiefgeht. Es kommt zu Razzien, die Gastgeber werden krank, oder es gibt Streit mit den Schützlingen. Längst sind außerdem Nazis und die Polizei auf die Beschützer aufmerksam geworden.
24. November 1943
Es gab Warnungen über Razzien, also sind mehrere Häuser „gesäubert“ worden (die Onderduikers sind von den Beschützern herausgeholt und woanders versteckt worden; Anm. der Red.). Wir brauchen sofort Platz für eine Mutter mit einem zwei Monate alten Baby, zwei ältere Frauen, einen einjährigen Jungen, eine 18-Jährige und einen 21-Jährigen.
6. Dezember 1943
Wir brauchten dringend einen Platz für einen älteren jüdischen Mann in Nieuw-Amsterdam. Sein Gastgeber hat sich bei einem Hundekampf schwer verletzt. Wir haben einen Platz gesucht, aber die Telefonleitungen nach Nieuwlande waren ausgefallen. Der Mann hat sich umgebracht.
Immer wieder kämpfen sie zudem mit der Skepsis der Anwohner.
13. Dezember 1943
Nico und ich haben der Bäckerin Frau Jonkers das Versprechen abgerungen, dass sie ein jüdisches Mädchen nimmt. „Keinen Jungen, das ist viel zu gefährlich mit dieser Beschneidung“ hat sie gesagt. Als wir rausgingen, haben wir gesagt, wenn wir einen Jungen haben, kleiden wir ihn einfach als Mädchen. Bis sie das rausgefunden hat, hat sie sich an ihn gewöhnt.
Arnold Douwes wird das nicht ernst gemeint haben, der Tagebucheintrag ist Zeugnis seines schrägen Humors. Doch er weiß, warum die Bäckerin so redet: Beschnittene Jungen konnten leicht als Juden identifiziert werden. So schildert ein jüdischer Überlebender aus Nieuwlande nach dem Krieg, wie er als Fünfjähriger von einer Frau auf der Straße angesprochen wurde, die ihm einen Apfel anbot – wenn er zunächst Pipi mache und die Hosen runterlasse. Das Kind gehorchte, wurde an der Beschneidung erkannt und gefoltert, damit es den Aufenthaltsort seiner Verwandten nenne. Man habe ihm Nadeln unter die Fingernägel getrieben, erzählt er. Verraten konnte er nichts, weil er nicht wusste, wo seine Familie war.
Tagebucheintrag von Arnold Douwes, 19. Mai 1944
Verwandte grundsätzlich trennen, auch das ist eine Strategie von Douwes und seinen Helfern. Denn SS und Polizei sollen, wenn sie ein Versteck entdecken, unter keinen Umständen bemerken, dass es eines von sehr vielen Verstecken in der Region ist. Während die Nazis ihre Kontrollen verschärfen, Häuser durchsuchen und mitunter einen Unterschlupf ausheben, ahnen sie nicht, wie nah schon der nächste ist. Hilfreich ist die Landschaft – eine Region mit unwegsamen Kanälen, zahllosen kleinen Brücken, schwer passierbaren Sandwegen und weit verteilten Höfen.
Auch wenn das Engagement in der Region immer weiter abnimmt und Douwes darüber in seinem Tagebuch regelmäßig verzweifelt, findet er weiterhin neue Helfer: Familien mit vielen Kindern, wie so häufig in der tief religiösen Region, haben plötzlich noch mehr Kinder, manchmal mit gefärbten Haaren. Gäste aus dem zerstörten Rotterdam sind das, wenn jemand fragt. Oft werden die Onderduikers auch als Landarbeiter eingesetzt. Sally Kimmel, ein Schulfreund von Anne Frank, zum Beispiel. Er lebt als 14-Jähriger ein Jahr in Nieuwlande und arbeitet auf dem Feld. Kimmel überlebt und wird später Physikprofessor.
Wenn Onderduikers wegen Razzien aus den Häusern müssen, werden sie von Douwes und seinem Netzwerk in den Wald gebracht. Dort haben sie Höhlen gebaut, erreichbar durch unterirdische Gänge, die man noch heute besichtigen kann. In ihnen können die Menschen ausharren, bis ein neues Versteck gefunden ist. Auch Arnold Douwes übernachtet manchmal dort. Zum einen will er so die Familien schützen, die Flüchtlinge aufgenommen haben, zum anderen liebt der Gartenbauer es, bei gutem Wetter draußen zu schlafen.
Die Onderduikers brauchen nicht nur Platz, sie brauchen auch Geld und falsche Papiere. Also betteln Douwes und seine Freunde, wo es immer möglich ist, um Geld, stehlen Formulare oder fälschen Ausweise und Lebensmittelkarten. Douwes hat dabei in seinen Notizen ein feines Gespür für Anekdoten und Geschichten, die den Horror auflockern. „In Groningen wurden 133.000 Lebensmittelkarten direkt aus dem Drucker gestohlen“, schreibt er im Mai 1944 trocken über eine Aktion, die Johannes Post mit Kollegen der LKP, der Schlägertrupps, durchgeführt hatte.
Nicht selten gibt es Streit zwischen Gastgebern und Gästen. Denn Nieuwlande, das ist nicht Amsterdam mit seinen Cafés und Kulturzentren. Nieuwlande, das ist Kartoffeln ernten, Torf stechen, Kühe melken. Für viele Flüchtlinge aus Amsterdam ist der Umzug ein zivilisatorischer und kultureller Schock. Auch diese Konflikte beschreibt Arnold Douwes ungeschönt. In seinem Tagebuch taucht unter anderem eine „Tante Aaltje“ auf, die sich so oft mit ihren Gastgebern streitet, dass diese keine Flüchtlinge mehr aufnehmen wollen.
3. November 1943
Noch mehr Alpträume wegen Tante Aaltje, die ein perverses Vergnügen daran hat, wertvolle Verstecke zu verderben.
Oder der Jude, der sich weigert, auf dem Kartoffelfeld zu arbeiten, und stattdessen durchs Dorf läuft. Er behauptet, er sei an den falschen Ort gebracht worden, schreibt Douwes.
9. Juli 1943
Ich sagte ihm, dass er sich nicht nur selbst gefährde, indem er herumwandert, als wäre er in einer Art Paradies, nachdem er durch die Berührung eines Zauberstabs gegen alle Gefahren der Nazis immun gemacht worden war. Ich sagte ihm, ich wisse, dass das Ausgraben von Kartoffeln harte Arbeit sei, aber nach ein paar Wochen würde er sich daran gewöhnen. Außerdem betreiben wir kein Arbeitsamt.
Oder die junge Jüdin, „Rahab, die Hure“, wie die Helfer sie nennen, weil sie sich mit Deutschen trifft und damit Verstecke gefährdet. Douwes redet mit ihr, droht ihr, beschimpft sie – und sucht neue Plätze für sie. Wieder verlässt sie ihr Versteck.
2. August 1944
Ich habe ihr gesagt, dass das ihre letzte Chance ist und sie erschossen wird, wenn es nicht funktioniert. Es beeindruckt sie nicht. Tante Eef tanzt vor Freude, weil sie weg ist.
An diesem Wochenende mobilisiert das antifaschistische Bündnis „widersetzen“ zu Blockaden gegen den Bundesparteitag der extrem rechten AfD in Erfurt. Zehntausende Menschen werden erwartet. Diesem Anlass widmet die wochentaz einen 17-seitigen Schwerpunkt, fragt unter anderem: Macht „widersetzen“ Sinn? Oder nicht? Warum konnten die antifaschistischen Kräfte der Gesellschaft zuletzt realpolitisch so wenig bewirken – aller Mobilisierungspower zum Trotz? Und wie ließe sich das wieder ändern?
Alle Texte des Schwerpunkts lesen Sie ganz ohne Paywall hier: taz.de/antifa. Am Samstag werden wir mit einem Live-Ticker auf taz.de über die „widersetzen“-Proteste und dem AfD-Parteitag berichten.
Mehr als 50.000 freiwillige Unterstützer*innen ermöglichen, dass die taz frei für alle ist. Damit das so bleibt, brauchen wir auch Ihre Unterstützung. Schon ein kleiner Beitrag hilft. Fördern Sie jetzt den taz-Journalismus!
Es war zwar selten, kam aber vor, dass Juden erschossen wurden, die den Widerstand gefährdeten. Arnold Douwes selbst scheint zwar nie zu dieser Maßnahme gegriffen haben. Man gehe aber von landesweit 40 jüdischen Menschen aus, die vom Widerstand ermordet wurden, um das System zu schützen, sagt Historiker Johannes Houwink ten Cate. Zur Waffe griffen dabei Vertreter der LKP, Posts Truppe.
Denn das Schutzsystem funktioniere nur, wenn Regeln befolgt würden, so schreibt es auch Douwes in sein Tagebuch. Eine dieser Regeln: Nicht einfach so draußen herumlaufen.
19. Mai 1944
Acht Onderduikers wurden in Op ’t Landschap verhaftet. Sie waren auf einem Filmabend, die Arschlöcher.
Kinder werden von ihren Eltern getrennt. Ehepaare an verschiedenen Orten untergebracht, ohne zu wissen, wo der andere ist. Sich frei bewegen, in der Landwirtschaft mitarbeiten oder zur Schule gehen darf nur, wer unauffällig, also nichtjüdisch, aussieht.
Ständig riskiert er sein Leben, dann wird er verhaftet
Dafür galt, beschreibt Douwes, eine Art Katalog, der auch als Geheimcode beim Transport genutzt wurde: A1 ist eine alte Frau, sehr jüdisch aussehend, A2 eine alte Frau, etwas jüdisch aussehend, A3 eine alte Frau, absolut untypisches Aussehen. Typ E: männliches Kind, Typ I junger Mann. Darüber hinaus lesen die Retter alle Briefe, die die Onderduikers an ihre Verwandten in Amsterdam oder anderswo schreiben, und zensieren sie rigoros – niemand soll den Ort lesen oder erraten, an dem die Schreibenden versteckt sind.
Doch so kühl die Retter kalkulieren, so hart sie ihre Schützlinge behandeln, so weich können sie auch sein, zum Beispiel wenn es um die Kinder geht. In den Niederlanden ist der 5. Dezember, der Sinterklaas, das wichtigste Kinderfest, oft wichtiger als Weihnachten.
23. November 1943
Wir haben ganz viele Pläne für Sinterklaas. Alle versteckten Kinder sollen was bekommen. Wir haben Taai-Taai-Figuren (Taai-Taai: ein gewürzter süßer Keks; Anm. d. Red.) bei dem einen Bäcker bestellt und Spekulatius bei dem anderen, die dafür Zucker- und Buttercoupons von uns bekamen. Peter und Herman helfen Gedichte schreiben. (…) Von Freitag auf Samstag haben wir gar nicht geschlafen, weil wir die Sinterklaas-Geschenke einpacken mussten.
Douwes selbst verzichtet auf Komfort, außer aufs Rauchen. Zum Geburtstag freut er sich über „einen ganzen Beutel mit Zigarettenstummeln“.
Und irgendwann geht es auch für ihn einmal um Gefühle: eine kurze Liebe. Im Juli 1944 kommen drei flüchtende junge Frauen, Lies, Ans und Tiet nach Nieuwlande. Die drei befreundeten Retter, Herman, Peter und Arnold Douwes verlieben sich, Herman in Ans, Peter in Tiet und Douwes in Lies.
31. Juli 1944
Wir alle drei sind von Amors Pfeil getroffen worden. Diesen Nachmittag sind wir zum Versteck gegangen. Herman und Ans sind vorausgegangen „um Heidelbeeren zu pflücken“, aber ihr kleiner Korb war leer. Wir kamen etwas später. Peter und Kitty kamen nach uns, weil sie „ein Taschentuch suchen mussten“, das Kitty verloren hat.
Das Glück dauert nur ein paar Tage. Lies kommt von einer Reise zu ihrer Schwester nicht zurück, Tiet ebenfalls nicht. Frustriert sitzt Douwes bei einer seiner Gastgeberfamilien, den Dijks, bei der er manchmal isst und schläft.
5. August 1944
Da saßen wir mit den 125 Dahlien, die wir gekauft hatten. Ich habe vorgeschlagen, dass wir sie alle köpfen und nur die Stengel übrig lassen, aber Frau Dijk hat mich gehört und gesagt: Vorher schneide ich dir die Ohren ab.
Arnold Douwes riskiert wie seine Kameraden ständig sein Leben. Er wird gesucht, das weiß er, und er weiß, dass er hingerichtet würde, sollte er entdeckt werden. Am 19. Oktober 1944 schläft er ausnahmsweise mal wieder bei Familie Dijk, er ist müde, gerade erst hatte er Kartoffeln, Kohl und Zwiebeln zu ihnen gebracht. Die Dijks warnen ihn, er sei hier derzeit nicht sicher, trotzdem bleibt er. Als mitten in der Nacht niederländische SSler und der deutsche Sicherheitsdienst ins Haus kommen, um ihn zu suchen, entscheidet er, nicht zu fliehen. Denn mit seiner Flucht, schreibt Douwes später, wäre das Haus durchsucht worden und man hätte nicht nur die Lebensmittel entdeckt, sondern auch mehrere versteckte Jüdinnen und Juden.
Also wird er verhaftet, in ein Gefängnis gebracht und gefoltert. Es ist ein sensationeller Erfolg für die Nazis, den Mann erwischt zu haben, der alle Namen, alle Verstecke der Juden und Jüdinnen im Ort kennt – aber Douwes lügt und schweigt, zwei Monate lang. „Wenn Arnold redet, ist die Hälfte von Süd-Drenthe verloren“, schreibt sein Freund Max Léons in seinen Erinnerungen.
Zuletzt wird Douwes nach Assen verlegt, in ein berüchtigtes Untersuchungsgefängnis. Dann wird, so erzählt Léons, ein Hinrichtungstermin festgelegt, der 12. Dezember 1944. Doch einen Tag davor werden Douwes und 31 weitere Inhaftierte von einer LKP-Gruppe befreit. Sie verkleiden sich als SS-Chargen, stürmen das Gefängnis und bringen die Gefangenen nach wenigen Minuten raus. Zum Auto kann Douwes kaum gehen, „sie haben ihn so geschlagen, dass er das Gefängnis mit offenen Wunden verlässt“, so beschreibt es Max Léons.
Zurück nach Nieuwlande kann Douwes danach nicht, er wird gesucht. Er kommt bei Familien in der Provinz unter, muss aber immer wieder seine Verstecke wechseln. Die Gegend wimmelt jetzt von Nazis, die versuchen, den Alliierten auszuweichen, und nach Deutschland wollen. Aber Douwes überlebt und kehrt nach dem Krieg nach Nieuwlande zurück. Dort sammelt er seine Marmeladengläser mit den Tagebuchnotizen ein, insgesamt 35 Notizbücher, und überarbeitet sie.
Und er trifft 1945 Henriëtte „Jet“ Reichenberger wieder, die er Anfang 1944 als 20-Jährige für einige Wochen in Nieuwlande versteckt hatte. Schon damals hatten sich die beiden gut verstanden, aber erst jetzt, nach dem Krieg, funkt es zwischen ihnen. 1946 heiraten sie.
Doch Arnold Douwes bleibt unruhig, er wandert mit seiner Familie nach Südafrika aus, wo sich seine Schwester schon länger niedergelassen hat. Er und Jet bekommen drei Töchter und einen Sohn, der kurz nach der Geburt stirbt.
Die Familie zieht immer wieder um. Denn auch nach dem Krieg gerät Douwes immer wieder in Schwierigkeiten, weil er mit Vorgesetzten streitet oder mit Protesten gegen die Apartheid auffällt.
1956 ziehen die Douwes nach Israel, wo der strenge Vater seinen Töchtern Radio, Partys und Kino verbietet und ständig über den Krieg spricht. Die Familie bleibt arm. Irgendwann hält Jet es nicht mehr aus und lässt sich scheiden. 1984 zieht der 77-Jährige Douwes in die Niederlande, wo sich seine Nichte bis zu seinem Tod 1999 um ihn kümmert.
In den Jahren nach dem Krieg versucht er immer wieder, sein Tagebuch zu veröffentlichen. Schon kurz nach 1945 reicht er es beim NIOD ein, das nicht darauf reagiert. Viele Jahre später, nach der Ehrung von Yad Vashem, diskutiert er mit der Gedenkstätte ebenfalls über eine Veröffentlichung. Warum das trotz aller Bemühungen nicht gelingt, bleibt selbst den Historikern, die das Tagebuch 2019 veröffentlichen, ein Rätsel. Denn während die Biografie von Johannes Post, veröffentlicht 1948, den Widerständler zu einer landesweiten Berühmtheit machte, fand „Das geheime Tagebuch des Arnold Douwes“ auch nach seiner Veröffentlichung 2019 wenig Beachtung, erzählt Historiker Houwink ten Cate.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
In Nieuwlande versucht man die Erinnerung an Arnold Douwes und seine Leute indes hochzuhalten. Hier kümmern sich seit Jahren Dutzende Ehrenamtliche um das Vermächtnis der Retter. „De Duikelaar“, der Taucher, haben sie das Museum genannt – wie die Untergrundzeitung, die Herman und Peter regelmäßig herausgaben. In dem ehemaligen Schulgebäude, einem von Rasen umrahmten grauen Flachbau, können Besucher die Geschichten der Onderduikers nachlesen und Interviews mit Zeitzeugen anschauen. Auf einer Landkarte sind alle Höfe und Unterschlüpfe eingezeichnet, manche Verstecke wurden nachgebaut.
In einem der Häuser, in denen Onderduikers untergebracht waren, stand ein Spruch an der Wand, der im Museum nachzulesen ist. „Uw vriend heeft een vriend, de vriend van uw vriend heeft ook weer een vriend, weet zu zwijgen.“ Dein Freund hat einen Freund, und der Freund deines Freundes hat auch einen Freund – wisse zu schweigen.
Das Dorf, das einst schwieg, hat heute viel zu erzählen.
*Auszug aus „The Secret Diary of Arnold Douwes“, übersetzt aus dem Englischen von Maike Rademaker
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert