piwik no script img

Die Eröffnung macht eine nervös zitternde E-Gitarre, dann kommen aufklatschende Beats dazu, als würde jemand mit einem Lederlappen auf einen Tisch schlagen. Ein tiefer Basssound lässt den Auftakt verstummen. Bis eine hohe, männliche Stimme einsetzt: „Kids, waving Flags“, lispelt sie und klingt dabei überaus melancholisch. Ein Chor wiederholt die drei Worte „Kids, waving Flags“, unterlegt von viel Hall.

Was einem in den Songs des Münchner Musikers Enik das Gefühl gibt, in einer Traumwelt unterwegs zu sein, ist der abrupte Wechsel der musikalischen Szenerien. Manchmal schleichen sich neue Soundelemente auch ganz behutsam in das Arrangement hinein und verändern die musikalischen Anmutungen fast unmerklich, auch das gelingt Enik wie im Traum.

Von Songs kann beim 46-jährigen Künstler übrigens kaum die Rede sein, es fehlen die üblichen Strukturen. Trotzdem sind die neun Stücke, die er auf seinem neuen Album „Rainbows Planecrashes“ veröffentlicht, sehr zugänglich. Man gleitet beim Hören in die Musik hinein, plötzlich, ungewollt ist man in einer anderen Welt und weiß nie, was gleich als Nächstes um die Ecke biegt oder als Bild aufploppt.

Enik, bürgerlich Dominik Schäfer, 1980 in Dachau geboren, veröffentlicht seit 2003 seine Musik, komponiert aber auch schon lange für Theater wie das Thalia in Hamburg, die Münchner Kammerspiele oder das Gorki in Berlin. Es ist anzunehmen, dass diese Auftragsarbeiten auch beeinflussen, wie er seine Popsongs arrangiert. Er selbst vergleicht im Gespräch mit der taz seine Vorgehensweise mit dem nächtlichen Kopfkino folgendermaßen:

„Ich finde die Energie, die einen Song komponiert, ist verwandt mit der, die einen Traum gestaltet. Im Traum würfelst du scheinbar wahllos Dinge zusammen, die dich beschäftigen oder die du gesehen hast, teilweise auch Belangloses, teilweise wahnsinnig wichtige Erlebnisse. Und die werden montiert zu einem neuen Ganzen. Nichts anderes passiert in der Kunst, wenn sie nicht nur unterhalten möchte, würde ich sagen.“

„Wenn sie nicht nur unterhalten möchte“ – die Betonung hier liegt auf „nur“. Eniks Musik bleibt im Düsteren, unterhaltsam ist sie aber immer. Darin erinnert seine Soundsignatur ein bisschen an die Filme des schwedischen Regisseurs Roy Andersson („Songs From The Second Floor“), aber auch an die musikalischen Welten von Radiohead.

Und schafft doch einen sehr eigenen Klangkosmos, ohne dabei zu großen Kunstwillen zu bemühen. Das liegt sicher daran, dass Enik inzwischen ein sehr erfahrener Komponist ist. Aber auch daran, dass er selbst nicht weiß, auf welche Reise er sich macht, wenn er seine Songs beginnt.

„So ein Song will immer was von einem. Es kann sein, dass er nach einem Tag schon sagt: Fass mich nicht mehr an! Und es kann sein, dass er irgendwie neun Monate lang von dir irgendwas will und du verstehst nicht, was. Manchmal singe ich auch intuitiv etwas ein, und es dauert Monate, bis ich verstehe, was ich da gesungen habe. Ich hinke meiner Kunst auch immer hinterher, sie ist schlauer als ich selbst.“

Auch Hö­re­r*in dieser Musik sollten darauf vertrauen, dass die Kunst schlauer ist als sie selbst. Worum es in Eniks Musik geht, ist meist schwer zu sagen, aber ein Besuch dieser musikalischen Räume macht große Freude. Auch Videoclips gibt es dazu. Mit dem Performancekünstler Julian „Shreddy“ Elbel hat Enik etwa den Song „My Billion Colors“ verfilmt, minimalistisch und ausufernd zugleich.

Enik: „Rainbow Planecrashes“ (Flip The Atom/Eigenvertrieb)

Elbel steht mit nacktem Oberkörper auf einem überwucherten Gleisbett, es passiert fast nichts, außer dass vor ihm unzählige Gegenstände vom Himmel regnen: Spielzeug, Blumen, Fotos, Fische … Durch die Musik zieht sich eine tastende Klaviermelodie, dann ufert sie kurz aus, erweitert um nervöse Beats und Bläser, um wieder innezuhalten.

Auch in anderen Songs schwingt die Musik hin und her zwischen äußerem Chaos und innerer Ruhe. Oder ist es das innere Chaos, das hier immer wieder querschießt? Vermutlich zieht Eniks Musik einen auch deshalb so in den Bann, weil sie funktioniert wie unser Gemüt in einer überfordernden Welt. Das Gemüt kann dabei seine Arbeit an die Sounds von Enik abgeben. So wie nachts, wenn wir träumen. Dirk Schneider

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 90 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen