Kriegsangst in Großbritannien: Moskau und London in der Eskalationsspirale
Kommandoaktion und Schüsse im Ärmelkanal sowie ein Aufsehen erregender Prozess in London: Zwischen Russland und Großbritannien häufen sich brenzlige Zwischenfälle.
Die „Admiral Grigorowitsch“ ist eines der wichtigsten Kriegsschiffe der russischen Marine. Die hochmoderne Fregatte, die sogar Marschflugkörper abfeuern kann, war seit ihrer Inbetriebnahme im russisch besetzten Sewastopol auf der Krim 2016 vor Syrien im Einsatz und hat die Weltmeere befahren. Am 15. Juni eröffnete sie im Ärmelkanal vor der britischen Südküste das Feuer.
„Wir segelten einfach und plötzlich war da vor uns ein Kriegsschiff, es stand einfach herum“, erzählte jetzt britischen Zeitungen der Rentner Alan Kelney, der mit seiner Frau Jane am Montag auf seiner Segeljacht unterwegs nach Frankreich war. Er habe Kurs gehalten, vom Kriegsschiff – von dem nicht zu erkennen war, unter welcher Flagge es fuhr und das keinen Versuch machte, Funkkontakt aufzunehmen – haben unvermittelt die Sirenen getönt und dann seien von Bord aus Gewehrschüsse gefallen. „Wir haben unseren Motor angeworfen und sind abgehauen.“ In Frankreich gelandet, schlugen sie Alarm.
Der britische Premierminister Keir Starmer nannte das russische Verhalten „rücksichtslos“. Und vor allem ist es gefährlich, auch wenn es um eine private Segeljacht und nicht um eine Konfrontation zwischen zwei Kriegsmarinen geht. Als die russische Seite behauptete, die Schüsse seien von den Briten abgefeuert worden, ging das Rentnerehepaar selbst an die Presse.
Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.
Eskorte für Öltanker der russischen Schattenflotte
Die „Admiral Grigorowitsch“ wird eng von der britischen Marine überwacht. Denn das russische Schiff eskortiert seit April ständig Tanker der sogenannten russischen „Schattenflotte“ von der Nordsee durch den Ärmelkanal in den Atlantik. Sie bringen russische Ölexporte unter Bruch geltender Sanktionen auf die Weltmärkte.
Am vergangenen Samstag hat Großbritannien zum ersten Mal einen dieser Öltanker geentert. In einer mit Kriegsschiffen und Kampfhubschraubern abgesicherten Operation landeten britische Marinesoldaten in der Nacht zu Sonntag auf der unter kamerunischer Flagge fahrenden „Smyrtos“, übernahmen die Kontrolle und brachten das Schiff zum südenglischen Hafen Portland, wo es jetzt beschlagnahmt liegt.
Russlands Regierung nannte das „illegal“. Großbritannien sprach von einer „klaren Botschaft an Russland“. Zeitgleich, so die Marine, hätten zwei weitere britische Kriegsschiffe in der Nähe die „Admiral Grigorowitsch“ überwacht – man wusste um ihre wichtige Rolle.
Dass der Beschuss der britischen Segeljacht durch die „Admiral Grigoriwitsch“ Russlands Reaktion darauf ist, liegt nahe. Die Sorge ist nun, dass das nicht das Ende dieser Eskalationsspirale sein dürfte. Kein Tag vergeht, ohne dass in London Sicherheitsexperten warnen, Russland und Großbritannien stünden bereits an der Schwelle des Krieges.
Brandanschläge im Umfeld des britischen Premiers
Nicht nur im Meer. Am Tag, als die Segeljacht im Ärmelkanal unter Beschuss geriet, sprach ein Gericht in London zwei mutmaßliche Agenten Russlands schuldig, eine Serie von Brandanschlägen im Umfeld von Premierminister Starmer verübt zu haben.
Am 8. Mai 2025, dem 80. Jahrestag des Sieges der Alliierten im Zweiten Weltkrieg, war in Starmers ehemaliger Wohnstraße in London sein damaliges Auto, das er nach seiner Amtsübernahme an einen Nachbarn verkauft hatte, in Flammen aufgegangen. Vier Tage danach brannte in derselben Straße der Eingangsbereich von Starmers vormaligen Haus, das jetzt seine Schwägerin bewohnt; zuvor wurde ein weiterer Anschlag auf sein Haus verübt.
Zwei Ukrainer wurden verhaftet, bekannten sich schuldig und man fand bei ihnen Kommunikation mit einem russischen Botschaftsmitarbeiter. Der wies ihnen laut Anklage die Anschlagsziele zu und versprach ihnen Bezahlung, nur um sie hinterher fallenzulassen – „Wegwerfagenten“ nennt man solche Einwegtäter. Eine am Montag veröffentlichte BBC-Recherche identifizierte den mutmaßlichen russischen Agentenführer.
Debatten um höhere Verteidigungsaufgaben
All dies folgt im Rahmen heftiger Sicherheitsdebatten in Großbritannien seit dem Rücktritt des Verteidigungsministers John Healey am Donnerstag vergangener Woche im Streit um höhere Verteidigungsausgaben. In seinem Rücktrittsschreiben nannte er Finanzministerin Rachel Reeves „unwillig“ und Premierminister Keir Starmer „unfähig“.
Bisher weigert sich die Regierung, ihre Pläne zu revidieren. Sie versucht auch nach Kräften, die Vorfälle mit Russland im Ärmelkanal herunterzuspielen. Aber schon am Abend von Healeys Rücktritt hatte der konservative Sicherheitspolitiker Tobias Ellwood gewarnt: „Moskau nimmt die schwindende Autorität dieser Regierung und die exponierte Verwundbarkeit dieses Landes wahr. Wir sollten erwarten, dass unsere Sicherheit sehr bald von Russland auf die Probe gestellt wird.“
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