Gedenkstunde für Jürgen Habermas: Gegen die Mechanismen der Macht
Bundespräsident Steinmeier würdigte den Philosophen Jürgen Habermas in der Frankfurter Paulskirche. Zum Glück hatte die Gedenkstunde wenig Weihevolles.
Schwitzen für Jügen Habermas und die Demokratie. Was sind das für Zeiten, in denen man einem Vortrag des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier über den verstorbenen Philosophen erwartungsvoll entgegensieht! Noch vor einigen Jahren hätte man das, ehrlich gesagt, möglicherweise als Pflichtveranstaltung abgesessen.
Doch die Demokratie steht unter Druck, man kann weltweit nicht mehr davon ausgehen, dass Regierungshandeln, wenn schon nicht von Vernunft, dann zumindest von Rationalität geprägt ist. Da ist es schon interessant zu erfahren, wie stark und mit welchen Argumenten sich unser höchster staatlicher Repräsentant zu Habermas, dem Theoretiker der kommunikativen Vernunft und streitbaren Intellektuellen, bekennt.
Steinmeier hielt an diesem pottheißen Freitag in der unzureichend klimatisierten Frankfurter Paulskirche bei der offiziellen Gedenkstunde für den Philosophen die Gedenkrede. Dass Deutschland den demokratischen Neuanfang nach 1945 nach langen intellektuellen und gesellschaftlichen Kämpfen letztendlich als Befreiung empfunden hat, daran hat, so Steinmeier, Habermas große Anteile. Habermas habe uns gelehrt, dass die Aufgabe des öffentlichen Diskurses nicht „Austausch von unverbindlichen Meinungen“ sei, sondern „der ernste Streit zwischen kritisch und rational geprüften, mit aller möglichen Konsequenz reflektierten Erkenntnissen“, so Steinmeier in seiner sorgfältigen und in vielem einleuchtenden Rede.
Wahrhaftiges Gespräch, reflektiertes Handeln, vernünftige Freiheit – auf diese drei Formeln brachte der Bundespräsident die Impulse des Habermasschen Denkens, die es weiterzuführen gelte. In diese Richtung weiterzugehen, so Steinmeier, „ist unsere Aufgabe“, während Habermas selbst in den letzten Jahren seines Lebens mit den politischen Entwicklungen in Europa und den USA gehadert habe.
Das intellektuelle Erbe
Das Motiv, dass die Gesellschaft aufgerufen ist, das Vermächtnis von Jürgen Habermas weiterzuführen und dabei vor allem eine rational funktionierende Öffentlichkeit als Grundlage der Demokratie zu verteidigen, grundierte als Leitmotiv in Variationen die gesamte Veranstaltung. Mike Josef, Oberbürgermeister von Frankfurt, rief dazu auf, der Befürchtung, die Demokratie löse sich auf, etwas entgegenzusetzen. Enrico Schleiff, Präsident der Goethe-Universität Frankfurt, die mit Jürgen Habermas sehr verbunden ist und die, das erwähnte Schleiff gar nicht erst, dessen Nachlass verwaltet, drückte aus, wie sehr sich diese Uni dem intellektuellen Erbe von Jürgen Habermas verpflichtet fühlt.
Letzteres hörte man mit Interesse, weil es von Vertretern aus dem Umfeld des Instituts für Sozialforschung, bei dem Habermas’ akademische Karriere als Assistent Theodor Adornos Fahrt aufgenommen hatte, durchaus Renegatenvorwürfe gibt; für manche dieser Szene ist er nicht radikal genug. Enrico Schleiff aber ließ kein Blatt zwischen Habermas und der Goethe-Uni kommen. Und Jonathan Landgrebe, der Suhrkamp-Verleger, machte plastisch, wie sehr sich sein Verlag in der Tradition von Jürgen Habermas sieht. Zusammen mit dem damaligen Verleger Siegfried Unseld hat Habermas die, neben dem Literarischen, identitätsstiftende Theorie-Reihe Suhrkamps gegründet.
Vorträge hielten zudem der Historiker Norbert Frei und die Philosophin Cristina Lafont. Norbert Frei skizzierte die Bedeutung von Jürgen Habermas für die innere Liberalisierung der Bundesrepublik Deutschland mit besonderem Blick auf seine lebenslange Abwehr jeglichen Schlusstrichdenkens, die im Historikerstreit kulminiert hatte.
Und Cristina Lafont, Phiosophieprofessorin in Illinois, emphatisierte den Habermas-Gedanken, dass sich die Legitimität der Demokratie vom Zustand der Öffentlichkeit herleitet und nicht von Verfahren, Institutionen und schon gar nicht völkischem Zusammenhalt her; in der Sprache ist für sie, Habermas folgend, eine Vernünftigkeit eingebaut, die die instrumentelle Rationalität etwa des Kosten-Nutzen-Denkens übersteigt.
Weltoffenheit, Liberalisierung
Was man in der Paulskirche hörte, waren also keine neue Habermas-Deutungen, aber sehr glaubwürdige Bekenntnisse zu einer streitbaren und offenen Gesellschaft in seinem Sinn. Wie bewertet man so eine Gedenkstunde? Dass sie nicht der Anlass sein wird, sich kritisch-differenziert mit dem Denken des Philosophen auseinanderzusetzen, war ja klar; das ist schon durch das Veranstaltunsgformat vorgegeben.
Aber die Reden strömten wirkliche Anerkennung dieses Denkens, gelegentlich auch eine gewisse souveräne Lockerheit, zum Glück wenig Weihevolles und vor allem eine ernste Sorge um die – nach dem Zweiten Weltkrieg mühsam errungene – Weltoffenheit und Liberalisierung unser Gesellschaft aus.
Der Wille, im Sinne von Jürgen Habermas eine offene Gesellschaft zu verteidigen, fand an diesem Freitag einen ziemlich überzeugenden Ausdruck. Wie das in einer in ihren Fugen rüttelnden Welt samt Kriegen und Klimawandel konkret aussehen könnte, war dabei selbstverständlich nicht zu erfahren, wie auch? In irgendeiner Form, denkt man sich nach den Reden, wird man den sozialen Medien die eskalierenden Algorithmen austreiben oder sie sonstwie regulieren müssen. Es mag hilflos klingen, darauf hinzuweisen, dass man dem Strukturwandel der Öffentlichkeit, spätestens seitdem Elon Musk X kaufte und unbenutzbar machte, etwas entgegensetzen muss. Was das sein soll, wird man sich nun ohne Jürgen Habermas überlegen müssen.
Festzuhalten bleibt: Wir sind eine Gesellschaft deren Repräsentanten sich vor einem streitbaren Intellektuellen verneigen, alles andere als selbstverständlich in der deutschen Geschichte. Frank Walter Steinmeier tat das nach seiner Gedenkrede tatsächlich vor einem aufgestellten Bild des Philosophen. Man kann nur hoffen, dass er nicht der letzte Bundespräsident sein wird, der das tun wird, und die Öffentlichkeit sich nicht noch weiter den Mechanismen der Macht unterwerfen wird.
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