Fifa bei Fußball-WM: Menschenrechte und Demokratie – wen interessiert das noch?
Die Autokratisierung der Welt schreitet voran. Nicht einmal Sportwashing braucht es mehr. Denn der Sport steht nicht länger auf Seite der Demokratien.
Es ist nicht lange her, da galt im organisierten Sport und internationalen Fußball noch die Devise: Wer seine Geschäfte weiterbetreiben will, muss auch ein wenig Menschenrechtsengagement zeigen.
Im Vorfeld der WM in Katar hatte die Fifa dann den Menschenrechtsorganisationen den Auftrag zugewiesen, dem Austragungsland eine Unbedenklichkeitsbescheinigung auszustellen. Schließlich sei Katar in Sachen Reformen auf einem guten Weg, ein zu harter Umgang mit dem Land könnte die Fortschritte torpedieren.
Beim Schönreden der Verhältnisse in Katar profilierte sich insbesondere Sylvia Schenk, damals Sportexpertin von Transparency International. Als in Deutschland ein bisschen Boykottstimmung aufkam, ging Schenk die Nationalspieler heftig an. Diese hatten sich erdreistet, vor einem WM-Qualifikationsspiel mit T-Shirts aufzulaufen, auf denen „Human Rights“ geschrieben stand. Obwohl die Spieler auf einen direkten Bezug zu Katar verzichteten – für Schenk war bereits dieses oberflächliche Bekenntnis zu viel: „Es sollte doch wohl um die Migrantenarbeiter auf den Baustellen Katars gehen. Da gibt es keinen Grund für Protest.“
Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.
Verweise auf anhaltende Menschenrechtsverletzungen in Katar empfand Schenk als störend. Man solle sich „freimachen von Einzelfällen“.
Fifa-Bekenntnis zu Menschenrechten
Seit der Jahrtausendwende hatte sich unter Fußballfans und auch Sportjournalisten ein Interesse an Menschenrechtsfragen entwickelt. Die Fifa reagierte hierauf im Mai 2017 mit einem sogenannten „Bekenntnis der Fifa zu den Menschenrechten“. Darin bekannte sie sich zur Einhaltung der Menschenrechte gemäß der UN-Charta sowie gemäß der Erklärung internationaler Arbeitsorganisationen. Unter anderem hieß es in der Erklärung: „Die Fifa ist bestrebt, innerhalb der Organisation und bei all ihren Tätigkeiten ein diskriminierungsfreies Umfeld zu schaffen.“
Doch zwischen der Entscheidung pro Katar und der Fifa-Erklärung gab es gar keinen Widerspruch. Denn das „Menschenrechtsbekenntnis“ der Fifa hatte eine entscheidende Einschränkung. Die Fifa sei nämlich nur bestrebt, negative Auswirkungen auf die Menschenrechte, „die über ihre Geschäftsbeziehungen einen direkten Bezug zu ihren Tätigkeiten, Produkten oder Dienstleistungen haben, zu vermeiden oder einzudämmen“, heißt es in der Erklärung.
Das bedeutete, Grundrechtsverletzungen interessieren die Fifa nur dann, wenn sie im direkten Kontext mit der WM stehen. Sklavenähnliche Arbeitsbedingungen sind also nur dann relevant, wenn sie an WM-Baustellen herrschen. Die Verfolgung von Schwulen und Lesben ist nur relevant, sofern sie den Gästen des WM-Turniers zustößt.
Mit anderen Worten: Die Fifa verlangt eine Art Vier-Wochen-Demokratie für internationale Gäste des Turniers. Das ist eine Grundlage, auf der sie mit jeder Diktatur ins Geschäft kommen kann, solange diese zu kleineren Kompromissen im Vorfeld und während der Veranstaltung bereit ist. Das gelang bei den Olympischen Sommerspielen 1936 sogar den Nazis.
Doch 2026 ist nicht 2022
Vor dem Anpfiff der WM in den USA klang Sylvia Schenk dann ganz anders als noch 2022 – nämlich deutlich kritischer. Fifa-Boss Infantino verhalte sich unterwürfig und vom DFB und seinem Präsidenten käme da leider gar nichts. Es schade dem DFB auf Dauer, zu den heiklen Themen nur zu schweigen. Zuvor hatte Schenk bereits das Abstimmungsverhalten des DFB bei der Vergabe der WM 2034 nach Saudi-Arabien scharf kritisiert.
Was war passiert? 2026 ist nicht 2022. Die Autokratisierung der Welt ist weiter fortgeschritten. In Deutschland ist die feministische Außenpolitik von Annalena Baerbock Geschichte. Angesagt ist Pragmatismus pur. Menschenrechte dürfen nicht wirtschaftlichen Interessen schaden.
Und der DFB? Der Verband akzeptiert die Infantino-Monarchie und möchte mal wieder eine WM ausrichten. Olympia will Deutschland auch noch veranstalten, da ist Zurückhaltung angesagt. Dass nicht Deutschland, sondern Brasilien den Zuschlag für die WM der Frauen 2027 erhielt, verstand man in der DFB-Zentrale als Strafe für das „ungebührliche Benehmen“ in Katar – gemeint ist die „Hand-vor-dem-Mund“-Geste der Nationalelf vor dem ersten WM-Auftritt gegen Japan.
Der moderne Ablasshandel ist Vergangenheit. Im Falle von Donald Trump funktioniert ein solcher ohnehin nicht. Trump und Co geht es nicht um Sportwashing. Die US-Regierung hat kein Interesse daran, ihre Politik in einem milderen Licht erscheinen zu lassen. Und wozu überhaupt noch Sportwashing, wenn fast 70 Prozent der Staaten autokratisch regiert werden? Für einige Sportpolitikerinnen und Sportpolitiker, die in der Vergangenheit zu vermitteln versuchten oder sich am Sportwashing beteiligten, bedeutet dies: Sie haben bei der Fifa ausgedient.
Ölkonzerne, Friedenspreise, Trump-Versteher
2024 schloss die Fifa einen Sponsorendeal mit dem staatlichen saudischen Ölkonzern Aramco. Über hundert Profifußballerinnen verfassten ein Protestschreiben an den Verband und nannten den Deal einen „Mittelfinger gegen den Frauenfußball“. Der Konzern trage eine eklatante Mitverantwortung für die Klimakrise und gehöre einem Staat, der LGBTQ+-Personen kriminalisiere und Frauen systematisch unterdrücke. Eine Koalition aus zehn Menschenrechts- und Klimaorganisationen äußerte ebenfalls scharfe Kritik. Doch die Fifa juckte dies nicht.
Natürlich war die Verleihung des Fifa-„Friedenspreises“ an Donald Trump eine Veranstaltung zum Fremdschämen. Ausschließlich belächeln sollte mensch Infantinos Aktion trotzdem nicht. Denn sie war ein Angriff auf die Entscheidung des norwegischen Nobelpreiskomitees, den Friedensnobelpreis nicht an Trump zu vergeben.
Die Fifa beziehungsweise Infantino sind bei Trumps „Board of Peace“ (Friedensrat) dabei, eine private Parallelorganisation des Präsidenten zu den Vereinten Nationen, mit der er deren Autorität untergraben will. DFB-Präsidenten Bernd Neuendorf fand die Verleihung des Fifa-„Friedenpreises“ ganz in Ordnung. Lise Klaveness, Präsidentin des norwegischen Fußballverbandes, sah dies anders: Die Fifa habe durch politische Nähe und die Vergabe von Auszeichnungen gegen die eigenen Neutralitätsregeln verstoßen.
Allerdings sei Neutralität längst zu „einer Art Allzweckwaffe der großen internationalen Sportverbände“ mutiert, „um die Unterstützung durch autokratische Regime und das Sponsoring von multinationalen Großkonzernen sicherzustellen“, schreiben die Wissenschaftler Jan Busse und René Wildangel.
Der DFB-Führung scheint der größere politische Kontext entgangen sein. Und zwar, dass der Sportkomplex mittlerweile eine politische Supermacht ist, die „eindeutig nicht auf Seiten der Demokratie steht“, wie der Politikwissenschaftler Claus Leggewie richtig konstatiert.
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