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Debatte um OrganspendenSchweigende Zustimmung oder aktives Ja

In Deutschland werden zu wenige Organe gespendet. Der Bundestag rang in einer emotionalen Debatte erneut um die sogenannte Widerspruchsregelung.

Pascal Maier

Aus Berlin

Pascal Maier

Als ein sehr naher Mensch bei einem Fahrradunfall verstarb, sei sie mit 15 Jahren zum ersten Mal mit dem Thema Organspende in Kontakt gekommen, erzählt Kirsten Kappert-Gonther (Die Grünen) vor dem Bundestag. Die Eltern der Verstorbenen seien unmittelbar mit der Entscheidung, die Organe zu spenden oder nicht, konfrontiert gewesen. Kappert-Gonther sagt bestimmt: „Seit dieser Zeit trage ich meinen Organsendeausweis mit mir!“

Es sind besondere Reden, die die Organspende-Debatte am Donnerstag im Bundestag prägen. Eine Gewissensfrage wird verhandelt. Deswegen gibt es keine Fraktionsdisziplin, alle Ab­ge­ord­net:in­nen sprechen für sich selbst und nicht für ihre Partei. Aktuell warten, laut Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), mehr als 8.200 Pa­ti­en­t:in­nen auf eine Organspende. Im letzten Jahr gab es in Deutschland aber nur 985 Spender:innen, die nach dem Tod ihre Organe zur Verfügung gestellt haben.

In diesem Spannungsfeld fordert eine fraktionsübergreifende Gruppe die sogenannte Widerspruchsregelung einzuführen. Bei dieser Regelung wird jede/r nach dem Tod automatisch Spender:in, es sei denn man hat dem zuvor ausdrücklich widersprochen. Im Januar 2020 wurde bereits eine ähnliche Gesetzesinitiative abgelehnt.

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Eine zweite Gruppe im Bundestag will am Status quo festhalten, wonach potenzielle Spen­de­r:in­nen zuvor ausdrücklich zustimmen müssen. Diese Ab­ge­ord­net:in­nen wollen durch die Verbesserung der Rahmenbedingungen eine höhere Spende-Quote erreichen.

Kirsten Kappert-Gonther ist trotz ihrer emotionalen Erfahrung als Jugendliche gegen eine Widerspruchslösung. Es gebe keine belastbare Evidenz, dass sie zu mehr Spenden führt. Als Spanien die Widerspruchsregelung eingeführt hatte, habe das kaum einen Effekt gehabt. Erst als Jahrzehnte später die Kliniken besser ausgestattet wurden, sei Spanien zum Organspendeweltmeister geworden.

Selbstbestimmt Entscheiden

Der ehemalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) widerspricht energisch: Kein einziges Land in Europa habe es geschafft ohne Widerspruchslösung hohe Spender:innen-Zahlen zu erreichen. In den meisten europäischen Ländern gilt bereits die Widerspruchsregelung. Manchmal bedürfe es zwar noch zusätzlicher Maßnahmen, aber die seien in Deutschland bereits umgesetzt, so Lauterbach weiter.

Michael Brand von der CDU fragt sich, ob ein Rechtsstaat angesichts von 8.000 Pa­ti­en­t:in­nen tief in die Selbstbestimmung von über 80 Millionen Menschen eingreifen dürfe. Er schließt die Frage an, wie Demokraten einfach religiöse und ethische Bedenken vieler übergehen könnten, ohne alle anderen Maßnahmen ausgeschöpft zu haben.

Wir brauchen nicht eine erneute Kampagne!

Karl Lauterbach

Auch bei der Widerspruchslösung sei jederzeit eine selbstbestimmte Entscheidung für oder gegen eine Organspende möglich, sagt Grünen-Abgeordnete, Ricarda Lang. Was nicht mehr möglich sei: „Keine Entscheidung zu treffen, ohne dass es Konsequenzen hat.“ Wenn zu Lebzeiten keine Entscheidung getroffen werde, wandere der Entscheidungszwang zu den Angehörigen.

Michael Brand kritisiert, dass die Online-Datenbank für Organspender:innen, die 2024 eingeführt wurde, zu bürokratisch sei. Der Erfolg komme mit modernen Kampagnen, ausgerichtet auf die vielen spenden bereiten Bürger:innen. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2022 sind 84 Prozent der Deutschen dem Thema Organ- und Gewebespende gegenüber positiv eingestellt. Karl Lauterbach entgegnet: „Wir brauchen nicht eine erneute Kampagne!“ Die Mehrheit wolle spenden, es solle kein Geld für eine weitere Kampagne verschwendet werden.

Zu einer Entscheidung kommt es an diesem Donnerstagabend nicht, aber Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow (Die Linke) lobt die Debatte: „Alle Argumente, die hier gefallen sind, sind Argumente für das Leben.“ Er hält seinen Organsendeausweis hoch und appelliert an alle, die zusehen: „Beschäftigen Sie sich damit!“

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