Folgen des Klimawandels: Tempo 30 auf der Autobahn
Die Hitzewelle dauert an. Mit Folgen für Schwangere, Vorerkrankte, Alte, den Wasserverbrauch und den Asphalt auf den Autobahnen.
Auf der Autobahn von Dresden nach Berlin gilt jetzt mancherorts Tempo 30: Bei hohen Temperaturen dehnt sich der Fahrbahnbeton weiter aus, als die Teerfugen erlauben. Die Spannungen, die entstehen, lassen den Beton eisschollenartig aufbrechen, es entstehen sogenannten Blow-ups. Der ADAC rät, die Geschwindigkeitsbegrenzung unbedingt einzuhalten und besonders aufmerksam zufahren: „Wer Schäden an der Fahrbahn bemerkt, sollte diese umgehend der Polizei melden.“
Gemeldet wurden solche Hitzeschäden nicht nur auf der A13 aus dem Landkreis Dahme-Spreewald, sondern auch von der A1 zwischen Bargteheide und Bad Oldesloe, von der A3 beim Autobahnkreuz Deggendorf, von mehreren Stellen auf der Autobahn 92 und auch die A 93 hinter dem Dreieck Saalhaupt. Die bundesdeutsche Infrastruktur ist für mitteleuropäisches Klima ausgelegt. Allerdings hat der Klimawandel das bereits verschoben, wie das Umweltbundesamt ermittelt hat: Demnach gibt es in Hamburg heute ein Klima, wie es in Köln zwischen 1961 und 1990 herrschte. Köln wiederum hat heute ein Klima wie die französische Stadt Tours, die circa 250 Kilometer südwestlich von Paris liegt.
Deshalb experimentieren die Straßenbauer mit neuen Mischungen, um die Temperatur des Asphalts zu senken. Auf der Autobahnbrücke der A1 über die Weser in Bremen zum Beispiel leuchtet seit dem Sommer 2020 die Fahrspur Richtung Osnabrück cremefarben. Auf 800 Metern wurde hier die Oberfläche aus Splitt des hellen Natursteins Lysit hergestellt. Nach Erkenntnissen der Bremer Straßenbaubehörde heizt sich die Straße dadurch um 8 bis 10 Grad weniger auf.
Von den letzten zehn Jahren gehören acht zu den heißesten, die jemals in Deutschland gemessen wurden: An diesem Donnerstag stieg das Thermometer im Südosten über die 36-Grad-Marke. In der Nacht zuvor wurde der bisherige Temperaturrekord eingestellt: In rheinland-pfälzischen Bad Bergzabern fiel die Temperatur nicht unter 26,2 Grad, exakt jene Nachtemperatur, die im Juli 2019 den bisherigen Rekord holte. Für den Freitag erwartet der Deutsche Wetterdienst Höchstwerte zwischen 31 und 38 Grad, im Westen und Südwesten sind lokal bis 41 Grad möglich. US-Forscher ermittelten 2018: Ohne radikalen Klimaschutz wird in Europa ein Sommer der Jahre 2061 bis 2081 mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit heißer sein als die heißesten, die bisher hier auftraten.
Hitzeschutz ist ein zahnloser Tiger
Für weite Teile Deutschlands gilt eine Hitzewarnung, trotzdem ist der Hitzeschutz im föderalen Deutschland immer noch ein zahnloser Tiger. In den letzten Jahren gab es hierzulande mehr Hitze- als Verkehrstote, vor allem alte Menschen, Vorerkrankte, Schwangere und Kleinkinder gelten als Risikogruppe, weil ihre Körper sich nicht mehr so gut herunterkühlen können. Einen einheitlichen Plan gibt es nicht, Hitzeschutz ist Ländersache. „Wir haben bislang eine Empfehlungskaskade“, kritisiert Henny Annette Grewe vom Public Health Zentrum Fulda: „Jeder empfiehlt der darunterliegenden administrativen Ebene, was sie denn mal tun sollte.“ Der Bund darf den Kommunen keine verbindlichen Vorgaben machen, die Länder scheuen sich, Pflichtaufgaben zu verteilen, weil sie dafür Geld bereitstellen müssten.
Hitzeschutz wird so eine Frage des lokalen guten Willens. Erfurt, Berlin-Marzahn, Würzburg oder Köln beitreiben ein personalaufwendiges Hitzetelefon, um Gefährdete zu beraten: Beispielsweise muss bei Hitze Medizin anders dosiert werden. Andernorts bleibt es bei Flyern, die Senioren darauf hinweisen, genug zu trinken. In Berlin trägt der die Überschrift: „Hitzewelle? Berlin bleibt cool.“
Ein Symptom von heißen Tagen: Der Wasserverbrauch steigt rapide. Im Hitzesommer 2018 schossen in Freiburg 63.000 Kubikmeter täglich durch die Leitungen, „absoluter Rekord“, erinnert sich Frank Bartmann vom örtlichen Versorger Badenova: „Die Leute haben zwei- oder dreimal am Tag geduscht.“ Andere Wasserwerke berichteten dasselbe. Schwere Hitzewellen schlagen sogar bis in die Jahresstatistik durch: Der Pro-Kopf-Verbrauch an Wasser, eigentlich langfristig sinkend, springt in Jahren mit Hitzesommern hoch.
Die Anzahl der Brunnen, Förderkapazitäten, Querschnitte von Rohrleitungen – die Wasserversorgung ist stets nur für eine bestimmte Kapazität ausgelegt. Ein Ausbau ist nicht beliebig möglich, in jedem Falle ist er langwierig und teuer. Also kommt es immer öfter zu Engpässen, erste Kommunen haben jetzt „Bewässerungsbeschränkungen“ ausgesprochen. So darf etwa in der Region Hannover zwischen 11 und 17 Uhr der Rasen nicht mehr gewässert werden, im Landkreis Potsdam-Mittelmark ist die Bewässerung mit Wasser aus privaten Brunnen zwischen 8 und 20 Uhr verboten.
Auch für das Wochenende sagt der Wetterdienst hohe Temperaturen voraus – gepaart mit teils schweren Gewittern. In Hamburg wurde deshalb der Halbmarathon abgesagt.
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