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Afghanistan unter den Taliban„Ich habe Angst und gehe nicht mehr raus zur Arbeit“

Die Proteste in Herat wurden gewaltsam niedergeschlagen. Nun herrscht dort und in der Hauptstadt Kabul ein Klima der Angst.

Nach zahlreichen Festnahmen von Frauen und anschließenden Protesten bleibt die westafghanische Großstadt Herat im Ausnahmezustand. Sie ist zwischen die Fronten eines Regimes mit seinen Unterdrückungsmaßnahmen und Frauen, die nicht aufgeben wollen, geraten.

In Herat schleicht die Angst durch die Gassen wie ein stilles Gespenst. „Ich war tagelang nicht draußen“, berichtet eine junge Frau. „Als ich gestern einkaufen gehen musste, habe ich kaum Frauen draußen gesehen.“ Ihr Gesicht habe sie hinter einer Maske versteckt. Auch eine andere junge Frau, die anonym bleiben möchte, berichtet von einem Klima der Angst: „Zuvor habe ich mein Gesicht nicht bedeckt, jetzt trage ich eine Maske.“

Anfang des Monats gab es in Herat eine Welle von Verhaftungen von Frauen, denen die herrschenden Taliban den Verstoß gegen die strengen Kleidervorschriften vorwarfen. Darauffolgende Proteste wurden gewaltsam aufgelöst. Laut der UN-Mission für Afghanistan (Unama) wurde dabei mindestens eine Person getötet. Das Opfer ist ein minderjähriger Junge. Auch ein weiterer Protest wurde gewaltsam aufgelöst.

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Ein Teilnehmer, der anonym bleiben will, berichtet von Schüssen in die Menge. Viele Verwundete hätten nicht im Krankenhaus behandelt werden können, da die Taliban dort nach Protestierenden gesucht hätten. „Ich habe Freunde, die festgenommen wurden und von denen wir seitdem nichts mehr gehört haben“, erzählt der Mann. „Ich selbst verstecke mich und gehe nicht mehr aus dem Haus.“

„Die Menschen sind verärgert“

Seit der erneuten Machtübernahme der Taliban im August 2021 sind Demonstrationen gegen ihre autoritäre Herrschaft selten geworden, nachdem die Machthaber in Kabul eine Reihe von Frauenprotesten gewaltsam zerschlagen haben. Neu an den Protesten in Herat war aber, dass sich auch Männer anschlossen. „Die Menschen sind verärgert, weil sich die Taliban in ihr Privatleben einmischen“, sagt Fereshta Abbasi von Human Rights Watch. „Genau deshalb protestieren sie.“

Dass Frauen im Emirat der Taliban auf ständiger Hut sein müssen, ist nichts Neues. Die Machthaber in Kabul haben die Rechte von Frauen immer weiter eingeschränkt. Sie dürfen keine höheren Schulen oder Universitäten mehr besuchen, auch viele Berufe sind ihnen versperrt. In langen weißen Kitteln und mit schwarzen Turbanen patrouillieren sogenannte Sittenwächter durch die Straßen größerer Städte und kontrollieren die strengen Kleidervorschriften. Frauen müssen Körper und Gesicht bedecken.

Doch gab es bisher eine sichtbare Diskrepanz zwischen dem strengen Regelwerk aus Kandahar, dem spirituellen und politischen Zentrum des Landes, und der Umsetzung in einigen anderen Landesteilen. In Städten wie Herat, Masar-i-Scharif oder Kabul waren noch Frauen mit unverhüllten Gesichtern zu sehen, allein oder in Gruppen.

Die Verhaftungswelle könnte ein Zeichen dafür sein, dass die Taliban ihre Repression verstärken. „Sie versuchen, ihre Vorstellungen mit Gewalt durchzusetzen“, sagt die afghanische Frauenrechtsaktivistin Razia Bromand, die im Exil in Deutschland lebt. „Das hat die Leute auf die Straße getrieben.“

Zudem seien die Leute wütend, dass auch Frauen festgenommen worden seien, die sich vorschriftsmäßig verhüllt hätten, und dass viele Familien tagelang nichts von ihren Angehörigen gehört hätten. Eine Lehrerin aus Herat berichtet, dass die Familie einer Schülerin viel Geld für die Freilassung ihrer Tochter habe zahlen müssen.

„Die Taliban müssen sich endlich flexibel zeigen“

Auch ein Mann in Kabul schildert seinen Unmut „Die Taliban müssen sich endlich flexibel zeigen und die höheren Schulen und Universitäten für Frauen öffnen“, sagt er. Gleichzeitig könne eine Destabilisierung des Landes ebenfalls Schlimmes für die kriegsmüde Bevölkerung mitbringen. „Wenn es einmal erneut zu einem Krieg kommt, wird es ein hässlicher werden.“

Afghanistans Frauen blicken vorerst in eine Zukunft, die noch düsterer scheint als zuvor. Bisher haben sie trotz der immer stärker werdenden Einschränkungen noch mutig einige Freiräume verteidigt. Sie unterrichten ältere Mädchen entgegen der offiziellen Anordnung in Privatschulen weiter oder setzen in Hinterhöfen heimlich ihre Schönheitssalons fort.

Die Situation zwischen den Machthabern in Kabul und den afghanischen Frauen gleicht oft einem Katz-und-Maus-Spiel. Erlassen die Taliban neue diskriminierende Gesetze, suchen Afghaninnen nach Möglichkeiten, um die wenigen Freiräume aufrechtzuerhalten, die ihnen noch geblieben sind.

Seit den Protesten in Herat scheinen die Taliban die Repression zu verstärken. Inzwischen ist in Kabul täglich von Festnahmen zu hören, die Männer und Frauen betreffen, berichtet Mina. Die junge Frau aus Kabul verkauft über das Internet afghanische Kleidung, nachdem die Taliban die Universitäten für Frauen geschlossen haben und auch ihrem Studium damit ein Ende gesetzt hatten.

„Ich habe Angst und gehe nicht mehr raus zur Arbeit“

Seit den Festnahmen in Herat seien auch in Kabul kaum noch Frauen allein auf der Straße zu sehen. „Die meisten Frauen gehen jetzt aus Angst nur in Gruppen raus und sind vollständig verhüllt“, so Mina. Eine Zahnärztin aus Herat berichtet, seit den jüngsten Vorfällen sogar ihren Beruf aufgegeben zu haben: „Ich habe Angst und gehe nicht mehr raus zur Arbeit.“

Anzeichen für neue Proteste gibt es keine, auch weil die Taliban die Sicherheitsmaßnahmen stark erhöht hätten, wie Frauen aus Herat und Kabul berichten. „Überall stehen ihre Fahrzeuge. Die Straßen sind voller Sicherheitskräfte“, sagt Mina. „Sie wollen ein Klima der Angst schaffen.“

Sie selbst wolle trotzdem nicht aufgeben und weiter ihr Online-Unternehmen führen. „Wenn die Taliban eine Tür für mich schließen, werde ich versuchen, eine neue zu öffnen.“

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