piwik no script img

Kita-Forscherin über Chancengleichheit„Leistungsunterschiede wird es immer geben“

Kitas könnten ungleiche Startchancen abfedern. Susanne Kuger vom Deutschen Jugendinstitut sagt, was es dazu bräuchte – und welche Rolle die Eltern spielen.

Ralf Pauli

Interview von

Ralf Pauli

taz: Frau Kuger, der nationale Bildungsbericht hat jüngst noch mal das Kernproblem des deutschen Bildungssystems aufgezeigt: Soziale Ungleichheiten entstehen sehr früh – und werden auch nach dem Schuleintritt nicht kleiner. Warum gelingt es nicht, die anhaltende Chancenungleichheit in den Griff zu kriegen?

Susanne Kuger: Die Unterstützung, die Kinder in ihren Familien erhalten, ist sehr unterschiedlich. Das zeigt sich schon sehr früh, je nachdem, wie Eltern ihr Kind anregen und fördern. Für das weitere Lernen ist das essenziell. Man darf aber nicht vergessen, dass die Unterschiede weiter bestehen bleiben, wenn die Kinder einmal zur Schule gehen. Dann hat das eine Grundschulkind vielleicht mehrere Hobbys, geht viel in Bibliotheken und liest gerne, ein anderes hingegen nicht. So gesehen kann man den nationalen Bildungsbericht auch anders deuten: nämlich, dass es Schulen gelingt, die Ungleichheiten nicht noch größer werden zu lassen.

taz: Klingt jetzt nicht unbedingt nach einem Erfolg …

Im Interview: Susanne Kuger

50 Jahre, ist seit 2023 Forschungsdirektorin am Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München. Zudem ist sie Professorin für Empirische Sozial- und Bildungsforschung im Kindes- und Jugendalter an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Kuger ist eine von acht verantwortlichen Au­to­r:in­nen des jüngst erschienenen nationalen Bildungsberichts 2026.

Kuger: Wir müssen realistisch sein: Leistungsunterschiede wird es immer geben und sie sind erst einmal nicht schlimm. Erst wenn daraus unverschuldete Nachteile entstehen, werden sie ungerecht. Ein Mindestmaß an Möglichkeiten mitzugeben, sollte daher unser klarer Auftrag an das Bildungssystem sein. Allein aus dem Grund, weil wir damit Menschen befähigen, in unserer Gesellschaft selbstbestimmt agieren zu können. Das ist für mich eine Frage der Chancengerechtigkeit.

taz: Ein Grund für die anhaltende Chancenungleichheit ist auch der ungleiche Zugang zu früher Bildung. Belastete Familien erhalten deutlich seltener einen Kitaplatz. Die Kinder, die besonders stark von der Betreuung profitieren könnten, bleiben also außen vor. Was muss geschehen, um diese strukturelle Benachteiligung in den Griff zu kriegen?

Kuger: Wenn man gezielt die Ungleichheiten beseitigen möchte, dann müsste diesen Kindern möglichst schnell Unterstützung und eben auch ein Kitaplatz angeboten werden. Kommunen könnten beispielsweise die Eltern sehr früh anschreiben und mitteilen: Die Kita ist wichtig für die Entwicklung Ihres Kindes, hier sehen Sie, wie Sie an einen Platz kommen. Es gibt Studien, die zeigen, dass allein das Informieren von Eltern zu einer deutlich höheren Beteiligungsquote führt – und im Übrigen auch zu einer höheren Erwerbstätigkeit bei den Eltern. Das ist für die Kinder doppelt gut: Sie profitieren vom Kitabesuch und wachsen in einem Haushalt mit höherem Einkommen auf.

taz: Manche Städte wie Bremen versuchen, belastete Familien von der Schwangerschaft bis zum Schuleintritt des Kindes systematisch zu fördern, und erzielen damit beachtliche Erfolge. So einen gezielten Ansatz verfolgen aber die wenigsten Kommunen.

Kuger: Ein Hauptproblem sind aus meiner Sicht hier die Zuständigkeiten. Um junge Eltern kümmert sich vorrangig das Gesundheitssystem; Soziales und die Kinder- und Jugendhilfe bieten ebenfalls Unterstützungen, aber sind noch zu selten gut verzahnt. Die frühen Hilfen sind als solches übergreifendes System gedacht. Sie unterstützen bestimmte Familien, agieren aber noch zu häufig aus der Logik des Gesundheitssystems. Da geht es in erster Linie um Kindeswohl und Prävention, also Fragen der richtigen Ernährung oder notwendiger Impfungen. Der Bildungsaspekt fehlt da derzeit. Idealerweise wäre das miteinander verknüpft. Dann könnte ein Auftrag der frühen Hilfen auch lauten, bei der Suche nach einem Kitaplatz zu helfen.

taz: Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) hat wiederholt auch die Eltern in die Pflicht genommen. Nach dem Motto: Wenn Mütter und Väter zu Hause nicht mit dem Kind lesen, wird es der Staat allein nicht richten können. Wie sehen Sie das?

Kuger: Einige Eltern versuchen sehr früh und sehr intensiv, ihrem Kind etwas mitzugeben. Sie haben das Wissen und die notwendigen Ressourcen dazu. Allerdings wird es nicht gelingen können, alle Eltern dazu zu bringen, ihre Kinder optimal zu fördern. Hier einen Mindestausgleich zu erreichen, sollte aber unser Anspruch sein. Wir wissen aus der Forschung, dass Familien sehr unterschiedliche Erwartungen an Bildungseinrichtungen haben. In manchen Elternhäusern ist verbreitet: Das mit Bildung kommt dann in der Schule. Das hängt zum Beispiel bei zugewanderten Familien mit dem Schulsystem und der Kultur aus dem Herkunftsland zusammen. Schule in Deutschland baut aber darauf, dass die Eltern vorher schon und auch währenddessen viel Bildungsarbeit selbst übernehmen. Da gibt es ein Missverständnis, das wir ansprechen müssen.

taz: Eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft zeigt, dass in ärmeren Stadtteilen oft deutlich weniger Kitaplätze angeboten werden. Karin Prien hat hierzu nun vorgeschlagen, einen Teil der Bundesgelder für den Kitaausbau in solchen Vierteln zu reservieren und sozial benachteiligte Kitas mit zusätzlichen Ressourcen auszustatten. Wäre es damit getan?

Kuger: Die Grundvoraussetzung ist, dass es ausreichend Plätze gibt. Im zweiten Schritt müssen Eltern überzeugt sein, dass ein Kitabesuch über mehrere Jahre für ihr Kind gut ist. Wir beobachten auch, dass sich da in den letzten Jahren einiges bewegt hat. Familien mit Migrationshintergrund beispielsweise suchen heute viel häufiger nach einem frühen Kitaplatz als noch vor acht Jahren. Sie finden aber noch nicht ausreichend Plätze. Kitas mit mehr Kindern mit erhöhtem Unterstützungsbedarf besonders gut auszustatten, ist unabhängig davon sinnvoll.

taz: Der nationale Bildungsbericht legt den Ländern nahe, sich endlich auf bundesweit einheitliche Qualitätsstandards an Kitas zu verständigen, etwa bei Sprachtests von Vierjährigen, von denen sich die Ministerien so viel erhoffen. Warum ist das wichtig?

Kuger: Bei der Sprachförderung sehen wir, dass es noch nicht überall gute diagnostische Verfahren gibt. Zusätzlich muss jede Fachkraft wissen, wie sie ein Kind mit diesem oder jenem Testergebnis bestmöglich fördern kann. Da fehlen tatsächlich einheitliche Regeln. Es gibt aber ein noch ganz anderes Problem bei der Frage nach Standards: Bis heute haben wir als Gesellschaft nicht definiert, womit ein Kind ausgestattet sein sollte, wenn es eingeschult wird. Sprachkenntnisse, okay. Aber welche genau? Und wie sieht es mit Selbstregulation oder Motorik aus? Mit künstlerischer Bildung oder Teamfähigkeit? An Kitas geht es den Fachkräften ja nicht darum, nur auf die Schule vorzubereiten.

taz: Können Kitas ihrem Bildungsauftrag überhaupt gerecht werden? Viele Fachkräfte berichten von einem stressigen Arbeitsalltag, auch wegen fehlenden Personals und steigender Dokumentationspflichten.

Kuger: In der aktuellen Situation nicht mehr überall. Über all die Jahre, in denen Kitaplätze massiv aufgebaut wurden, ist das System an oder über seine Grenze gegangen. Wenn heute 40 Prozent der Eltern von wiederkehrenden Kita-Schließungen berichten, zeigt das, wie sehr die Kitas mit dem Rücken zur Wand stehen. Das System ist ja schon länger von Personalmangel und Springersystemen geprägt. Gute Bildung ist unter diesen Gegebenheiten nur schwer möglich.

taz: Jetzt böte sich den Ländern eine einmalige Gelegenheit. Durch den drastischen Geburtenrückgang wäre mit dem gleichen Personal eine bessere Betreuung möglich, vor allem im Osten. Dort will aber niemand in einen besseren Betreuungsschlüssel investieren. So wird nun Personal abgebaut, teils schließen ganze Kitas.

Kuger: Natürlich wäre es ideal, das Personal im System zu belassen und so die Qualität der Kitas zu verbessern. Auf diese Strategie weisen wir schon seit einigen Jahren hin. Die Kommunen sind gut beraten, wenn sie das Personal jetzt nicht ganz abbauen, sondern an anderer Stelle nutzen – beispielsweise im Ganztag. Dann könnte man es gegebenenfalls zurückholen, wenn wieder Plätze gebraucht werden.

taz: Ihr Kollege Kai Maaz hat Bund, Länder und Kommunen aufgefordert, Bildung endlich als zentrale Zukunftsinvestition zu begreifen. Aktuell entsteht jedoch ein ganz anderer Eindruck, wie die Debatten um Bafög und die Kürzungen im Sozialbereich zeigen.

Kuger: Die Belange von Kindern und Jugendlichen haben leider zu wenig Lobby in diesem Land, auch nicht nach den Erfahrungen der Coronapandemie. Dazu kommt, dass die Bildungspolitik vom gleichen Problem getrieben ist wie die Klimapolitik: Die Folgen sieht man erst in zehn bis 15 Jahren und nicht schon vor der nächsten Wahl. Natürlich haben wir heute andere Probleme in Deutschland als noch vor zehn Jahren. Das sollte uns aber nicht daran hindern, weiter nach kreativen Lösungen zu suchen, um damit an der Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft auch im Sozialen und in der Bildung zu arbeiten.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 130 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare