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Erinnerung an Fatih SaraçoğluBis heute nichts

Der Regensburger Fatih Saraçoğlu wurde in Hanau von einem Rechtsextremisten ermordet. Angehörige und Freunde kämpfen für eine Stätte des Gedenkens.

Patrick Guyton

Aus Regensburg

Patrick Guyton

Sie sprechen lebhaft, manchmal erzählen sie von schönen, von heiteren Erlebnissen mit ihm. Manchmal lachen sie auch. Sie sitzen draußen in einem Restaurant am Rande der Regensburger Altstadt.

„Er war mein bester Freund“, sagt Derya Saraçoğlu, die später den älteren Bruder heiratete, also seine Schwägerin wurde. „Er war diszipliniert, ehrlich, humorvoll“, berichtet Magamod Yusupov, sein einstiger Boxtrainer bei der katholischen Jugendfürsorge.

Savas Göksu erinnert sich an Begegnungen im Jugendzentrum: „Ein cooler kleiner Junge mit Cap, immer freundlich.“ Yusuf Yesilova erzählt: „Mit sechs oder sieben Jahren haben wir uns kennengelernt. Mit dem Fahrrad sind wir in die Moschee gefahren, und wir haben viel Fußball gespielt.“ Und der ältere Bruder, Hayrettin Saraçoğlu, spricht von einem schönen Urlaub in İskilip in der Türkei, dem Heimatort der Eltern. „In einem alten, historischen Haus.“

Man meint, dass der, um den es hier geht, mit am Tisch sitzt – Fatih Saraçoğlu, ein Mann aus Regensburg, im April 1985 geboren. Doch er ist nicht da. Fatih wurde am 19. Februar 2020 ermordet, weil er türkische Wurzeln hatte, er wurde 34 Jahre alt. Ermordet in Hanau von dem Rassisten und Verschwörungsanhänger Tobias Rathjen. Bei dem rechtsterroristischen Attentat erschoss er neun Menschen mit migrantischen Wurzeln, ein Mann starb später an den Folgen seiner Verletzungen. Im Anschluss brachte Rathjen seine Mutter um und verübte Suizid.

Gegen das Schweigen

Bis jetzt, mehr als sechs Jahre danach, haben die Menschen in Regensburg, die Fatih nahe waren – und nicht nur die –, keinen Ort des Gedenkens, der Erinnerung, der Trauer. In Hanau gibt es den Platz des 19. Februar, ein Mahnmal ist in der hessischen Stadt beschlossen und in Arbeit. Auch für alle zehn Mordopfer des Nationalsozialisten Untergrunds (NSU) sind in deren Heimatstädten ständige Gedenkorte errichtet worden – Mahnmale, Tafeln, Steine. Plätze wurden nach ihnen benannt.

Nur in Regensburg gibt es nichts. Die Verwandten und Freunde sitzen am Schwanenplatz. Hier hat der Künstler Jonas Höschl eine „Intervention“ gegen das Schweigen in der Stadt gemacht in Zusammenarbeit mit dem Neuen Kunstverein. Gut zwei Monate lang bis Ende Mai wurde der Ort zum „Fatih-Saraçoğlu-Platz“.

Ein großes Schild mit dieser Aufschrift stand an der „Kunsthaltestelle“. Jede halbe Stunde lief das Gedicht „In der Sprache des Mörders“ vom Band. Verfasst hat es die Schwägerin Derya Saraçoğlu. Der Nürnberger Autor Mutlu Koçak hat sich schon viel für die Hanau-Hinterbliebenen und das Gedenken an die Opfer eingesetzt. Über die Aktion sagt er: „Fatih Saraçoğlu gehört zu Regensburg – nicht nur für diese Zeit, sondern für immer.“

Schon vor Jahren hatten sich der Bruder Hayrettin Saraçoğlu und seine Frau Derya an die Stadt Regensburg und die damalige Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer (SPD) gewandt.

Sie hat bereut

Wohlgemerkt: Sie sind auf die Stadt zugegangen, diese war von sich aus nie mit den Angehörigen in Kontakt getreten. Was dann geschehen oder eben nicht geschehen ist, lässt sich nicht mehr ganz genau herausarbeiten.

Die Familie sagt, Maltz-Schwarzfischer habe das erste Mal direkt mit ihr gesprochen, nachdem Derya Saraçoğlu in einer Rede auf einer Antirassismusveranstaltung im März 2025 die Stadt wegen des Nichtstuns massiv angegangen hatte. Ein Brief von der Stadt ist offenbar in den Mühlen der Verwaltung untergegangen.

So ungefähr erzählt das auch Daniel Gaittet von der Grünen-Stadtratsfraktion. Er traf den Bruder und die Schwägerin erstmals 2025. „Es ist ein guter Kontakt entstanden“, sagt er. Über die Stadtverwaltung meint er: „Ich glaube nicht, dass da böser Wille dahintersteckt. Hier trifft einfach berechtigte Emotion auf kalte Verwaltungskultur.“

Laut Derya Saraçoğlu habe die frühere Oberbürgermeisterin versprochen, sich um einiges zu kümmern. Die Rede sei gewesen von einer Grabsteinlegung, einer Ausstellung, einem Denkmal und der Benennung einer Straße nach Fatih Saraçoğlu. Von all dem gibt es bis heute nichts.

Wie entsetzlich dieser Mord ist

Gertrud Maltz-Schwarzfischer ist laut Pressestelle der Stadt derzeit verreist und nicht erreichbar. Zu der Kunstintervention jetzt im April und Mai kam sie. Derya Saraçoğlu sagt: „Sie hat bereut, dass nichts passiert ist. Und wünschte, dass sie viel früher Kontakt aufgenommen hätte.“

Fatih Saraçoğlu hatte Schweißer gelernt, zwei Jahre vor seiner Ermordung war er nach Frankfurt am Main gezogen. Dort wollte er sich als Schädlingsbekämpfer selbstständig machen. In Hanau, 30 Kilometer von Frankfurt entfernt, begleitete er einen Bekannten zu einer Bar, vor ihr wurde er auf offener Straße erschossen. Weil er wie ein Mensch mit Migrationswurzeln aussah.

Bei dem Gespräch mit den Angehörigen und Freunden bricht erst nach einer Weile auf, wie entsetzlich dieser Mord ist und wie unglaublich grausam auch die Folgen sind.

Hayrettin und Derya Saraçoğlu hatten einen Handel mit türkischen Spezialitäten, sie gingen auf Märkte, verkauften im Internet. Derya sagt: „Durch den Tod haben wir das aufgegeben.“ Sie hat den Shop eine Zeit lang weiterbetrieben, ihr Mann konnte nicht mehr. „Er hatte Wahnvorstellungen, ist nachts aufgestanden, um den Bruder zu suchen.“ Beide leiden an Depressionen.

Die CSU-Fraktion reagiert nicht

Das Paar hat sich getrennt. Derya Saraçoğlu meint: „Ich habe Fatih und meinen Mann verloren. Wir sind Freunde, aber kein Ehepaar mehr.“ Hayrettin Saraçoğlu ist Frührentner, er pflegt seinen schwer kranken bettlägerigen Vater. Sie macht gerade eine Umschulung zur Kauffrau und betreut die drei Kinder, diese sind 11, 16 und 18 Jahre alt. Und sie sagt: „Ich schäme mich dafür, glücklich sein zu dürfen.“

Kommt nun ein Denkmal, eine Straßenbenennung? Verwaltungen können langsam, aber auch sehr schnell sein. Der Grüne Gaittet ist der Ansicht: „Die Stadt muss sich um ein angemessenes Gedenken kümmern.“

Und zwar zusammen mit den Angehörigen. Der neue Oberbürgermeister, Thomas Burger (SPD), antwortet auf konkrete Fragen wolkig: „Die Tat in Hanau wird nicht vergessen.“ Gedenken habe es schon bei Veranstaltungen gegeben. SPD-Fraktionschef Alexander Irmisch schreibt: „Wir unterstützen die Idee, am früheren Wohnhaus von Fatih Saraçoğlu eine Erinnerungsplakette anzubringen.“ Zudem sollte an zentraler Stelle „ein Ort entstehen, der an die Opfer rassistischer und extremistischer Gewalt erinnert“. Die CSU-Fraktion hat auf eine Anfrage der taz nicht reagiert.

„Ich schreie, aber kein Ton kommt aus mir heraus, niemand hört mich.“ Das schreibt Derya Saraçoğlu in ihrem Gedicht. Sie sagt, sie verarbeitet damit viel. Auch zeichnet sie. So hat sie ein Porträt von Fatih Saraçoğlu gefertigt. Und nicht nur von ihm, sondern von allen neun Ermordeten.

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