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Biologe über Zukunft der Nordsee-Fischer„Das Problem ist, dass es keine Quoten für Tintenfische gibt“

Tintenfische können die Nordseefischer vorm Niedergang retten, sagt Biologe Daniel Oesterwind. Aber was in den Meeren passiert, sei sehr drastisch.

Ilka Kreutzträger

Interview von

Ilka Kreutzträger

taz: Herr Oesterwind, wie lange dauert es noch, bis Imbissbuden an der Nordseeküste frittierte Tintenfischringe und Krakenbrötchen aus regionaler Fischerei anbieten?

Daniel Oesterwind: Das ist doch schon so weit, zumindest, was die Tintenfischringe betrifft.

taz: Ach?

Oesterwind: Im englischen Kanal zum Beispiel wird vor allem der Gewöhnliche Tintenfisch, Sepia officinalis, oder der Gemeine Kalmar, Loligo vulgaris, gezielt gefischt und verkauft. Es gibt Verkäufe in Belgien, in den Niederlanden und auch kleinere Verkäufe vor Ort in Deutschland.

Im Interview: Daniel Oesterwind

hat Biologie an der Uni Kiel studiert und dort über Cephalopoden, also Kopffüßer, in der Nordsee promoviert. Er ist Präsident des Internationalen Beirats für Kopffüßer und leitet am Rostocker Thünen-Institut für Ostseefischerei die Arbeitsbereiche Fischerei & Umwelt Ostsee sowie das Themenfeld Tintenfische, die zu den Kopffüßern gehören.

taz: 2023 wurden 300 Kilogramm Tintenfisch vor den Küsten Niedersachsens und Schleswig-Holsteins gefangen, das zeigt jedenfalls die Statistik der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Das klingt jetzt nicht so viel. Haben Sie da aktuellere Zahlen?

Oesterwind: Mit Tintenfischen hat die deutsche bodennahe Schleppnetzfischerei im Jahr 2024 knapp 20 bis 21 Prozent ihres gesamten Umsatzes gemacht. 2020 betrug dieser Anteil gerade mal ein Prozent.

taz: Die Invasion der Tintenfische in die Nordsee läuft also?

Oesterwind: Es gab in der Nordsee immer schon ein paar Tintenfische als Beifänge, eine gezielte Fischerei hat sich aber nie gelohnt. Durch die Folgen des Klimawandels und eventuell auch durch die Lücken im Ökosystem, die durch die geringere Anzahl an Raubfischen entstanden sind, haben sich Migrationsbewegungen der Arten und Anzahl der Tiere aber stark verschoben. Dauerhaft leben inzwischen zum Beispiel Langflossenkalmare wie Loligo forbesii und auch Kurzflossenkalmare wie Illex coindetii in der Nordsee. Die gezielte Fischerei auf Tintenfische lohnt sich.

taz: Können Tintenfische die Nordseefischerei vor dem Niedergang retten?

Oesterwind: Ja!

taz: Brauchen die Fischer dafür anderes Equipment?

Oesterwind: Sie fischen auch mit Netzen, die über den Meeresboden geschleppt werden. Nur die Höhe der Netze und die Maschenweite wurden etwas verändert, um den Beifang zu reduzieren. Das Problem ist eher, dass es keine Quoten für Tintenfische gibt, kein Managementsystem.

taz: Warum braucht es das?

Oesterwind: Für eine nachhaltige Fischerei ist ein Managementsystem unerlässlich. Das aufzubauen, ist aber schwierig bei Tintenfischen, weil die komplett anders leben als Fische.

Online-Vortrag

„Kalmare als neue Ressource in der Nordsee-Fischerei“ mit Daniel Oesterwind, 24.6., 18 Uhr, Anmeldung zum Zoom-Meeting hier

taz: Nämlich?

Fische leben über mehrere Generationen zusammen. Wir vom Internationalen Rat für Meeresforschung (ICES) fahren jedes Jahr raus, fangen Fische und gucken, wie viele da sind und wie alt die sind, werten die Daten aus und empfehlen der EU eine Fangquote. Die EU diskutiert das und bis zum Beschluss der Quote vergehen ein bis zwei Jahre. Doch Tintenfische leben nur ein Jahr, pflanzen sich nur einmal fort und werden aber oft vorher gefischt.

taz: Das heißt, das System funktioniert nicht.

Oesterwind: Genau, wenn der aktuelle Tintenfisch-Bestand weggefischt ist, ist er halt weg und hat sich nicht fortgepflanzt. Dazu kommt, dass der Tintenfisch sehr umweltsensibel ist, vor allem stark auf Temperatur reagiert und sich nicht erfolgreich fortpflanzt, wenn die nicht stimmt. Man kann nicht vorhersagen, was in zwei Jahren ist.

Tintenfische fressen alles, was sie überwältigen können. In vielen Bereichen der Nordsee haben sie deswegen schon eine gewisse Schlüsselrolle eingenommen

taz: Was wäre die Lösung?

Oesterwind: Wenn wir wirklich nachhaltig fischen wollen, müssen wir wissen, wie viele Tiere da sind. Dafür brauchen wir bessere Daten. Wir haben zum Beispiel ein Projekt gestartet, bei dem wir in der Fortpflanzungszeit schauen, wie viele Larven es gibt und daraus berechnen wollen, wie viele Tintenfische es ein halbes Jahr später geben könnte. Andere Nationen beobachten etwa, wie viele Tintenfische ihnen pro Stunde ins Netz gehen, und wenn die Zahl unter ein gewisses Limit sinkt, ist Schluss.

taz: Verschieben die neuen Bewohner das ökologische Gleichgewicht der Nordsee?

Oesterwind: Wir sehen, dass sich die Tintenfische wegen ihrer kurzen Lebenszyklen sehr gut anpassen und sich tierisch vermehren können. Und sie stehen in Konkurrenz zu anderen Tieren, da findet Verdrängung statt. Tintenfische sind außerdem Prädatoren, die fressen alles, was sie überwältigen können. In vielen Bereichen der Nordsee haben sie deswegen schon eine gewisse Schlüsselrolle eingenommen.

taz: Besorgt Sie das?

Oesterwind: Ich liebe Tintenfische, das sind ganz wunderbare Tiere. Aber aus ökologischer Sicht ist es schon sehr drastisch, was generell gerade in den Meeren passiert.

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