Vorkämpferin für Frauenrechte in Spanien: 25 Jahre Schweigen
Als erste Frau in Spanien verklagte sie erfolgreich ihren Chef wegen sexueller Belästigung. Jetzt ist Nevenka Fernández als Aktivistin zurück.
Tosender Applaus nach 25 Jahren Schweigen. Nevenka Fernández wurde am Samstag nach 25 Jahren Abwesenheit in ihrem nordspanischen Heimatstadt Ponferrada mit Ovationen auf einer Veranstaltung über sexuelle Gewalt und Wiedergutmachung empfangen. Jeder in Spanien kennt Nevenka Fernández. Der Name der heute 51-Jährigen steht für einen Wendepunkt in der spanischen Gesellschaft.
Lange vor „me too“ verklagte die Ökonomin und damalige Finanzbürgermeisterin 2001 ihren 24 Jahre älteren Chef, das allmächtige Stadtoberhaupt von Ponferrada, Ismael Álvarez, wegen sexueller Belästigung. Der einflussreiche Politiker der konservativen Partido Popular saß als Abgeordneter im spanischen Oberhaus. Zuvor hatte sie sich – psychisch völlig am Ende – eine Auszeit genommen und war nach Madrid gezogen.
Fernández bekam 2002 vor Gericht recht. Álvarez wurde zu neun Monaten Haft, einer Entschädigungszahlung von 12.000 Euro und einer Geldstrafe verurteilt. Die Gefängnisstrafe wurde zur Bewährung ausgesetzt, doch es war das Ende seiner politischen Karriere. Es war das erste Mal, dass ein spanischer Politiker wegen sexueller Belästigung verurteilt wurde.
Juristischer Sieg, soziale Niederlage
„Dass ich darüber gesprochen habe, hat mich gerettet“, erklärte die junge Frau nach dem Urteil, das sich schnell als Pyrrhussieg erweisen sollte. Denn der gerichtliche Erfolg war ihre soziale Niederlage. Ein Großteil der Bevölkerung der Kleinstadt drehte ihr den Rücken zu, feindete die couragierte Frau an. Der Fall spaltete eine ganze Region. Arbeit zu finden war für Fernández in Spanien fortan unmöglich. Sie musste gehen. Erst nach England, dann nach Irland, wo sie bis heute lebt.
Sie habe lange geglaubt, ihr Fall sei ein Problem am Arbeitsplatz und nichts weiter, berichtete Fernández am Wochenende auf der Veranstaltung. „Ich brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass das, was mir widerfahren ist, weit über mich hinausging“, erklärte sie. Es habe eine breite gesellschaftliche Dimension. „Das Schwierigste ist, den Mut zu haben, sich zu äußern, wenn einem das ganze Leben lang gesagt wurde, es sei besser zu schweigen und sich nicht einzumischen“, betonte sie. Und kam zum Schluss: „Es ist möglich, der Hölle zu entkommen.“
Nevenka Fernández
Zu Hause in Ponferrada war Fernández all die Jahre eine Unperson. Zwar wurde sie als Vorreiterin für Frauenrechte anerkannt, als die Rechten für vier Jahre, von 2019 bis 2023, das Rathaus verloren. Aber eine Wandmalerei zu ihren Ehren wurde mit Säure attackiert. Eine große Gedenktafel an einem Kreisverkehr mit der Aufschrift „Danke für deinen Mut“ wird bis heute immer wieder beschädigt. Als die bekannte Regisseurin Iciar Bollaín ihren Film „Ich bin Nevenka“ an den Originalschauplätzen drehen wollte, untersagte ihr die Stadtverwaltung der erneut regierenden PP dies. Von Konservativen kam am Samstag niemand zur Veranstaltung.
Seit 2022 gilt in Spanien: „Nur Ja heißt Ja“
„Es ist heute viel einfacher, über das Erlebte zu sprechen und verstanden zu werden, jemanden zu haben, der einen versteht und unterstützt“, betonte sie. Für viele wären eine Bewegung, die 2022 zum Gesetz „Nur Ja heißt Ja“ in Spanien geführt hat, ohne den Fall Nevenka in dieser Form nicht möglich gewesen.
Anzeigen seien dennoch für Frauen nach wie vor „extrem schwierig“, ist sich Fernández sicher, denn „Frauen werden immer noch infrage gestellt“. Klar habe sie „einen enormen Wandel erlebt“, aber das bedeutet nicht, „dass wir nicht weiterkämpfen müssen“.
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