Social-Media-Verbot für Kinder: Begrenzt die Macht der Konzerne
Nicht Kinder sollten vor allem Social-Media-Kompetenz erlangen. Eher sollte den Digitalkonzernen Verantwortung für Kinderschutz abverlangt werden.
G erade hat sich der Deutsche Ethikrat gegen ein pauschales Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche ausgesprochen. Nicht, weil er soziale Medien für harmlos hielte. Im Gegenteil: Die Stellungnahme liest sich wie eine Schadensbilanz der digitalen Kindheit: Suchtmechanismen, Schlafprobleme, depressive Symptome, Cybermobbing, Grooming – alles da. Der Ethikrat argumentiert klug. Ein pauschales Verbot sei zu grob. Kinder seien unterschiedlich reif. Risiken hingen nicht nur an Plattformen, sondern an konkreten Funktionen. Wer soziale Medien verbiete, dränge Jugendliche womöglich in noch schwerer kontrollierbare Abhängigkeiten: Messenger-Gruppen, Gaming-Welten, KI-Chatbots. Außerdem gehe es nicht nur um Schutz, sondern auch um Teilhabe und Befähigung.
Das ist alles richtig. Und vielleicht gerade deshalb problematisch. Differenzierung kann aufklären. Sie kann aber auch blockieren. Man wägt Schutz gegen Teilhabe ab, Teilhabe gegen Befähigung, Befähigung gegen technische Umsetzbarkeit. Und am Ende bleibt das Kind mit dem Smartphone allein. Es sieht oft so aus, als ginge es um Freiheit oder Verbot. Medienkompetenz oder autoritäre Pädagogik. Digitale Teilhabe oder kulturpessimistisches Aussperren. Diese Gegenüberstellung klingt liberal. Aber das ist zu bequem. Es geht um Macht: um die Macht weniger Digitalkonzerne, die digitale Räume so bauen, dass Kinder möglichst lange bleiben und möglichst viele Daten zurücklassen, mit denen sich Geld verdienen lässt.
Man muss kein Freund von Verboten sein, um in diesem Fall zu sehen: Eine Gesellschaft sollte nicht alles zur Frage individueller Kompetenz erklären. Verbote sind nie die ganze Lösung, aber manchmal markieren sie eine gesellschaftliche Grenze. Sie sagen: Das wollen wir nicht. Wir wollen nicht, dass Digitalkonzerne die psychische Verwundbarkeit von Kindern zum Geschäftsmodell machen. Der Ethikrat hat recht: Ein Verbot allein reicht nicht. Daraus folgt aber nicht, dass ein Verbot falsch ist. Niemand würde sagen, weil Jugendliche heimlich an Alkohol kommen, solle man besser auf Altersgrenzen verzichten. Niemand würde sagen, weil Rauchverbote allein die Nikotinsucht nicht beseitigen, brauchten Kinder mehr Rauchkompetenz. Schutzmaßnahmen sind selten perfekt. Ihr Zweck besteht nicht darin, jede Umgehung auszuschließen, sondern darin, Normalität zu verändern.
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Medienkompetenz ist wichtig. Aber sie wird zur Ideologie, wenn sie den Eindruck erweckt, Kinder könnten sich gegen Systeme behaupten, die von hoch bezahlten Teams darauf optimiert werden, sie abhängig zu machen. Zwölfjährige sollen sich selbst steuern, während Plattformen genau daran arbeiten, diese Selbstkontrolle auszuschalten. Wer glaubt, Aufklärung allein reiche aus, unterschätzt nicht die Kinder – sondern unterschätzt die Industrie, die Kinder nicht vom Haken lässt. Man kann einwenden, dass viele Jugendliche Verbote ablehnen. Das stimmt. Über ihre Köpfe hinweg zu entscheiden, wäre tatsächlich problematisch. Aber wer genau hinhört, stellt auch bei jüngeren Menschen ein wachsendes Unbehagen fest. Viele wissen längst, dass ihnen soziale Medien nicht guttun. Sie spüren den Druck, ständig erreichbar zu sein, zu reagieren, zu vergleichen, sichtbar zu bleiben. Nur können sie sich diesem System kaum allein entziehen, solange es gesellschaftlich als normal gilt.
Grenzen nehmen nicht einfach Freiheit weg. Sie sind nicht automatisch Bevormundung. Sie können Freiheit sogar ermöglichen, indem sie den Rechtfertigungsdruck verschieben. Solange soziale Medien für Kinder und Jugendliche als normal gelten, steht jedes Kind unter Druck, das nicht mitmacht. Ein Kind muss erklären, warum es kein Smartphone hat. Während die Gesellschaft nicht erklären muss, warum sie Zwölfjährige in digitale Räume schickt, obwohl längst bekannt ist, wie sehr diese ihrer kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklung schaden können.
Macht der Digitalkonzerne scharf begrenzen
Bei einem Verbot darf es allerdings nicht bleiben. Der richtige Weg wäre, Kinder zu schützen – und die Macht der Digitalkonzerne endlich scharf zu begrenzen. Schluss mit Endlosscrollen, Autoplay, pausenlosen Push-Nachrichten, Empfehlungssystemen, die immer noch ein weiteres Video nachschieben. Profile von Kindern müssten standardmäßig privat sein, Daten dürften nicht gesammelt werden, nur weil sie sich monetarisieren lassen. Wer solche Regeln verletzt, müsste haften – so, dass es wirklich weh tut.
Man kann dem Ethikrat nicht vorwerfen, die Verantwortung der Konzerne nicht zu sehen. Er sagt ausdrücklich, dass die Anbieter und Geschäftsmodelle Teil des Problems sind. Er fordert, Plattformen in die Pflicht zu nehmen, schädliche Funktionen einzuschränken und den Digital Services Act wirksam durchzusetzen. Das ist gut. Es fehlt nur die letzte Konsequenz. Das eine tun, ohne das andere zu lassen – genau darum geht es. Kinder befähigen, ja, aber vor allem Konzerne begrenzen. Stattdessen wirkt es oft, als bitte die Politik die Digitalkonzerne höflich um Rücksicht. Als sei sie ein Kunde, der um bessere Nutzungsbedingungen ersucht ist – und nicht ein Gesetzgeber, der Geschäftsmodelle begrenzt, wenn sie Kindern und der Gesellschaft schaden.
Es geht nicht darum, Kinder aus der digitalen Welt auszuschließen, sondern darum, sie nicht in eine digitale Welt zu schicken, deren Regeln Konzerne schreiben. Befähigung ist wichtig – aber ohne Begrenzung der Marktmacht wird sie nicht funktionieren. Die Politik hätte genügend Hebel die Abschaltung Sucht fördernde Funktionen zu erzwingen. Stattdessen wird von Kindern erwartet, was die Politik nicht durchsetzen will – oder nicht durchzusetzen wagt. Deshalb greift die Empfehlung des Ethikrats zu kurz. Regeln können mehr Freiheit schaffen. Gerade gegen mächtige Digitalkonzerne. Differenzierung und Abwägung sind gut. Aber Gesellschaften lernen auch durch Grenzziehung – nicht durch Kapitulation vor der Macht von Konzernen. Manchmal beginnt Vernunft nicht mit der nächsten Unterscheidung, sondern mit einem klaren Satz: Wir nehmen das nicht länger hin.
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