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Forscher über Political Gender Gap„Junge Männer vertreten mehr autoritäre Einstellungen“

Junge Männer orientieren sich eher rechts, junge Frauen links. Das liegt auch an Männlichkeitsbildern, sagt Nico Mokros.

Interview von

Tomke Blohm

taz: Was ist der Political Gender Gap?

Nico Mokros: Das ist ein politischer Trend, der seit einigen Jahren beobachtet wird. Während junge Männer sich zunehmend konservativ bis rechts orientieren, wählen Frauen im gleichen Alter eher progressiv-links. Für unsere Forschung ist aber weniger das Wahlverhalten interessant, sondern vielmehr, dass junge Männer und Frauen im Vorfeld schon politisch sehr unterschiedlich eingestellt sind.

taz: Woran erkennt man das?

Mokros: Wir sehen zum Beispiel, dass junge Männer häufiger rechtsextreme, autoritäre, menschenfeindliche und antifeministische Einstellungen vertreten als junge Frauen.

Im Interview: Nico Mokros

34, ist Erziehungswissenschaftler und Psychologe. Er ist Co-Herausgeber der an der „Mitte-Studie“ am Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld und Lehrbeauftragter für „Demokratiegefährdende Entwicklungen im internationalen Kontext“ an der Akademie der Polizei Hamburg.

taz: Warum ist der Political Gender Gap bei jungen Menschen so stark ausgeprägt?

Mokros: Die Ursachen sind vielfältig. Viele junge Menschen reagieren empfindsamer auf Krisen als ältere. Das ist normal und entwicklungsbedingt – die meisten sind mitten in einer bedeutenden Phase ihrer politischen Sozialisation. Und gerade diese Altersspanne ist auch mit persönlichen Krisen, einer oft unsicheren Lebenssituation und vielen Zukunftsfragen behaftet. Man sucht noch den eigenen Platz in der Gesellschaft. Die zunehmende Dichte und Häufigkeit von Krisen kann besonders bei jungen Menschen mehr Unsicherheit und eine Art Ohnmacht hinterlassen, wenn etwa das Gefühl überwiegt, nicht viel dran ändern zu können. Wenn Menschen keinen Ausweg aus dieser negativen Gedankenspirale sehen, befürworten sie eher eine autoritäre Politik, die ihnen vermeintlich einfache Antworten auf die schwierigen Fragen unserer Zeit bietet. Oder zumindest eine Ideologie, an die sie glauben können.

taz: Was könnte verunsicherten, jungen Menschen helfen?

Mokros: Es wäre besser, wenn mehr Verständnis für die Zusammenhänge von Krisen geschaffen wird und auch über deren Gestaltbarkeit. Und es fehlen Vorbilder, die demokratische Werte vermitteln, die Ideen haben, wie und wo sich junge Menschen orientieren können, die ihnen mögliche Lösungen aufzeigen, wie sie aus dieser negativen Weltsicht herauskommen. Damit sie eben nicht extremistische Richtungen einschlagen, stellvertretende Schuldige suchen, Minderheiten abwerten und Gewalt befürworten – also versuchen, die innere und äußere Überforderung zu lösen und für sich wieder ein Gefühl von Macht und Kontrolle herzustellen.

Sowas wie starke Unzufriedenheit und Unsicherheit über die eigene Männlichkeit kann tatsächlich als sehr bedrohlich für die persönliche und soziale Identität empfunden werden

taz: Welche Rolle spielen die sozialen Medien?

Mokros: Wir müssen stark davon ausgehen, dass soziale Medien in den letzten Jahren zu einem wesentlichen Bestandteil von Radikalisierungsprozessen geworden sind. Geschlechtervorstellungen, Körperbilder, Krisenerzählungen sind eben besonders geeignet dafür. Und in dieser Hybridität vermischen sich dann schnell ideologische Fragmente und Deutungsmuster. Gerade extremistische Akteure machen sich das stark zunutze.

taz: Junge Männer neigen eher zu extremistischen Einstellungen. Haben auch Männlichkeitsbilder etwas damit zu tun?

Mokros: Unbedingt, das beobachten wir in der Forschung schon länger. Sowas wie starke Unzufriedenheit und Unsicherheit über die eigene Männlichkeit kann tatsächlich als sehr bedrohlich für die persönliche und soziale Identität empfunden werden. Vor allem, wenn die Männlichkeit als dem Ich unmittelbar eigen empfunden wird. Jeder Angriff darauf wird dann auch als Angriff auf einen selbst empfunden. Das Problem ist oft eine Art Überkompensation, die bei Männern entsteht, um einen halbwegs positiven Selbstwert wiederzubekommen.

Offene Diskussionsrunde

„Jung, politisch, gespalten? Warum junge Männer und Frauen zunehmend unterschiedlich wählen“ mit der Politikwissenschaftlerin Gefjon Off, 29. Juni, 18 Uhr, Willy-Brandt-Haus, Königstraße 21, Lübeck. Eintritt frei, Anmeldung erforderlich hier oder telefonisch unter 0451/122 425 0

taz: Was bräuchte es, um Männlichkeit neu zu definieren?

Mokros: Ich denke, es würde schon was ausmachen, Männlichkeit und Geschlecht anders zu denken, sowohl aus männlicher als auch aus weiblicher Sicht. Und sie weniger Identitätsbezogen zu verstehen – einfach stärker als eine Form von sozialer Praxis, die man verändern, von der man zurücktreten kann und die nicht essenziell zu einem gehört. Dadurch könnte eine vermeintliche Bedrohung nicht mehr so heftig empfunden werden.

taz: Welche vermeintliche Bedrohung?

Mokros: Gerade auf Social Media wird ja Gleichstellung, eine liberale Einstellung und Feminismus als Schuld an der vermeintlich schlechteren Position von Männern gesehen. Das ist genau die Gefahr. Vor allem, weil Feminismus gerade für die Reflexion von Männlichkeit viele wertvolle Ansätze bietet.

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