piwik no script img

Rekordhitze in ItalienDer Fluch der Klimaanlage

Von Venedig bis Rom herrscht in Italiens Großstädten die höchste Hitzealarmstufe Rot. Doch Hitzepläne aufzustellen, ist Sache der Kommunen.

Eintönig ist das Wetter gegenwärtig in Rom. Schon seit Tagen klettert das Thermometer mittags auf 36 Grad im Schatten – und noch auf Tage hinaus, mindestens bis Ende Juni, soll es so bleiben, soll gar am Sonntag und Montag eine Spitze von 39 Grad erreicht werden.

Wirkliche Abkühlung bringen auch die Nächte nicht, selbst um vier Uhr morgens werden noch 24 Grad gemessen. Mit solchen Werten steht Rom keineswegs allein da; noch härter schlägt die Hitzewelle gegenwärtig in der norditalienischen Poebene, in Bologna oder Mailand, zu. In Florenz wiederum dürfte in den nächsten Tagen auch die 40-Grad-Marke geknackt werden. Und in Süditalien wüten erste Waldbrände.

Die Regierung rief daraufhin die höchste Hitzealarmstufe Rot für 16 Großstädte Nord- und Mittelitaliens aus, von Turin über Venedig, Mailand und Bologna bis nach Rom. Es war nicht das erste Mal in diesem Jahr. Statt Taten hat das Gesundheitsministerium allerdings vor allem warme Worte für die Bürger*innen. So gibt es etwa die Anregung, man solle sich am besten in den heißesten Stunden, von 11 bis 18 Uhr, nicht in der Sonne aufhalten. Stattdessen solle man in der eigenen Wohnung den kühlsten Raum aufsuchen. Und selbstverständlich solle man sich leicht und luftig kleiden, am besten Baumwolle oder Leinen, am besten in hellen Farben.

Hitzepläne sind Sache der Kommunen

Ein Blick aus dem Fenster zeigt, dass sich an diese Maßgabe sowieso alle halten: Wirklich niemand unter den wenigen, die sich mittags vor die Tür wagen, ist in Winterjacke oder auch nur im Hoodie unterwegs. „Viel Wasser trinken“ ist ein weiterer, gut gemeinter Ratschlag – ebenso wie der, doch auf schwere Kost wie Lammbraten zugunsten von reichlich Obst und Gemüse zu verzichten.

Ein bisschen was tut der Staat aber auch praktisch. So haben zahlreiche Regionen vom Piemont im Norden über die Toskana und das Latium in Mittelitalien zu Apulien und Kalabrien im Süden für die Landwirtschaft und den Bausektor Arbeitsverbote verfügt. Bei großer Hitze ist in diesen Branchen jede Tätigkeit im Freien von 12.30 Uhr bis 16 Uhr einzustellen. Die Regierung in Rom unterstützt diese Maßnahmen, indem sie die Kurzarbeitskasse zum Lohnausgleich für die so ausfallenden Arbeitsstunden öffnete.

Ansonsten sind „Hitzepläne“ Sache der Kommunen – und die reagieren sehr unterschiedlich. Die Stadt Rom hat als konkrete Maßnahme vor allem für alle über 70-Jährigen fünf Gratistickets in diversen Schwimmbädern der Stadt zu bieten; außerdem gibt es eine Notfallnummer für alte Leute.

Hitzevorsorge trifft man privat

Eine Notfallnummer hat auch Turin – bietet aber ansonsten einiges mehr. So sind quer über die Stadtviertel insgesamt 19 „klimatisierte Zentren“ geöffnet, in denen hitzegeschädigte Bür­ge­r*in­nen in den Nachmittagsstunden zwischen 14.30 Uhr und 19 Uhr durchatmen können. Außerdem werden quer übers Stadtgebiet auf den Straßen Stände aufgebaut, an denen Ärz­t*in­nen der Kundschaft den Blutdruck messen und im Gespräch kritische Situationen herauszufinden suchen.

Vorsorge aber treffen die Menschen in Italien vor allem privat. Eine Erhebung der ärztlichen Vereinigung für Umweltmedizin ergab, dass mittlerweile rund 60 Prozent der 26 Millionen Wohnungen im Land klimatisiert sind, und dass sich diese Zahl allein in den Jahren seit 2013 verdoppelt hat. Über die „aria condizionata“, die Klimaanlage, verfügen in Italien standardmäßig auch so gut wie alle Büros und Ladengeschäfte ebenso wie die öffentlichen Verkehrsmittel, in denen gerne auch schon mal Kühlschranktemperaturen herrschen.

Kaum jedoch wird debattiert, wie zweischneidig diese Antwort ist – und das nicht bloß, weil sie wie zum Beispiel in Turin wegen Überlastung des Netzes immer wieder für Stromausfälle sorgt. Entscheidender wohl – und kaum angesprochen – ist der Punkt, dass die Klimaanlagen dafür sorgen, dass es drinnen angenehm frisch ist, dass ihre reichliche Nutzung per Abwärme und steigendem Energieverbrauch jedoch zur weiteren Erhitzung der Städte und damit direkt zur Klimakrise beiträgt.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 130 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

0 Kommentare