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Umnutzung von ApothekenDie Dosis macht das Gift

In den Räumen einer ehemaligen Apotheke im Süden Berlins befindet sich heute eine Bar. Was passiert, wenn eine Pharmazeutin dort etwas trinken geht?

Aus Berlin

Sofia Zharinova

Das Erste, was ich sehe, als ich reinkomme, ist die Schlange an der Wand. Sie windet sich von unten nach oben um einen Stab, drei Mal, um schließlich ihre gespaltene Zunge zu zeigen. Der sogenannte Äskulapstab ist ein Symbol, das für Heilberufe steht. Das weiß ich, weil ich selbst dazugehöre. Ich habe Pharmazie studiert und ein Jahr als Apothekerin gearbeitet. Seit zwei Jahren schreibe ich für die Apotheken Umschau über Medikamente und Krankheiten.

Nun stehe ich in den Räumen einer alten Apotheke, aber nicht zum Arbeiten. Hier, an der Ecke zweier großer Straßen im Süden von Berlin, befindet sich eine Bar. Wo früher Menschen in weißen Kitteln Pillen verkauft haben, stehen heute Weingläser, Schnapsflaschen und eine Espressomaschine. Statt nach Medikamenten riecht es nach Maultaschen mit Pilzen und Sauerteigbrot.

Ich setze mich hin und blicke mich um. Der Raum ist voll mit Dingen, die in mir Erinnerungen wecken. Vor mir steht ein Ölextraktor – dieses Glasgerät, das ich aus dem Biologielabor im achten Semester kenne. Es wird verwendet, um ätherische Öle aus Pflanzen zu gewinnen. Dann sind da die Medikamentenschubladen aus dunklem Holz. Kaum eine Apotheke nutzt sie heute noch. Viele haben längst Kommissionierautomaten, die Präparate binnen Minuten automatisch aus dem Lager an das Personal ausgeben. Doch ausgerechnet die Apotheke, in der ich gearbeitet habe, hatte die altmodischen Schubsäulen.

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Auf jeder Schublade ein Buchstabe: Unter M findet sich beispielsweise Metformin, unter R Ramipril. Ich sehe mich, eine junge Apothekerin, wieder in der Apotheke stehen, während vorne ein Patient auf mich wartet und ich hektisch nach dem Buchstaben Q suche. Der Mann hat Quetiapin auf dem Rezept, also gehe ich im Kopf das Alphabet durch. Meine Hände sind leicht feucht.

Heute gibt es Obazda und Königsberger Klopse

„Was möchten Sie trinken?“, fragt der Kellner und holt mich zurück in die Gegenwart. „Ich brauche noch ein paar Minuten“, sage ich. Ich habe noch nicht einmal in die Karte geschaut. Jetzt aber: Obazda, Königsberger Klopse, Maultaschen stehen auf einem bräunlichen Kraftpapier. Einige dieser Gerichte habe ich noch nie gegessen, aber heute ist ja sowieso ein Zum-ersten-Mal-machen-Abend.

Ich sehe mich, eine junge Apothekerin, wieder in der Apotheke stehen, während vorne ein Patient auf mich wartet und ich hektisch nach dem Buchstaben Q suche

Eröffnet wurde dieses Lokal vor zwei Jahren von Thilo Brauner und Thiemo Napierski, die zusammen in der Nähe eine weitere Kneipe betreiben. „Als die Apotheke noch existierte, habe ich schon daran gedacht, daraus eine Bar zu machen“, sagt Napierski, gebürtiger Berliner, als ich ihn an einem Vormittag ein paar Wochen später in der leeren Bar besuche. „Räume gibt’s hier im Kiez genug – doch dieser ist etwas Besonderes. Etwas Erhaltenswertes.“

Das Gebäude der ehemaligen Rheineck-Apotheke, in der ich meinen Abend verbringe, wurde im Jahr 1908 erbaut. An den Wänden des vorderen Bereichs sind noch Einschusslöcher zu sehen, ob aus dem Ersten oder Zweiten Weltkrieg, das weiß niemand mehr genau. Der letzte Besitzer Helmut Grünwald hatte die Apotheke 63 Jahre lang bis zu seinem Tod geführt. Ein Nachfolger wurde nicht gefunden.

Der Ort, der Kriege und Jahrzehnte überstanden hat, musste schließen, wie so viele andere Apotheken hierzulande. Die gesetzlich festgelegte Vergütung, die Apo­the­ke­r:in­nen für Medikamentengabe bekommen, wurde seit 13 Jahren nicht erhöht. Auch steigende Kosten für Personal, Miete und Energie machen das Geschäft für viele unattraktiv. So wenige Apotheken in Deutschland wie heute gab es zuletzt vor 50 Jahren.

Der Vermieter war alles andere als glücklich

Der Raum selbst steht zum Teil unter Denkmalschutz, es ist also nicht erlaubt, viel zu verändern. Aber das hatten die beiden Besitzer ja auch nie vor. Ein bisschen Kreativität brauchten sie bloß, um die Genehmigung des Amts zu bekommen. In einer Bar müssen die Oberflächen leicht zu reinigen sein, altes Holz ist deshalb keine Option. Heute liegen Edelstahlplatten auf den Arbeitsflächen.

Der Vermieter war alles andere als glücklich, erzählt Thiemo Napierski – eine Gastronomie war nicht sein erster Wunsch. Lange Abende anstelle von Öffnungszeiten bis 18 Uhr, Zigarettenrauch und viel Lärm versprachen aus seiner Sicht mehr Probleme als eine kleine Apotheke. Doch nach einigen Gesprächen und neun Monaten Restaurierung konnte die Bar vor zwei Jahren schließlich öffnen.

Gefühlt lebt die Geschichte der Räumlichkeiten in der Bar weiter, ich frage mich jedoch, ob die anderen Gäste all die Details wahrnehmen. Der Morphinschrank von damals ist leer und dennoch verschlossen. Die Decke ist immer noch grün, die Wände sind beige und nach wie vor ist viel aus Holz. Die ehemaligen Mit­ar­bei­te­r:in­nen der Apotheke sind schon vorbeigekommen, erzählt Thiemo Napierski. Manchmal fragen Gäste beim Reinkommen scherzhaft nach dem Apotheker. Meine Freunde aus dem Kiez nennen die Bar „Apotheken-Bar“, auch wenn sie eigentlich einen anderen Namen hat: Walther-Bar, nach dem nahegelegenen Walther-Schreiber-Platz.

Übrigens ist es nicht die einzige Bar, die in einer ehemaligen Apotheke entstanden ist. In Berlin existieren mindestens zwei weitere, und auch in anderen Städten und Ländern gibt es dieses Konzept. Letztes Jahr habe ich in Helsinki eine Weinbar in einer Apotheke entdeckt: Sie heißt Viinibaari Apotek. Die Räume einer ehemaligen Westend-Apotheke in der Münchner Schwanthalerhöhe kann man sogar für Hochzeiten oder Konzerte mieten.

Warum auch nicht? Obwohl es auf den ersten Blick anders wirken mag: Apotheken und Bars haben einiges gemeinsam. Viele Menschen gehen in die Apotheke, weil sie einsam sind und ein echtes Gespräch mit einem Menschen suchen. Dass sie nebenbei auch noch Pflaster kaufen, ist fast zweitrangig. So ist es auch hier. Man kommt auf eine Weinschorle vorbei und bleibt für den Abend. Auch den Grundsatz des Arztes Paracelsus kann man auf beide anwenden: Die Dosis macht das Gift.

Ich bestelle mir trotzdem noch etwas. Der Ort und der Abend haben mich nachdenklich gemacht. So viel kann in zwei Jahren passieren: Aus einer Apotheke wird eine Bar, aus einer Apothekerin eine Redakteurin. Ich weiß immer noch nicht, auf welchem Schubfach der Buchstabe Q ist – aber auf der Tastatur finde ich ihn ganz sicher.

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