Russisch okkupierte Krim: Krieg zum Start der Touristensaison
Auf der Krim muss Benzin rationiert werden, Strom fällt aus und Ferienlager werden abgesagt. Die Ukraine will die von Russland besetzte Halbinsel isolieren – zur Hauptreisezeit.
Kein Benzin, Stromausfälle und erste Defizite bei der Grundversorgung mit Lebensmitteln: So haben sich die Menschen auf der Krim den Sommeranfang nicht vorgestellt. Und all das ist nur ein erster Vorgeschmack, denn die ukrainischen Streitkräfte peilen die vollständige Isolierung der von Russland annektierten Halbinsel an – mit Erfolg. Am Dienstag meldeten sie die Zerstörung der Eisenbahnbrücke über den Nord-Krim-Kanal. Damit fällt eine der zentralen Transportstrecken weg.
Noch steht einer Reise vom russischen Festland auf die Krim nichts im Weg. Zumindest über die 2018 fertiggestellte 18 Kilometer lange Brücke, die über eine Meerenge zwischen dem Asowschen und dem Schwarzen Meer führt, der Straße von Kertsch, fließt der Straßen- und Schienenverkehr.
Für die kommenden Tage sind die Passagierzüge weitgehend ausgebucht, aber mit einigen Tagen Vorlauf gibt es Tickets zum moderaten Preis. Am ganz im Osten der Krim gelegenen Bahnhof in Kertsch ist dann allerdings Endstation. Weitere Ziele auf der Halbinsel fährt die Bahn seit Mitte Juni nicht mehr an, nachdem bei einem Drohnenangriff auf die Lokomotive eines Personenzugs auf der Strecke Moskau–Simferopol ein Triebfahrzeugbegleiter ums Leben gekommen war.
Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.
Immer mehr Menschen verlassen die Krim
Pkw haben, abgesehen von der obligatorischen Fahrzeugkontrolle, von der russischen Seite kommend freie Fahrt. In der entgegengesetzten Richtung hingegen staut sich der Verkehr vor der Brückenauffahrt. Am Mittwoch betrug die Wartezeit für die dort stehenden über 900 Autos mindestens drei Stunden. Tatsache ist, dass derzeit weitaus mehr Menschen die Krim verlassen, als sie ansteuern.
Trotzdem fahren nach wie vor Urlauber*innen auf die Krim. Allerdings nur die ganz Hartgesottenen oder jene, die schlicht ausblenden oder immer noch nicht realisiert haben, was kriegsbedingt dort auf sie zukommen wird. Ob sie überhaupt wie geplant mit Bus oder Bahn wieder nach Hause zurückfahren können, ist ungewiss.
Freier Verkauf von Benzin auf der Krim seit Mai eingestellt
„Auf der Krim handeln Privatleute mit Benzin für 250 Rubel den Liter“, erzählt ein Barista in einem Kaffeekiosk im Moskauer Zentrum. Das habe ihm sein Freund, der auf der Krim lebt, vor ein paar Tagen berichtet. Das sind umgerechnet stolze drei Euro. Aber damit, so mutmaßt er, sei es sicher bald vorbei, denn lange dürften deren Vorräte nicht anhalten. Genauso wenig wie an kleinen Tankstellen in der russischen Provinz, die keiner großen Kette angehörten und wo die Fahrzeuge, anders als noch vor einigen Wochen, plötzlich Schlange stünden. „Es ist wie es ist“, beendet er stoisch seinen Monolog.
In weit über der Hälfte der russischen Regionen ist die Ausgabe von Sprit mittlerweile rationiert. Auf die Krim traf dies schon seit Ende Mai zu, am 21. Juni wurde, per Verfügung des Regionaloberhaupts Sergei Aksjonow, der freie Verkauf von Kraftstoff an den Tankstellen dann ganz eingestellt. Anspruch auf Benzin haben nur noch staatliche Stellen, die für das Funktionieren und die Sicherheit der Republik Sorge tragen. Gleiches gilt für die als Marinestützpunkt mit einem Sonderstatus ausgestattete Hafenstadt Sewastopol – aufgrund von Verzögerungen bei den Brennstofflieferungen in die Stadt, so die offizielle Begründung.
Land- und Seewege unter ukrainischem Beschuss
Nachschub in ausreichendem Umfang zu organisieren stellt die Behörden vor unlösbare logistische Herausforderungen. Über den Landweg vom Norden her laufen Benzintransporter Gefahr, ins Visier ukrainischer Drohnen zu geraten, die Tankwagen und Militärfahrzeuge konsequent unter Beschuss nehmen. Längst trägt die vom russisch besetzten Melitopol auf die Krim führende Route die Bezeichnung „Straße des Todes“.
Auch der Seeweg ist riskant. In der Nacht zum 21. Juni brach nach einem Angriff Feuer auf drei Krim-Autofähren aus. Inzwischen lockerten die Behörden die geltenden Beschränkungen für Transporte über die Krim-Brücke, so dass Privat-Pkw nun statt bislang 100 Liter Flüssigkeit bis zu 200 Liter mitführen dürfen – das kann Wasser, aber auch Treibstoff sein. Eine Notlösung, mehr nicht.
Stromausfälle und abgesagte Ferienlager
Seit Mitte Mai steht die Krim unter Dauerbeschuss. Ziel sind, neben der Energieinfrastruktur, Militärflughäfen und die Flugabwehr. Kinderferienlager wurden aus Sicherheitsgründen abgesagt. Infolge von Drohnenattacken fiel in der Nacht auf Mittwoch die Stromversorgung in Sewastopol komplett aus, auch in Jalta und anderen Küstenorten sowie im Nordteil brach das Netz stellenweise zusammen.
Durchhalteparolen finden sich auf Social Media trotzdem zur Genüge. Iwan Schilin, Korrespondent der Moskauer Novaya Gazeta, erlebte bei seiner jüngsten Krim-Reise aber auch eine andere Stimmung: Eine müde Sehnsucht nach Ruhe.
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