Film „The Love That Remains“: Die Ereignislosigkeit ist das Ereignis
Regisseur Hlynur Pálmason zeigt im langsam geschnittenen Spielfilm „The Love That Remains“ den Alltag eines getrennten Paars. Streit gibt es kaum – und keine Moral.
Manchmal gehen Stille und Plakativität auch zusammen. „The Love That Remains“ beginnt mit dem Bild eines Hauses, das langsam auseinandergenommen wird. Das Dach wird abgehoben, dazu ruhige Klaviermusik. Die Plakativität ist hier durchaus angenehm, die Symbolträchtigkeit ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Bild und Filmtitel. Es wird in den nächsten fast zwei Stunden darum gehen, was bleibt, nachdem etwas in seiner alten Form verschwunden ist. Denn um im Bild zu bleiben: Das Gerüst des Hauses, die Wände, bleiben in dieser Sequenz erhalten.
Das war es dann aber auch mit der Plakativität. Von da an bezieht der Spielfilm „The Love That Remains“ seine Wirkung aus Offenheit und Langsamkeit. Die Kamera begleitet den Alltag von Anna (Saga Garðarsdóttir) und Magnús (Sverrir Guðnason), die mit ihren drei Kindern an der Küste Islands leben. Das Elternpaar ist, man erfährt es beiläufig, wie alles in diesem Film, getrennt. Wir sehen Magnús bei der Arbeit, er ist Hochseefischer.
Anna will als Künstlerin arbeiten, sie malt abstrakte, große Bilder in Rostfarben. Das ist dann nicht plakativ, aber doch immerhin ein dezenter Hinweis auf die erzählerische Haltung des Regisseurs Hlynur Pálmason, der auch das Drehbuch geschrieben hat: bedeutungsoffene Bilder, die in ihren Erdfarben betont unartifiziell daherkommen, trotzdem aber streng durchkomponiert sind.
„The Love That Remains“. Regie: Hlynur Pálmason. Mit Saga Garðarsdóttir, Sverrir Guðnason u.a. Island 2025, 109 Min.
Gemälde also, die wirken sollen, als wären sie einfach naturhaft entstanden, ohne das Zutun eines gestalterischen Willens. So ist auch „The Love That Remains“ gebaut. Die Landschaften sind weit und schön und unbehauen, die Menschen in diesem Film führen keine großen Dramen auf, nahezu nichts in diesem Film setzt auf Effekt (zwei, drei Alptraumsequenzen und einen Pfeil in der Herzgegend mal ausgenommen). Menschen leben ihren Alltag, Anna versucht, mit ihren Bildern in der Kunstwelt etwas zu werden, Magnús macht seine Arbeit, gemeinsam unternimmt die Familie Ausflüge. Alles langsam geschnitten und gefilmt in natürlichem Licht.
Antithese zu klassischen Scheidungsdramen
Die Ereignislosigkeit in diesem Film ist sozusagen das Ereignis. Hin und wieder flammt so etwas wie sexuelles Interesse zwischen den Ex-Eheleuten auf, bei Magnús zumindest. Anna macht dann immer schnell die Tür zu, nein, das habe man doch probiert, das hat nicht geklappt, und er steht buchstäblich im Regen. Kaum Streit, Szenen einer Ehe ohne Ehe. In diesem Sinne bildet „The Love That Remains“ so etwas wie eine umfassende Antithese zu „Kramer gegen Kramer“ und anderen Scheidungsdramen, die vor allem davon handeln, wie Erwachsene, die einander einst geliebt haben, sich fertigmachen in dem Willen, zu ihrem Recht zu kommen.
Etwa in der Mitte des Films fügt Pálmason surreale Sequenzen ein, in denen die Figuren mit einem Mal doch beschädigt wirken. Das wirkt aber eher wie der geglückte Versuch, allzu klare Signale zu vermeiden. Es gibt keine Message, keine Moral, auch ist diesen Bildern wenig zu entnehmen über den aktuellen Stand des Geschlechterverhältnisses. „The Love That Remains“ konstruiert eher einen Zustand als eine Geschichte.
Die Frage, die der Titel implizit stellt, die Frage danach, was nach einer Trennung noch übrig bleiben kann, bleibt auf interessante Weise unbeantwortet. Auch, weil das Arrangement hier ein sehr spezielles ist. Wüsste man nichts von der Trennung, könnte das Familienleben, das in langsamen Sequenzen und über kleine Gesten und Blicke entfaltet wird, auch eine Ehe sein, in der der eine Part – Anna – gerade keine Lust auf Sex hat. Der eine Streit zwischen Papa und Mama, den der Film zeigt, könnte ebenfalls ein Ehestreit sein.
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Trailer „The Love That Remains“
„Liebe“ heißt hier: Man lebt den Alltag und zieht die Kinder groß, das Interesse der Partner aneinander ist aber gering. In dem unaufgeregten Zusammenleben des Paares liegt eine stille Schönheit. Damit wäre eine Antwort auf die Frage, was bleibt, die, dass zumindest etwas bleibt, von dem auch vor der Trennung schon nicht mehr viel da war. Am Schluss immerhin gibt es dann doch noch ein eindeutiges Bild des Verlustschmerzes.
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