piwik no script img

Nahost-KonfliktIsrael will im Südlibanon bleiben

Während Israel in Washington verhandelt, greift es im Süden des Libanons trotz vermeintlicher Waffenruhe weiter an. Iran fordert Israels Rückzug aus dem Gebiet.

Julia Neumann

Aus Beirut

Julia Neumann

Am Mittwoch hat die israelische Armee zum zweiten Mal binnen weniger Stunden im von ihr völkerrechtswidrig besetzten Südlibanon einen Angriff gestartet. Nach eigenen Angaben griff sie im Gebiet des Gebirgskamms Ali al-Taher aus der Luft ein Fahrzeug an, in dem sie Mitglieder der Hisbollah vermutete. Erst am Dienstag hatten israelische Soldaten in der Gemeinde Nabatiäa al-Fauka nahe eines Bulldozers, der eine Straße räumte, auf eine Gruppe von Menschen geschossen und dabei zwei Menschen getötet.

Auch hier behauptet das israelische Militär, seine Soldaten hätten auf vier Hisbollah-Mitglieder geschossen, die mit einem Bagger und einem Motorrad in eine von Israel erdachte Sicherheitszone im Südlibanon „eingedrungen seien“. Das seien die ersten Toten durch israelischen Beschuss seit drei Tagen gewesen, meldeten der libanesische Zivilschutz und die staatliche Nachrichtenagentur NNA.

Israelische Soldaten sollen zudem am Ortsrand von Hadatha auf Einwohner geschossen haben, die – begleitet vom libanesischen Militär – auf dem Weg zu einer Beerdigung waren, meldet NNA. Auch am Boden gehen die Kämpfe weiter – vor allem rund um den strategisch wichtigen Bergrücken Ali al-Taher im Südlibanon. Das israelische Militär behauptet, es halte dort Hisbollah-Kämpfer in einem ihrer Tunnel gefangen. Die Hisbollah habe unter dem Berg eine ihrer größten Untergrundanlagen, sagten auch zwei hochrangige libanesische Vertreter der New York Times.

Die israelischen Angriffe und erneuten Gefechte könnten die Verhandlungen für ein Ende des Irankriegs gefährden. Ein vollständiger Waffenstillstand im Libanon ist Bestandteil des bisherigen Abkommens zwischen USA und Iran. Irans Führung droht, den Deal zu brechen, sollte Israel weiter im Libanon angreifen. Libanons Regierung möchte mit Israel ein eigenes Abkommen abschließen – ohne, dass sich Iran einmischt. Sie hatte Anfang 2026 im Dialog mit der Hisbollah eine erste Phase der Entwaffnung der schiitischen Miliz im Südlibanon bereits für abgeschlossen erklärt, doch Israel ging es nicht schnell genug. Trotz vereinbarter Waffenruhe griff Israel auch danach täglich im Libanon an. Mit dem Großangriff der USA und Israels auf Iran Ende Februar 2026, bei dem der iranische Religionsführer Ali Chamenei getötet wurde, stieg die Hisbollah wieder in den Krieg ein.

Mehr als zehntausend zerstörte Orte

Die Folgen für den Libanon sind dramatisch. Durch israelische Angriffe wurden dort seit dem 2. März 2026 fast 4.200 Menschen getötet, darunter 247 Kinder sowie über 176 Rettungssanitäter und medizinisches Personal. Mehr als 12.170 Menschen wurden verletzt, meldet das libanesische Gesundheitsministerium. Bei Angriffen der Hisbollah und Irans auf Israel wurden 67 Menschen getötet und mehr als 9.150 verletzt. Am Mittwoch meldete die israelische Armee, im Süden des Libanon sei ein weiterer israelischer Soldat getötet worden. Die Zahl der seit Anfang März im Libanon getöteten Israelis stieg damit nach Armeeangaben auf 27, darunter 26 Soldaten.

Im Süden des Libanons ist die Armee inzwischen weit vorgerückt, sie hält dort über 55 Dörfer besetzt. Anwohnende berichten, es werde auf sie geschossen, sollten sie versuchen, zurückzukehren. Vergangene Woche, wenige Tage vor der nächsten Verhandlungsrunde, kündigte Israels Militär noch weitergehende Pläne an: Es wolle bis zu zehn Kilometer ins Landesinnere alles zerstören, um eine Pufferzone zu schaffen. Israels ultrarechte Regierung begründet die Besatzung des Südlibanons damit, dass die radikal-islamistische Miliz Hisbollah dort aktiv sei.

Schon jetzt hinterlässt Israel im Südlibanon eine Spur der Zerstörung. Laut einem neuen Bericht der Vereinten Nationen hat Israels Armee seit Anfang März im Südlibanon mehr als 11.000 Gebäude vollständig zerstört. 2.200 Gebäude sind teils beschädigt und 9.300 gering beschädigt, meldet das UN-Entwicklungsprogramm. Der Wiederaufbau koste 1,38 Milliarden US-Dollar.

Die Gespräche gehen weiter

Die Schäden sind tatsächlich jedoch noch viel größer, denn analysiert wurde nur der Zeitraum ab April. Bei Israels vorherigem Einmarsch und den Bombardierungen zwischen dem 8. Oktober 2023 und dem 20. Dezember 2024 wurden bereits viele Häuser, Krankenhäuser, Schulen, Felder und Straßen plattgemacht. Über 10.000 zerstörte Orte dokumentierte Amnesty International bereits bis November 2024. Israel habe gezielt zivile Infrastruktur zerstört, so Amnesty, und forderte, die Angriffe müssten als mögliche Kriegsverbrechen untersucht werden. Die Weltbank schätzte schon damals die Wiederaufbaukosten auf elf Milliarden US-Dollar. Viele Grenzorte im Südlibanon liegen in Schutt und Asche.

Trotz der Zwischenfälle im Südlibanon gingen die Gespräche in Washington am Mittwoch weiter. Eine Einigung wird aber schwer, denn die Hisbollah nimmt an den Gesprächen gar nicht erst teil. Libanons Premierminister Nawaf Salam hatte bereits im Mai aufgrund des Drucks der Hisbollah seine Teilnahme abgesagt. Libanons Verhandlerin, die Botschafterin Nada Moawed, ist mehr Ökonomin als Diplomatin. Israels Verhandler, der Botschafter Yechiel Leiter, ist ein ultrarechter Siedlungsaktivist. Das bietet wenig Raum für eine Annäherung.

Die Positionen liegen weit auseinander: Israels Regierung möchte, dass die Hisbollah all ihre Waffen an den libanesischen Staat abgibt. Libanons Regierung möchte das im Prinzip auch. Anfang des Jahres hatte sie die Entwaffnung der Hisbollah im Südlibanon bereits für abgeschlossen erklärt. Doch die zweite Phase ihres Entwaffnungsplans stockte, weil die Hisbollah sich weigerte, Waffen im gesamten Land abzugeben.

Hin und Her in Washington

Die libanesische Regierung wiederum fordert den Abzug der israelischen Truppen und das Ende der israelischen Besatzung im Südlibanon. Israel wiederum möchte seine Soldaten nicht abziehen, wie es erst jetzt wieder bekräftigte. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärte am Mittwoch, das werde nicht passieren, solange er im Amt sei. Verteidigungsminister Israel Katz bekräftigte ebenfalls am Mittwoch, die israelischen Truppen würden sich nicht aus dem Libanon zurückziehen, „selbst wenn die USA dies fordern“. Die vertriebenen libanesischen Einwohner „werden nicht in ihre evakuierten Häuser zurückkehren“, drohte Katz.

Vertretern beider Länder zufolge sprechen die Di­plo­ma­t*in­nen in Washington über einen von den USA unterstützten Plan, wonach israelische Truppen einen Teil der von ihr besetzten Gebiete an die libanesische Armee übergeben sollen. Die libanesischen Soldaten würden von den USA ausgebildet und überprüft, so israelische Regierungsvertreter. Israel werde jedoch seine „militärische Präsenz“ aufrechterhalten.

Am Donnerstag machten widersprüchliche Meldungen zu einem möglichen Teilrückzug israelischer Truppen aus dem besetzten Südlibanon die Runde. Zuerst erklärte ein Vertreter des ‌US-Außenministeriums, Israel habe als Geste des guten Willens gegenüber der libanesischen Regierung aus einem Teil der „Pufferzone“ seine Truppen abgezogen. Doch Israel ‌und der Libanon ‌wiesen diese Aussage zurück. Ein hochrangiger Vertreter des israelischen Verteidigungsministeriums sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die Armee werde sich nicht zurückziehen. Auch ein ranghoher libanesischer Militärvertreter erklärte, die Entwicklungen vor Ort zeigten das Gegenteil eines Abzugs. Die Situation ist verfahren und die Verhandlungen kommen nicht wirklich voran.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 90 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare