Historiker über NSDAP-Karteien: „Besser spät als gar nicht“
War Opa ein Nazi? Hunderttausende recherchieren das in Onlineangeboten von Zeit und Spiegel. Historiker Johannes Spohr warnt vor rechter Vereinnahmung.
taz: Herr Spohr, im März hat das Nationalarchiv der USA die NSDAP-Mitgliedskarteien ins Netz gestellt. Zeit und Spiegel haben sie mit KI leicht durchsuchbar gemacht. Sie selbst bieten Familienrecherchen an. Macht Sie das jetzt arbeitslos?
Johannes Spohr: Nein, erst mal ist es die Vergesellschaftung eines bestimmten Wissens über die Mehrzahl der Mitglieder der Partei. Das ist aber nur einer von diversen relevanten Beständen. Und es gibt viele Archive, in denen sich recherchieren lässt. Als Historiker mache ich zudem mehr, als nur Material zusammenzusuchen. Die Erwartungen an Historiker sind oft, eindeutige, klare Antworten zu geben. Sie geben aber nicht einfach nur Fakten wieder, sondern interpretieren und kontextualisieren sie. Und setzen sie in Bezug zur Gegenwart. Historiker schreckt die Komplexität nicht, sondern sie schöpfen aus ihr, und sie sammeln Erfahrungen mit der Recherche und dem Erzählen. Familiengeschichten sind in der Regel auch heute nicht mit wenigen Klicks klärbar.
taz: Hat Sie das enorme Interesse an der Onlinesuche überrascht?
Spohr: Nein, das Interesse an Familiengeschichten im NS ist in den vergangenen Jahren – am Übergang vom sozialen zum kulturellen Gedächtnis – schon stark gestiegen, auch wenn es sich noch um eine Minderheit in der deutschen Gesellschaft handelt. Es gibt viele Publikationen dazu, künstlerische Beiträge, Wortmeldungen auf Social Media, Artikel und so weiter. In diesem Fall kommt jetzt noch dazu, dass man vermeintlich anonym recherchieren kann. Aber auch das ist anders als häufig suggeriert mit Aufwand, Datenspuren und teils Kosten verbunden. Aber für Menschen, die die Archive eher abschrecken, ist so eine Onlinesuche natürlich verlockend. Das große Interesse verweist aber auch auf Defizite in unserer so oft gerühmten Aufarbeitung – zumindest, wenn es konkret wird.
taz: Wie meinen Sie das?
Spohr: Wenn alle Bescheid wüssten über ihre Vorfahren und wer in der NSDAP oder der SS gewesen ist, wäre das Ganze überhaupt nicht interessant. Dann gäbe es diese Recherche-Tools der großen Medienhäuser auch nicht. Es ist ja alles nicht neu, was sich da herausfinden lässt. Diese Informationen konnte man auch bisher mit einer einfachen Abfrage per E-Mail in Archiven bekommen. Die Zeit hat getitelt: „Jetzt liegen alle Fakten offen.“ Der Spiegel hat getitelt: „Finden Sie heraus, was Ihre Vorfahren im Nationalsozialismus getan haben.“ Und dann stößt man vor allem auf die Karteikarten, und da steht das gar nicht drauf oder man bekommt nur eine vage Auskunft über die eventuelle SS-Mitgliedschaft.
taz: Bei einem Treffer bekommt man eine Kopie des Karteieintrags angezeigt. Was erfährt man da?
Spohr: Weil nicht alle Karteikarten erhalten sind und längst nicht alle in den Onlinetools auch auftauchen, erfährt man nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, ob jemand NSDAP-Mitglied war. Das heißt, die Person ist damals zur Ortsgruppe gegangen und hat einen Antrag ausgefüllt. Der Ortsgruppenleiter hat den befürwortet und die Person ist so zum Mitträger des Systems geworden. Auch Wohnort und Eintrittsdatum sind interessant. Ein Eintritt vor 1933 oder gar vor 1930, vor den ersten Wahlerfolgen, lässt eher eine ausgeprägte nationalsozialistische Gesinnung vermuten. Personen waren aber teils an schweren NS-Verbrechen beteiligt, ohne NSDAP-Mitglied gewesen zu sein. Man sollte die eigene Fragestellung deshalb nicht darauf beschränken, was sich jetzt online finden lässt.
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taz: Was würden Sie als zweiten Schritt empfehlen?
Spohr: Noch als Allererstes würde ich empfehlen, bei den National Archives selber zu suchen. In diesen Tools von Spiegel und Zeit wurden Einschränkungen gemacht: Da fehlen teilweise die Bilder. Die ganz späten Geburtsjahrgänge sind nicht dabei. Die Auswertung mit KI ist bisher unzuverlässig. Deshalb würde ich immer empfehlen, in den Archiven selber zu suchen. Die haben das mit hohem Aufwand bereitgestellt – das muss man auch anerkennen.
taz: Was kann man noch tun?
Spohr: Man kann diese Dinge natürlich nach wie vor im Bundesarchiv herausfinden, wo man mit einer einfachen Abfrage auch weiterführende Informationen zu Diensten in der Wehrmacht, der SS oder SA finden kann. Auch die Entnazifierungsakten in den Landesarchiven können interessant sein, wobei die Akten sehr kritisch gelesen werden müssen. Die Menschen hatten ja das Ziel, sich zu entlasten.
taz: Gibt es Hinweise darauf, dass von rechts auch mit Stolz die NS-Vergangenheit der Vorfahren recherchiert wird?
Spohr: Umfragen wie die Memo-Studie zeigen, dass viele Menschen ihre Vorfahren eher unter den Opfern verorten. Also dass sie den normativen Wunsch haben, sie zu dieser Gruppe zu zählen. Die Frage ist: Kippt auch das jetzt? Wird NS-Täterschaft im Zuge des grassierenden Geschichtsrevisionismus enttabuisiert? Und da gibt es einige Hinweise. Grundsätzlich ist der NS für Rechte bislang erst mal ein Problem, mit dem man auf die eine oder andere Weise umgehen muss.
taz: Und zwar?
Spohr: Alice Weidel hat zu ihrem Großvater Hans Weidel, der Mitglied der SS sowie Militärrichter im besetzten Warschau gewesen war, gesagt, das habe sie nicht gewusst. Dann gibt es die Einlassungen von Alexander Gauland, Maximilian Krah und anderen, die „Stolz“ auf die eigenen Vorfahren oder einen „Schlussstrich“ einfordern. Und dann gibt es da zum Beispiel Rüdiger Lucassen, den jetzt ehemaligen verteidigungspolitischen Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, der immer wieder mit seinem Vater Hans Lucassen hausieren geht, der im Zweiten Weltkrieg als Fallschirmspringer auf Kreta eingesetzt war. Lucassen erzählt mit einem gewissen Stolz davon und sagt auch: „Ich empfehle jedem jungen Deutschen, sich mit seinen Vorfahren auseinanderzusetzen. Es gibt viel zu entdecken.“ Kommentare wie: „Ich habe meinen Opa in der Kartei gefunden, und das ist auch gut so“ lese ich in den sozialen Medien gerade viele.
taz: Sehen Sie die Erinnerungskultur insgesamt unter Druck?
Spohr: Ich finde es ganz schwierig, von der Erinnerungskultur zu sprechen. Was ist damit gemeint? Sind das Regierungsreden? Oder sind das auch die kleinen Initiativen vor Ort mit ihren Gedenkstätten? Da leisten ja viele Aktive eine ganz wichtige Arbeit, und die ist momentan stark unter Druck. Da werden Mittel gestrichen, und immer wieder werden kleine Anfragen der AfD gestartet, um Gedenkorten zu schaden. Es wird sich zeigen, was uns da noch bevorsteht.
taz: Dass viele Zeitgenossen nicht mehr leben, macht das Erinnern nicht leichter …
Spohr: Harald Welzer spricht deshalb von „kalter Geschichte“. Das entspricht aber nicht meiner Erfahrung. Viele beschäftigt das bis heute stark – selbst wenn die Vorfahren bereits verstorben sind. Dass man sich 80 Jahre nicht kritisch mit der eigenen Familiengeschichte beschäftigt hat, ist kein Grund, es jetzt nicht zu tun – lieber spät als gar nicht. Der Blick auf „einfache“ Täter im eigenen sozialen Nahbereich fehlt bisher meist. Darin liegt jetzt vielleicht auch eine Chance, dass die Auseinandersetzung dazu führt, dass die einzelnen NS-Täter, Mittäter und Profiteure benannt und nicht mehr als anonyme Masse oder eben „die anderen“ wahrgenommen werden.
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