piwik no script img

Täglich über 11 antimuslimische VorfälleAngriffe auf Mus­li­m:in­nen nehmen zu

Ein Lagebild zu antimuslimischen Übergriffen zeigt: Antimuslimischer Rassismus braucht mehr Aufmerksamkeit. Betroffen sind besonders Frauen.

Für 2025 dokumentiert die Organisation Claim 4.096 antimuslimische Vorfälle und verzeichnet damit einen deutlichen Anstieg. 2024 waren es mit 3.080 noch ein Drittel weniger. Claim ist eine gemeinnützige, bundesweit tätige Organisation, die antimuslimischen Rassismus in Deutschland sichtbar machen möchte. Rima Hanano, Co-Geschäftsführerin von Claim, sagt zu den Zahlen, dass die Dunkelziffer nicht gemeldeter Fälle noch viel höher sei: „Betroffene haben das Vertrauen in Behörden, Polizei und in die Regierung verloren.“

Die im Lagebild vorgestellte Studie „Being Muslim in the EU“ der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte bestätigt, dass nur 4 Prozent der Muslim:innen, die im letzten Jahr Diskriminierung erfahren haben, diese gemeldet haben.

Gemeinsam mit Hanano stellt auch Said Etris Hashemi das Lagebild vor. Sein jüngerer Bruder Nessar wurde bei dem rassistischen Anschlag am 19. Februar 2020 in Hanau getötet. Hashemi selbst erlitt Schusswunden, unter anderem am Hals, und überlebte nur knapp. Seitdem setzt er sich gegen Rassismus und für mehr Sichtbarkeit ein. „Rassismus beginnt nicht mit Gewalt“, sagt er. „Er beginnt mit der Sprache, damit, wie über Mus­li­m:in­nen geredet wird.“

Verbale Angriffe machen 2025 mit 61,1 Prozent der Vorfälle den größten Anteil aus. Aber auch ein Anstieg bei schweren Delikten ist bemerkbar: So wurden 2 Tötungsdelikte und 214 Körperverletzungen, darunter 4 versuchte Tötungen gemeldet. Auch 320 Sachbeschädigungen und 5 Brandstiftungen wurden dokumentiert. Bedroht und verletzt werden nicht nur Muslim:innen, sondern auch Menschen, die für Mus­li­m:in­nen gehalten werden. Auch wurden 61 Angriffe auf Moscheen dokumentiert.

64,5 Prozent der antimuslimischen Angriffe richten sich gegen Frauen, 34,5 Prozent treffen Männer. Das Lagebild stellt auch Fallbeispiele vor: Im Juni 2025 wurde in Niedersachsen die 26-jährige Rahma A. von ihrem 31-jährigen Nachbarn Alexander K. an ihrer Wohnungstür angegriffen und durch mehrere Messerstiche in Brust und Bauch getötet. Bereits in der Vergangenheit soll Rahma A. von hasserfüllten Blicken ihres Nachbars berichtet haben, er habe sich auch über Lärm- und Geruchsbelästigung beschwert. Alexander K. wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, ein rassistisches Tatmotiv wurde nicht anerkannt.

Auch Kinder werden Opfer

Im Februar 2025 wurden in Berlin zwei Mädchen im Alter von 14 und 16 Jahren attackiert. Zwei Unbekannte griffen die Mädchen von hinten an und rissen an ihren Kopftüchern. Hashemi kennt die Situation von muslimischen Kindern und Jugendlichen aus seiner Bildungsarbeit an Schulen. „Ich wünsche mir, dass niemand erleben muss, was mir diese Schü­le­r:in­nen anvertrauen.“ Hashemi betont: „Hinter jeder Zahl steht ein Gesicht, hinter jeder Statistik steht eine Geschichte.“

Jeder Zweite stimmt muslimfeindlichen Aussagen zu.

Rima hanano, Co-Geschäftsführung Claim

Diskriminierung erfahren Mus­li­m:in­nen auch in Institutionen. Bei einer Betroffenenbefragung unter 468 Mus­li­m:in­nen gaben 44 Prozent an, Diskriminierungserfahrungen in Jobcentern erlebt zu haben. 55 Prozent der Befragten berichten von Diskriminierungserfahrungen in Ausländerbehörden. Auch die mediale Darstellung von Mus­li­m:in­nen als Täter und anhaltende Debatten über Migration, Asyl und Sicherheit verschärften rassistische und gesellschaftliche Spannungen. Die Angriffe kämen zwar vermehrt von Rechtsextremen, aber immer häufiger auch aus der politischen Mitte, so Hanano.

Claim fordert mehr Schutz und Unterstützung für Betroffene und einen konsequent umzusetzenden Aktionsplan. Für die finanzielle Absicherung der Projekte, die sich mit der Erfassung und Betreuung von antimuslimischen Straftaten beschäftigen, brauche es dauerhaft eingeplante Mittel auf Bundes- und Länderebene. Auch einen bundesweiten Gedenktag am 1. Juli gegen antimuslimischen Rassismus empfiehlt Claim einzuführen.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 90 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

5 Kommentare

 / 
  • Ich bin nicht sicher, ob man den Begriff des Rassismus übertragen sollte auf Gruppen, die wegen ihrer Religion angefeindet werden.

    • @Šarru-kīnu:

      Ich auch nicht. Da sich Religion anders als zugeschriebene "Rasse" ändern ließe, ist es auch ein Unterschied.

      Es hat wahrscheinlich _auch eine rassistische Abwertung noch dabei, doch müsste mensch es wohl mit christlichen Arabern und Türken m/w/d bzw. "einheimisch" aussehenden Muslimen probieren, um die Faktoren zu messen.

  • Logischerweise sind Frauen mehr betroffen. In Europa hat man seine Religion kaum offen zur Schau gestellt. Jetzt hat das Kopftuch alles völlig verändert.

    • @Friedrich Helmke:

      Lassen Sie mich raten, (lauer) Christ? Seine Religion kaum offen zur Schau gestellt? Ach was. Ich sehe diese Kirchtürme, Glocken, Kreuzkettchen und Jugendtags-Rucksäcke jetzt ganz anders.

      Paulus mal wieder lesen ansonsten. Ihre Oma dürfte im Gottesdienst zumindest mit Tuch oder Hütchen gesessen haben, denn das schreibt der Herr nämlich so vor.



      In manchen Gegenden sehen Sie christlich geprägte Frauen damit immer noch. Vor 20 Jahren in Oberammergau die erste Frau nach dem Ortsschild z.B.



      Sorry, wenn ich manche m.E. Simplifizierung auch mal anpiekse.

  • Niemand soll wegen irgendeiner Religion oder Nicht-Religion angepöbelt werden, was ist an einer solchen Maxime so schwer? Machen wir den Bullies klar, dass sie nicht in unserem Namen handeln, im Gegenteil. Das geschieht mit unseren öffentlichen Worten und Taten.