Stichwahl in Kolumbien: Selbsternannter „Tiger“ macht das Rennen
In Kolumbien gewinnt der rechtsextreme Kandidat Abelardo de la Espriella die Stichwahl. Er schlägt zunächst versöhnlichere Töne an als im Wahlkampf.
Kolumbien rückt nach rechts: Mit hauchdünnem Vorsprung gewinnt der ultrarechte Kandidat Abelardo de la Espriella die Präsidentschaftsstichwahl gegen Iván Cepeda, den linken Kandidaten der Regierungspartei. Nach Auszählung von 99,9 Prozent der Stimmen kam de la Espriella auf rund 49,6 Prozent, sein linker Rivale Iván Cepeda auf 48,7 Prozent. So lautet das vorläufige Ergebnis der Wahlbehörde. Der Unterschied beträgt weniger als ein Prozent – oder nur rund 250.000 Stimmen.
Nach vier Jahren wird es demnach keine Fortsetzung der ersten linken Regierung Kolumbiens geben – und eins der wenigen linksregierten Länder in Südamerika wechselt wohl ins ultrarechte Extrem.
In seiner Heimatstadt Barranquilla feierte der 47-jährige Abelardo de la Espriella mit tausenden Anhänger*innen seinen Sieg. Der selbsternannte „Tiger“ trug wieder das Trikot der Nationalmannschaft und gab sich auf einmal versöhnlich. Der Anwalt und Geschäftsmann hatte sich im Wahlkampf durch brutale Rhetorik hervorgetan. Die Linke werde er „ausweiden“, hatte er mehrfach angekündigt. Medien, die die angebliche Erfolgsgeschichte seiner Unternehmen zerlegten oder kritisch durchleuchteten, wie er als Anwalt lukrativ die Narcos und Mörder vertreten hatte, die er nun zu verfolgen versprach, überzog er mit Rechtsklagen.
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Am Sonntag klang er auf einmal anders: „Es wird keine Vergeltungsmaßnahmen geben, es wird keine Verfolgungen geben. (…) Niemals werden Andersdenkende fürchten müssen.“ Er werde der Präsident aller Kolumbianer sein und der Verfassung absolut treu.
Widersprüchlicher Werdegang
„Die Zeit des Terrorismus, der Korruption und des Drogenhandels ist vorbei.“ Der Wiederaufbau des Vaterlands beginne jetzt. Kolumbien steckt in der schwersten Sicherheitskrise seit zehn Jahren – eines der Hauptthemen im Wahlkampf. De la Espriella verehrt US-Präsident Donald Trump, El Salvadors Diktator Nayib Bukele und Argentiniens libertären Präsidenten Javier Milei.
De la Espriella versprach im Wahlkampf Megagefängnisse, eine 90-tägige Militärkampagne gegen in Drogengeschäfte verwickelte Banden mit Unterstützung der USA und Israel. Außerdem will er die Wirtschaft deregulieren, den Staatsapparat um 40 Prozent zusammenstreichen.
Sein Werdegang ist widersprüchlich. Bis 2021 war er erklärter Atheist. Im Wahlkampf hatte er nun die Unterstützung der christlichen und vor allem evangelikalen Kirchen gewonnen. In Barranquilla dankte er Gott. Früher prahlte er damit, wie er Katzen in die Luft jagte. Im Wahlkampf mutierte er zum selbsternannten „Tiger“. Und er, der keinen Militärdienst absolvierte und die vergangenen Jahre im Ausland lebte, salutierte vom Wahlplakat und trat für die Bewegung „Verteidiger des Vaterlands“ an.
Neben der kolumbianischen und italienischen verfügt er über die US-Staatsbürgerschaft. Für letztere musste er den USA absolute Treue schwören – was laut Verfassungsrechtler*innen einen Loyalitätskonflikt mit dem Präsidentschaftsamt in Kolumbien bedeutet. US-Präsident Donald Trump hatte sich hinter de la Espriella gestellt. Sein Außenminister Marco Rubio gehörte neben Chiles rechtsextremem Präsidenten José Antonio Kast und der venezolanischen rechten Oppositionsführerin María Corina Machado zu den ersten Gratulanten nach der Wahl.
Ein geteiltes Land
Der Gegenkandidat und wohl Wahlverlierer Iván Cepeda ist Menschenrechtler, Philosoph und langjähriger Senator. Der 63-Jährige trat für die Regierungspartei Pacto Histórico von Präsident Gustavo Petro an – und stand für eine Fortsetzung von dessen Kurs.
Bei seinem Auftritt im Royal Center in Bogotá nach der Wahl klang Cepeda, als sei er bereits in der Opposition angekommen: „Wir werden nicht zulassen, dass es zu Rückschritten bei den sozialen Errungenschaften der vergangenen vier Jahre kommt“, versprach er seiner Anhängerschaft. Dazu gehörten mehr finanzielle Unterstützung für sozial Schwächere, weniger Armut und Arbeitslosigkeit. Der Sonntag zeige, dass die Linke eine „entscheidende Kraft“ im Land sei. In diesem geteilten Land wolle er sich für eine nationale Übereinkunft einsetzen.
Warten auf das offizielle Ergebnis
Petro und Cepeda betonten, dass das Ergebnis der Schnellauszählung weder offiziell noch bindend sei. Mit Wahlzeugen und Anwält*innen würde man 33.000 Wahltische anfechten, kündigte Cepeda an. „Wir werden das Ergebnis anerkennen, das die Auszählung ergibt“, versprach Cepeda.
Das offizielle Wahlergebnis (Escrutinio), für das alle Unterlagen noch einmal kontrolliert werden, wird in den kommenden Tagen erwartet. In der Vergangenheit unterschied sich das Ergebnis nur unwesentlich von dem der Schnellauszählung.
Die Stichwahl war in mehrerer Hinsicht historisch: Noch nie war der Abstand zwischen zwei Kandidaten so klein. Die Wahlbeteiligung erreichte mit 63,5 Prozent einen neuen Rekord. Die grobe Tendenz der ersten Runde blieb gleich – nur gewannen beide Kandidaten Wählerstimmen hinzu.
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